Unterrichtsausfall: Gymnasiasten verpassen ein ganzes Schuljahr

Es geht um mehr als eine Million Schulstunden pro Woche: Laut einer Studie des deutschen Lehrerverbands verpassen Schüler rund zehn Prozent des Unterrichts - weil dieser ausfällt oder nicht adäquat vertreten wird.

Berlin - Jede zehnte Unterrichtsstunde an deutschen Schulen findet nicht regulär statt: Das ergab eine Studie des Deutschen Lehrerverbandes (DL), wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtet. Für Gymnasiasten, die zwölf Jahre zur Schule gehen, summiert sich demnach der Unterrichtsausfall auf rund ein Jahr. Zugleich seien mehrere zehntausend junge Lehrer ohne feste Beschäftigung, bemängelte Josef Kraus, Chef des DL, gegenüber der Zeitung.

Offizielle Zahlen zum bundesweiten Unterrichtsausfall gibt es nicht. Einige Bundesländer legen die Statistiken offen, andere verhandeln die Zahlen jedoch lediglich intern.

Die Befunde des Lehrerverbandes stützen jedoch die Ergebnisse einer Studie aus dem November vergangenen Jahres. Der Deutsche Philologenverband schätzte zu diesem Zeitpunkt, dass drei bis vier Prozent des Unterrichtes ersatzlos ausfallen würden. Weitere vier bis sechs Prozent fänden nicht dem Stundenplan entsprechend statt oder würden nicht fachgerecht vertreten.

Besonders betroffen sind demnach berufliche Schulen und Gymnasien, am geringsten ist der Stundenausfall an Grundschulen, wie es in einer Pressemitteilung des Philologenverbandes heißt. Laut der Lehrervereinigung sind an den Schulen nicht genügend Fachkräfte verfügbar, die einspringen können, wenn Lehrer krank werden oder Fortbildungen besuchen. Der Verband forderte deshalb eine "Vertretungsreserve" von 8 Prozent der regulären Lehrerstellen.

usp/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Späte Erkenntnis
gertbue 28.01.2012
Wir Eltern wissen das schon seit langem. Es ist toll, dass wir es jetzt amtlich haben. Vielleicht kommt jetzt ja eine Studie, die den Beamten im den Kultusministerien beweist, wie hoffnungslos verfahren unser Schulsystem ist. Auch das muss man uns Eltern nicht mehr sagen: Wir haben es schon vor Jahrzehnten am eigenen Leib erfahren. Armes Deutschland.
2. Das Problem
gangker2 28.01.2012
ist in einigen Ländern die überalterte Lehrerschaft. In den mitteldeutschen Bundesländern fallen nach meinen Erfahrungen pro Schule etwa 10-15% der Kollegen dauerhaft krankheitsbedingt aus. Denen ist kein Vorwurf zu machen, da der Job wirklich belastend ist. Geld für neue Stellen ist aber nicht da, sodass eine durchschnittliche Schule lediglich mit 80-85% der Soll-Lehrerstellen auskommen muss, wenn man kurzfristige Erkrankte mit einrechnet. Wäre die Bereitschaft nicht so hoch unbezahlte Vertretungsstunden zu übernehmen, fiele noch mehr Unterricht aus. Die Altersstruktur in den alten Bundesländern ist etwas günstiger, dort hat der verbreitete Ausfall andere Gründe. In den neuen Ländenr ist es das Ergebnis einer kurzsichtigen Personalpolitik, die die Schulen personell ernsthaft ausbrennt.
3. Das war schon vor 25 Jahren so!
Blaue Fee 28.01.2012
1984/85 fehlte unser Deutschlehrer am Gymnasium mehr als ein Dreivierteljahr, ohne dass auch nur eine Aufsicht gestellt wurde. Bei meiner kleinen Schwester fehlten vor 8 Jahren regelmässig Lehrer in wichtigen Fächern: Mathe, Chemie, Deutsch und Englisch in einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig. Ich finde es ja reichlich witzig, dass man sich das nun eingesteht. Kein Wunder, dass die Eltern, die sich um ihre Kinder Sorgen machen, diese nun lieber an Ersatz- und Privatschulen sehen.
4.
pixie48 29.01.2012
Zitat von sysopEs geht um mehr als eine Million Schulstunden pro Woche: Laut einer Studie des deutschen Lehrerverbands verpassen Schüler an Gymnasien rund zehn Prozent des Unterrichts - weil dieser ausfällt oder nicht adäquat vertreten wird. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,812028,00.html
Ich frage mich, warum in meiner gesamten Schulzeit keine einzige Stunde ausgefallen ist. Sicher, LehrerInnen sind auch krank geworden. Komischerweise, haben wir dann immer Aufgaben bekommen, die wir in der Klasse mit oder ohne Aufsicht anfertigen mussten, die dann auch gefprueft wurden. Gibt es denn wirklich einen Grund, warum alles zusammenbrechen muss, oder gibt es nur Ausreden?
5.
dickebank 29.01.2012
Der DL hat die durchschnittliche Krankenstandsquote von 3% bis 4% angesetzt und darüber hinaus darauf hingewiesen, dass des öfteren Unterricht fachfremd erteilt wird, mehr nicht. Der strukturelle Unterrichtsausfall als Folge fehlender Lehrer gehört unter die Sachverhalte, die unter das Dienstgeheimnis fallen. Das heißt, Lehrer, die Eltern gegenüber die Abweichung zwischen Soll- und Ist-Lehrerstundenzahl verraten, werden disziplinarisch belangt. Der Trick der offiziellen Zahlen ist doch, dass lediglich verraten wird, was jeder weiß, der einen Vertretungsplan lesen kann. Sein Kind hat laut Ist-Stundenplan 28 Wochenstunden. In einer Woche ist neben Sport auch noch eine Doppelstunde Chemie wegen Erkrankung ausgefallen. Die Chemie-Stunde wurde durch einen Musiklehrer vertreten, die SuS konnten Freiarbeit machen. Die offizielle Statistik weist folglich nur eninen Unterrichtsausfall von 2 Stunden Sport aus. Dass die Stundentafel mit 28 Stunden von vornherein wegen Lehrermangels von der Soll-Stundentafel um 4 Stunden abweicht, wird nicht verraten und auch nicht erfasst. Diese strukturelle Kürzung erfolgt um die wenigen zur Verfügung stehenden Fachlehrerstunden und die Raumressourcen besser auf alle Schüler zu verteilen ==> Mangelverwaltung. Da stehen dann nur 2 statt 3 Sportstunden je Woche auf dem Programm, Musik und Kunst werden lediglich halbjählich im Wechsel unterrichtet, und bei Physik wird dann 1-stündig statt 2-stündig je Woche unterrichtet. So kommen von vornherein 4 Minusstunden zustande. In offiziellen Statistiken wird immer nur die Lehrerkopfzahl in relation zur Schülerzahl gesetzt. Dass mehr als ein Drittel der Kollegien in Teilzeit arbeitet, wird dabei nicht ausgewiesen. Beispiel Bei einem 60-köpfigen Kollegium unterrichten um die 10 Personen mit halbem und weitere 10 mit 70% der Stundenverpflichtung. Das ergibt folgende Vollzeitäquivalente: 40 * 100 + 10 * 50 + 10 * 70 = 5200 5200 / 100 = 52 Volzeitäquivalente Hatten wir vorher eine Relation von 900 SuS zu 60 LuL, haben wir defacto eine relation von 900 zu 52, statt 1 : 15 landen wir bei 1 : 17,3. Und von diesen und anderen Zahlenspielereien lebt die gesamte Schulstatistik. Es gibt kein Bundesland, das hingeht und schulscharf folgende Zahlen auf den Tisch legt: Soll-Stundenzahl je Jahrgang mal Schülerzahl durch durchschnittliche Klassenfrequenz im Verhältnis ergibt die Anzahl der abzuhaltenden Schulstunden je Woche im Jahrgang ohne weitere Differenzierung. Bsp.: 32 WS * 116 SuS * 28 SuS je Kurs = 132,6 Diesen 133 Unterrichtsstunden müssen also 133 Lehrerstunden planerisch gegenüber stehen. 132,6 U-Einheiten / 25,5 Lehrerwochenstunden = 5,2 Lehrer Dieses einfache Beispiel zeigt, warum es an Grundschulen relativ gut klappt. Es wird nämlich so getan, als ob jeder jedes Fach unterrichten kann, was an GSen ja auch gemacht wird. Bei Fachlehrerunterricht sieht das vollkommen anders aus. Mit der Fächerkombi Deutsch/Geschichte lässt sich zwar das Kollegium auffüllen, damit es zahlenmäßig hinhaut, Streichungen in Geographie, Physik, Chemie, Informatik und Mathematik sowie Musik werden dadurch aber nicht kompensiert. Folglich ist auch die lehrerreserve nur ein kosmetischer Trick, da sie in Mangelfächern allenfalls fachfremden Unterricht garantieren kann.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Gymnasium
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 47 Kommentare

Social Networks