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Konfessionslose Grundschüler: Kinder zu Religionsunterricht verpflichtet

Zwei Elternteile, zwei Meinungen: Die Mutter wollte nicht, dass ihre Kinder zum Religionsunterricht gehen - der Vater schon. Darüber musste jetzt ein Gericht entscheiden und urteilte: Die Kinder sollen teilnehmen. Alles andere könne das Kindeswohl gefährden.

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AP

Religionsunterricht: Kinder sollen teilnehmen, obwohl sie nicht wollen, entschied ein Gericht

Die ersten sechs Jahre ihres Lebens hatten die Zwillinge M. und W. aus einem kleinen, katholisch geprägten Ort in der Nordeifel mit Religion nicht viel am Hut. Ihre Eltern waren sich einig: Sie sollten konfessionslos aufwachsen und später selbst entscheiden, ob sie einer religiösen Gemeinschaft angehören wollen. Daran änderte sich zunächst auch nichts, als sich die ebenfalls konfessionslosen Eltern vor fünf Jahren trennten.

Nach dem Ende der Schulferien in Nordrhein-Westfalen Ende August kommen das Mädchen und der Junge in die erste Klasse einer Gemeinschaftsgrundschule. Überraschenderweise wird auch das Fach katholische Religion auf ihrem Stundenplan stehen. Diese Entscheidung traf das Amtsgericht Monschau Ende Mai, nachdem der Vater sich in der Familiensache an das Gericht gewandt hatte.

Eine juristische Klärung wurde notwendig: Die Eltern teilen sich das Sorgerecht für ihre Kinder und konnten sich - mal wieder - nicht einigen.

Der Vater geht davon aus, dass die Teilnahme am Religionsunterricht und an den Schulgottesdiensten das Beste für das Wohl der Kinder ist. Eine Befreiung von der Teilnahme könne zur Ausgrenzung der Kinder aus der Schulgemeinschaft führen, befürchtet er. Die Mutter hingegen will die Entscheidung nach wie vor den Kindern selbst überlassen.

Ein Sitzungstermin wurde anberaumt, die Eltern trafen sich im Amtsgericht. Der Richter hörte sie an, erbat die Einschätzung des Jugendamts und befragte die Kinder selbst. Die Geschwister, die bei ihrer Mutter leben, gaben an, nicht am Religionsunterricht teilnehmen zu wollen.

Gericht: Die Ausgrenzung könne Integration gefährden

Trotz der Bedenken der Mutter und der ablehnenden Haltung der Kinder entschied der Richter, der Argumentation des Vaters zu folgen und ihm "während der Grundschulzeit die Entscheidung über den Besuch des Religionsunterrichts und die Entscheidung über den Besuch der Schulgottesdienste für die Kinder zu übertragen".

Im Urteilstext, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es: "Die Nichtteilnahme an den genannten schulischen Veranstaltungen stellt eine Gefährdung des Kindeswohles dar."

Zur Begründung wird angeführt, eine "Ausgrenzung" durch die Nichtteilnahme würde "eine Integration in den Klassen- und Schulverband und gemeinhin auch einen 'erfolgreichen' Start in die Grundschule erschweren". Daher sei es "für das Kindeswohl förderlich und auch notwendig, den Besuch des Unterrichts und der Schulgottesdienste zu ermöglichen".

Auch sei zu berücksichtigen, dass "die Kinder außerhalb der mütterlichen Wohnung sich in einem ländlich-katholisch geprägten Umfeld bewegen". Christliche Symbole und Rituale stellten für die Kinder daher nichts Fremdes dar, sie seien vielmehr "Teil des Alltags".

Rechtskräftig ist der gerichtliche Beschluss noch nicht, die Anwältin der unterlegenen Mutter ist in Berufung gegangen. Der Fall geht nun an das Oberlandesgericht Köln.

mab

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