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Unterricht: Warum die erste Stunde für Jugendliche Folter ist

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Schluss mit der Quälerei am Morgen: Mit mehr Schlaf würden Schüler motivierter und erfolgreicher lernen. Warum also der frühe Start?

Teenager: Morgens immer müde, aber abends sind sie wach Zur Großansicht
Corbis

Teenager: Morgens immer müde, aber abends sind sie wach

Wer schon einmal Jugendliche in der ersten Schulstunde beobachtet hat, weiß: Schlafforscher müssen recht habenmit ihrer Forderung nach einem späteren Unterrichtsbeginn. Zwei Drittel der Schüler haben zwar die Augen geöffnet, können aber kaum etwas aufnehmen. Sie gehören zum "Eulen"-Typ, für den der Schulbeginn jeden Tag aufs Neue eine Qual ist. Schläfrig bis komatös hängen sie in ihren Stühlen und bauen über die Schulwoche ein immenses Schlafdefizit auf. Sie leben permanent in einer Art Jetlag.

Viele Studien haben belegt, dass die Kinder ausgeglichener und erfolgreicher lernen und Jugendliche zu weniger Stimulanzien wie Nikotin und Koffein greifen, wenn die Schule später beginnt. Trotzdem tut sich nichts im Schulsystem. Warum ist das so? Wer bestimmt den Unterrichtsbeginn? Und wie viel Schlaf braucht der Mensch? Ein Überblick über die wichtigsten Antworten zum Thema.

Wie viel Schlaf brauchen Kinder?

Viel. Das Gehirn ist bei Schulkindern sehr aufnahmefähig, braucht aber ausgedehnte Regenerationsphasen, um die Informationen des Tages im Langzeitgedächtnis zu verarbeiten. Grundschüler sollten zehn bis elf Stunden pro Nacht schlafen, Jugendliche brauchen etwa neun Stunden. Schlafen Schüler weniger, können sie sich schlecht konzentrieren, werden missmutig und depressiv, manche entwickeln Wachstumsstörungen. Schlafmangel macht krank, dumm und dick, beschreibt der Neurobiologe Peter Spork in seinem Buch "Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft".

Fängt die Schule überall um 8 Uhr an?

8 Uhr ist die Regel in Deutschland, aber der Schulstart ist nicht einheitlich reglementiert. Manche Schulen zwingen Kindern zur "nullten Stunde" um 7.15 Uhr, in Sachsen und Sachsen-Anhalt müssen Schüler traditionsgemäß schon um 7.30 Uhr ran. In Baden-Württemberg und Hamburg legen die Schulen den Beginn selbst fest, einige wenige beginnen erst um 9 Uhr. In anderen EU-Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien ist das ebenfalls üblich.

Was passiert, wenn man gegen den eigenen Biorhythmus anlebt?

Es ist ein modernes Märchen, dass jemand, der früh aufsteht, auch besonders leistungsfähig ist. Wenn eine "Eule" zu wenig schläft, sitzt sie nur völlig übermüdet in den ersten Schulstunden, ihre volle Konzentrationsfähigkeit erreicht sie erst am späten Vormittag. Ab der Pubertät schadet der Mehrzahl der Schüler der Unterrichtsbeginn um 8 Uhr: Eine Forschergruppe am Hasbro Kinderkrankenhaus in Providence im US-Staat Rhode Island hat herausgefunden, dass schon mit einer halben Stunde mehr Schlaf am Morgen die Jugendliche motivierter waren, seltener den Unterricht schwänzten und sich weniger oft als deprimiert beschrieben. Der Leipziger Biologe Christoph Randler sagt, der Schulstart um 8 Uhr diskriminiere die Mehrheit der Schüler, weil sie Spättypen sind und Frühaufsteher somit die besseren Noten erhalten.

Kann man seinen Biorhythmus verändern?

Nein. Der Schlafrhythmus ist individuell festgelegt und wird von einem Nervenzellsystem getaktet. Aber der Biorhythmus verschiebt sich im Laufe des Lebens. Kleinkinder sind oft noch ausgesprochene Frühaufsteher. Mit den ersten Hormonschüben bleiben Kinder abends länger wach, weil das Schlafhormon Melatonin erst später ausgeschüttet wird. Die Kinder mutieren zu Nachteulen, kommen morgens dann nicht aus dem Bett. Ab dem 30. Lebensjahr verändert sich die innere Uhr wieder in die andere Richtung. Das ist auch der Grund, warum Eltern dem Schlafrhythmus ihrer Teenager oft mit Unverständnis begegnen.

Was spricht gegen einen späteren Unterrichtsbeginn?

Während sich Bundespolitiker wie Kristina Schröder oder Günther Oettinger regelmäßig für einen späteren Schulstart stark machen, drücken sich die Landesminister um das Thema. Zum einen wehren sich die Lehrer, denen aufgrund ihres Alters das frühe Aufstehen leichterfällt - die Hälfte der deutschen Pädagogen ist 50 Jahre oder älter. Eine Umstellung hätte auch strukturelle Auswirkungen: Wenn sich der Unterricht bis weit in den Nachmittag verschöbe, müssten die Schulen zumindest für jüngere Kinder Mittagessen anbieten. Die Länder warnen außerdem vor dem Aufwand, der entstehen würde, wenn die Fahrpläne des Nahverkehrs angepasst werden müssten. Die meisten Schulgesetze der Länder sehen aber vor, dass die Schulen selbst über den Unterrichtsbeginn entscheiden können. Wenn also Eltern und Lehrer die Dinge verändern wollten, hätten sie die Möglichkeit dazu.

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Unterrichtsbeginn

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