Waldorfschule: Auch die Kinder des rechten Tarnkappen-Lehrers sollen gehen

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Andreas Molau arbeitete jahrelang an der Braunschweiger Waldorfschule und nun für die NPD in Sachsen. Die Schulleitung will seine beiden Kinder, 8 und 11 Jahre alt, vor die Tür setzen, weil der Schulfrieden gefährdet sei. Bei Lehrern, Eltern und Schülern ist der Beschluss umstritten, Molau spricht von "Sippenhaft".

Der Streit zwischen der Freien Waldorfschule Braunschweig und dem Lehrer Andreas Molau, der dort seit Ende 1996 unterrichtete, eskaliert weiter. Nachdem Molau, 36, wegen seines Wechsels zur NPD gekündigt und die Schule seinen Lehrauftrag sofort aufgelöst hatte, kam es am letzten Freitag zu einem zweistündigen Gespräch mit der Schulleitung und am Montag zu einem Schulforum mit Eltern, Lehrern und Schülern. Der Vorstand kündigte an, die beiden Kinder des Lehrers nicht länger zu unterrichten. Molau will das nicht hinnehmen und prüft rechtliche Schritte.

Spätestens Ende November sollen sein achtjähriger Sohn und die elfjährige Tochter gehen. Durch die Reihen der Eltern, Schüler und Lehrer ziehen sich jetzt tiefe Gräben. Die Entscheidung ist umstritten, die Fakten sind es nicht. In den Herbstferien hatte Molau der Schule mitgeteilt, dass er die sächsische NPD-Landtagsfraktion künftig als wissenschaftlicher Mitarbeiter in schulpolitischen Fragen beraten und außerdem für die "Deutsche Stimme" - die Parteizeitung der NPD - arbeiten wolle. In Dresden zog die NPD kürzlich mit zwölf Abgeordneten in den Landtag ein, sucht seitdem den Schulterschluss mit der DVU und nimmt auch einschlägig vorbestrafte Neonazis mit offenen Armen auf.

Die Nachricht vom fliegenden Wechsel zu den Rechtsextremisten erreichte Molaus bisherige Kollegen Mitte Oktober. Der Klassenlehrer einer siebten Klasse bat um seine Beurlaubung und wollte noch einige Wochen weiter unterrichten, um einen "vernünftigen pädagogischen Übergang zu schaffen und mich zumindest von den Schülern zu verabschieden", so Molau gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Schulleitung hielt seine Rückkehr jedoch für untragbar und entzog ihm sofort den Lehrauftrag; zum 31. Oktober wurde ein Aufhebungsvertrag wirksam.

"Wir haben keine Wahl"

Andreas Molau hat nach eigenen Angaben zudem Hausverbot erhalten, ebenso seine Frau. Die beiden Kinder indes gehen derzeit weiter in die Waldorfschule. Der Junge besucht die dritte, das Mädchen die sechste Klasse - nach dem Willen der Schulleitung nicht mehr lange: Nach der Aussprache am Montag, an der die Molaus nicht teilnahmen, wurden die Schulverträge fristlos gekündigt. Spätestens bis 30. November sollen die Molaus erklären, wie sie die Schulpflicht für ihre Kinder an anderen Schulen erfüllen wollen.

Die Kündigung für die beiden Kinder hat Molau am Donnerstag per Einschreiben erhalten. Geschäftsführer Michael Kropp begründet den Beschluss mit der "massiven Gefährdung des Schulfriedens". Der Konflikt ziehe sich quer durch die Schulgemeinschaft, vor allem die Elternschaft sei in zwei Lager gespalten. "Nach dem Vertrauensbruch von Andreas Molau haben wir keine Wahl, wir müssen diese Entscheidung treffen", so Kropp gegenüber SPIEGEL ONLINE.

"Das Konzept der Waldorfschulen beruht auf einer engen Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern - das ist in diesem Fall für viele nicht mehr möglich", sagt auch Barbara Mai, Mitglied der Geschäftsführung. Anders als staatliche Schulen schließen Waldorfschulen mit den Eltern Verträge ab. Wenn Eltern durch ihr Verhalten die Erziehungsaufgabe der Schule schwerwiegend beeinträchtigten, sei eine Kündigung möglich, so Mai.

Michael Kropp spricht von einer stark aufgeheizten Stimmung, von fassungslosen Kollegen und einer starken Gruppe von Eltern, die "besonders empfindlich reagieren, weil manche zum Beispiel Einwanderer sind und mit rassistischen Positionen nicht das Geringste zu tun haben wollen". Etliche Eltern hielten eine weitere Zusammenarbeit mit Molau für unzumutbar. Die Schule müsse verhindern, dass es zu einer "Die oder wir"-Position komme, und rasch zu einem vertrauensvollen Miteinander zurückfinden.

Als Autor rechter Blätter plötzlich verschwunden

Natürlich bangt die Waldorfschule auch um ihr Image und befürchtet, dass Eltern ihre Kinder bei anderen Schulen anmelden. Darum hat sich die Schulleitung entschieden, mit den Querelen um den rechten Lehrer offen umzugehen. An der 1976 gegründeten Freien Waldorfschule gibt es rund 50 Lehrer und 433 Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur. Andreas Molau hat dort Deutsch, Geschichte und - in der Oberstufe - auch Politik gelehrt.

Wie SPIEGEL ONLINE bereits berichtete, ist Molau politisch kein unbeschriebenes Blatt. So war er in den neunziger Jahren Kulturredakteur bei der "Jungen Freiheit", laut Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen "eines der wichtigsten Sprachrohre und Foren der so genannten 'Neuen Rechten'". Nach einem politischen Zerwürfnis ging er zur Zeitschrift "Deutsche Geschichte" des ultrarechten, mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilten Verlegers Gerd Sudholt. Ende 1996 verschwand Molau als Autor rechter Blätter - jedenfalls unter seinem eigenen Namen. Auf die Frage, ob er nach Beginn seiner Arbeit an der Waldorfschule unter Pseudonymen weiter publiziert habe, gibt er keine Antwort.

Die Braunschweiger Schulleitung versichert, sie habe von Molaus rechter Einstellung in den langen Jahren seiner Mitarbeit nichts geahnt. "Als er in der Kündigung die NPD erwähnte, dachte ich, ich hätte mich verlesen", sagt Michael Kropp und beschreibt den Lehrer als "sympathischen Querkopf, der bei uns unisono eher als linksliberal eingestuft wurde". Auch etwa bei der Betreuung der Jahresarbeit einer Schülerin über Rechtsextremismus habe Molau sich nicht auffällig verhalten.

Damoklesschwert der Enttarnung

Indoktrination im Unterricht wirft Kropp dem 36-Jährigen also nicht vor, aber bewusste Täuschung - seine politische Einstellung habe Molau acht Jahre lang verschwiegen. "In der Waldorfschule brauchen wir authentische Lehrer, die mit ihrer ganzen und nicht mit einer gespaltenen Persönlichkeit vor der Klasse stehen und aus dem Vertrauen der Schüler ihre Autorität beziehen", umschreibt Kropp sein Idealbild eines Waldorf-Lehrers. Mit dem Waldorfkonzept seien die programmatischen Ziele der ausländerfeindlichen NPD überhaupt nicht zu vereinbaren.

Andreas Molau sieht das anders. Er stehe voll hinter der Waldorfpädagogik und ihrer "Erziehung zur Freiheit" und habe sich im Unterricht nichts zuschulden kommen lassen. Für Lehrer gebe es keinen Bekenntniszwang: "Ich muss doch nicht offenbaren, welche Partei ich wähle - das ist meine Privatsache."

Molau ist bisher nicht NPD-Mitglied, schließt einen Beitritt aber nicht aus. Seine Zukunft sieht er zunächst bei der NPD und nennt sie "eine politische Kraft, die durch den Wahlerfolg in Sachsen und das Zusammengehen mit der DVU wieder eine wirksame rechte Oppositionspartei werden kann". Hinzu komme die "gestalterische Mitwirkung bei der 'Deutschen Stimme'". Molau räumt aber ein, dass es einen anderen wichtigen Grund für seine Kündigung in Braunschweig gab: "Durch die Interneteinträge zu meinem Namen hing über mir ein berufliches Damoklesschwert, ich musste aus der Zwickmühle raus."

"Am Ende gibt es nur Verlierer"

Dass die Schule ihm den Lehrauftrag entzogen habe, müsse er akzeptieren und sei auch zum Verzicht etwa auf die Teilnahme an Elternabenden bereit, sagt Molau - aber den Rauswurf der Kinder könne er nicht hinnehmen. Der Waldorfschule wirft er vor, "keinerlei problemlösende Gespräche" gesucht zu haben. "Meine Kinder werden für die politische Gesinnung ihres Vaters bestraft, das hat etwas von Sippenhaft." Eine problematische Wortwahl: Von den Nationalsozialisten (aber nicht nur von den Nazis) wurde die Sippenhaft als Terrormaßnahme gegen politische Gegner angewandt.

Seine elfjährige Tochter fühle sich vor allem von ihrer Lieblingslehrerin verraten, sein achtjähriger Sohn sei todtraurig, aber noch zu klein, um den Streit zu begreifen, erklärt Molau. "Damit meine Kinder nicht weiter leiden müssen", habe er bereits eine Beschwerde bei der Bezirksregierung eingereicht, die die Schulaufsicht führt. Zudem prüfe eine Anwaltskanzlei momentan das Hausverbot und die Beendigung des Schulbesuchs. Weil die Waldorfschule die beiden nur noch bis Ende des Monats dulden will, könnte Molau versuchen, eine einstweilige Verfügung beim Amtsgericht durchzusetzen.

Die Schulleitung sieht auch die Schattenseite ihrer "schwierigen Entscheidung". Immerhin seien beide Kinder seit der ersten Klasse an der Schule und hätten dort ihre Freunde, so der Geschäftsführer. Doch die Folgen seines jahrelangen Versteckspiels habe der ehemalige Lehrer sich selbst zuzuschreiben, die Waldorfschule müsse Grenzen ziehen. "Bei dieser Auseinandersetzung kann es keine Hurra-Rufe geben, sondern am Ende nur Verlierer", ahnt Michael Kropp.

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