Vernachlässigte Kinder: 100 Euro Prämie für pünktlichen Schulbesuch

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Was tun, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern? Geld hilft - glaubt die Stadt Oer-Erkenschwick. In einem Experiment will sie Bonuskarten als "Rabattmarken für vernünftiges Verhalten" verteilen: Wenn Problemfamilien mitmachen, erhalten sie Einkaufsgutscheine.

Erst war er sich selbst nicht sicher, wie gut die Idee wirklich ist. Michael Hess, Jugendpfleger im nordrhein-westfälischen Oer-Erkenschwick, saß mit einem Schuldirektor zusammen und diskutierte, was man tun kann, wenn Eltern ihre Kinder nicht pünktlich zur Schule schicken. Wenn sie ihnen kein Pausenbrot mitgeben, wenn sie sich jedem Angebot von Schule, Jugendamt und Behörden verweigern - wenn sie sich einfach nicht kümmern.

Kind in Berlin: Bonuskarte für Eltern, die sich sonst kaum um ihre Kinder kümmern
AP

Kind in Berlin: Bonuskarte für Eltern, die sich sonst kaum um ihre Kinder kümmern

Hess, der Pragmatiker, fragte: "Wie würde es die Wirtschaft machen?"

Wer seine Kunden nicht erreicht, der muss Anreize schaffen, dachte sich Hess. Mit Kollegen und Freunden diskutierte er die Idee, überzeugte sie und schrieb einen Antrag. Hess nennt es eine "Art Rabattmarkenheft für vernünftiges Verhalten" - die Elternbonuskarte.

So sieht das Konzept aus: 100 Bonuskarten sollen versuchsweise an die zehn örtlichen Schulen verteilt werden, an die 13 Kindergärten, an den Allgemeinen Sozialen Dienst und an das Jugendamt - also etwa drei Karten an jede Institution. Lehrer und Pädagogen sollen sie dann an Problemeltern verteilen und mit ihnen konkrete Vereinbarungen treffen. Etwa: "Sie bekommen einen Stempel für jeden Tag, an dem Sie Ihren Sohn pünktlich wecken und dafür sorgen, dass er zu Schule geht."

Mit Zuckerbrot und Peitsche

Ähnliche Versuche laufen bereits in den USA und in Großbritannien. So versuchen US-Schulen verstärkt, ihre Schüler durch Geldprämien zu Höchstleistungen anzuspornen; zwei Schulen in Fairburn im Bundestaat Georgia bieten ihren schlechtesten Schülern sogar an, gegen Geld nachzusitzen. Derweil versucht die britische Regierung in einem Projekt, notorische Schulschwänzer mit Geldgeschenken ins Klassenzimmer zu locken.

Auch in Deutschland gibt es seit Jahren Debatten, wie man gegen anhaltende Schulverweigerung vorgehen soll. Häufig greifen die Behörden zu Bußgeldern gegen Eltern, lassen Kinder mit dem Streifenwagen in die Schule fahren. Mitunter erhalten Eltern sogar Freiheitsstrafen - oder Schüler Jugendarrest. Es gibt auch Überlegungen, die Auszahlung des Kindergeldes an regelmäßigen Schulbesuch zu koppeln, etwa in Berlin.

Oer-Erkenschwick, das Städtchen im nördlichen Ruhrgebiet, sucht jetzt einen anderen Weg, mit Anreizen statt Strafen. Und es geht nicht allein ums Schulschwänzen: Bonusstempel kann es auch geben zum Beispiel für den Gang zur Schuldnerberatung, die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen oder an Elternsprechtagen. Als Belohnung locken Einkaufsgutscheine in Wert von bis zu 100 Euro.

Alkohol und Zigaretten soll es nicht geben

Damit für die Gutscheine kein Alkohol und keine Zigaretten gekauft werden, wollen die Behörden zusammen mit den örtlichen Händlern in einem Katalog festlegen, welche Waren es für wie viele Stempel gibt. Er habe an Abo-Werbeaktionen von Zeitungen gedacht, sagt Hess: "Dort gibt es Dinge, die man nicht unbedingt braucht, die man aber trotzdem gerne hätte."

Beim Jugendamt ist zudem eine Zentralkartei geplant, in der jede Karte erfasst wird, damit sich Eltern nicht zwei pädagogische Bonushefte besorgen. "Es sollen nur Eltern eingebunden werden, die sich auf normalem Wege der Zusammenarbeit entziehen", heißt es im Konzept, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. So wollen die Behörden herausfinden, ob es ein "relativ geringer materieller Ansatz möglich macht", diese Problemfamilien zu erreichen.

Die Rabattaktion will Jugendpfleger Hess ausdrücklich als Experiment verstanden wissen: "Wir sehen es als zusätzlichen Schraubenzieher im Werkzeugkasten." Schließlich gebe es Bonuskarten auch beim Zahnarzt oder bei manchen Krankenkassen fürs Abnehmen.

Auch Peter Raudszus, Sprecher der Stadt, betont, es handele sich um einen Versuch. Der Antrag liege jetzt beim Landesjugendamt. Insgesamt gehe es um rund 23.000 Euro. 16.000 sollen aus einem Landesfördertopf mit dem Titel "Besondere Maßnahmen, innovative Projekte und Experimente" kommen, 7000 Euro will die Stadt beisteuern.

Die Entscheidung über den Start fällt erst, wenn der Landeshaushalt verabschiedet ist, also voraussichtlich in einigen Wochen. "Wir wollen aber so früh wie möglich loslegen", sagt Hess.

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Forum - Bonushefte - eine gute Idee?
insgesamt 69 Beiträge
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1. ??
cathys 27.01.2009
Zitat von sysopWas tun, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern? Geld könnte helfen, glaubt die Stadt Oer-Erkenschwick. In einem Experiment verteilt sie Bonuskarten als "Rabattmarken für vernünftiges Verhalten": eine gute Idee?
Wer legt denn "vernünftiges Verhalten" fest, um in den Genuss von Rabattmarken zu kommen? Wofür bekommt man dann den Rabatt?
2.
Ulli11 27.01.2009
Zitat von cathysWer legt denn "vernünftiges Verhalten" fest, um in den Genuss von Rabattmarken zu kommen? Wofür bekommt man dann den Rabatt?
z.B. regelmässiger Schulbesuch der Kinder regelmässig zu den Untersuchungen beim Kinderarzt regelmässiger besuch der Elternabende. Alles was Eltern normalerweise so machen.
3.
Lottoverliererin 27.01.2009
Zitat von sysopWas tun, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern? Geld könnte helfen, glaubt die Stadt Oer-Erkenschwick. In einem Experiment verteilt sie Bonuskarten als "Rabattmarken für vernünftiges Verhalten": eine gute Idee?
Ja, finde ich eine gute Idee. Ungewöhnliche, kreative Ansätze sind ja sonst nicht so die Stärke der Behörden ... in diesem Fall wohl schon. Irgendwie müssen die Sozialarbeiter den vernachlässigten Kindern und den ignoranten Eltern ja beikommen. Sehr gut, dass vom Erlös weder Alk noch Tabak gekauft werden darf.
4.
Frost1 27.01.2009
Zitat von cathysWer legt denn "vernünftiges Verhalten" fest, um in den Genuss von Rabattmarken zu kommen? Wofür bekommt man dann den Rabatt?
Wahrscheinlich dann, wenn der neue Plasma TV wenigstens einen Netzschalter hat und nicht nur auf Stand-By gehen kann...
5.
marit 27.01.2009
Und was bekommen Eltern die von sich aus ein vernünftiges Verhalten zeigen? Nichts und die Rechnung für die Geschenke an die unvernünftigen.
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