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Ganz harte Schule: "Weil ich das jetzt darf" - wenn der Sohn 18 wird

Eine Eltern-Kolumne von

Schnapsregal im Supermarkt Zur Großansicht
AP

Schnapsregal im Supermarkt

Der 18. Geburtstag des Sohnes ist hart: Plötzlich will er das Auto für sich, Wodka kaufen und seine Entschuldigungen für die Schule selbst schreiben. Aber dann muss Papa doch wieder ran.

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.
"Jetzt bin ich 18", sagt er. Das war am Sonntagmittag, am Geburtstag meines mittleren Sohns. Er hatte in seine Volljährigkeit mit Freunden ziemlich lange reingefeiert und wirkte ein bisschen derangiert. Auf dem Tisch standen noch die geleerten Flaschen, und der Hund knabberte lustlos an einem Salzstangenrest herum, den er auf dem Boden gefunden hatte.

"Setz dich mal", sagte der neue Erwachsene, "ich muss dir was gestehen." Eine Ansage von der Sorte, die mich innerhalb weniger Sekunden in Alarmstimmung versetzt. Sein Gesichtsausdruck war völlig entspannt und fast schon siegesgewiss.

Jetzt, mit 18, müsse er mal ein paar Dinge klarstellen, sagte er. Erstens: Ab sofort gedenke er, alleine Auto zu fahren, so oft es gehe. Zweitens werde er genau das jedoch heute nicht mehr tun, "wegen dem Restalkohol". "Wegen des Restalkohols", murmelte ich, aber er ließ sich nicht beirren.

"Drittens musst du mich gleich zur Tanke fahren. Dann gehe ich da alleine rein und kaufe eine Flasche Wodka. Weil ich das jetzt darf. Und du guckst vom Auto aus zu." Das Ganze erinnerte mich entfernt an die Situation vor ungefähr 15 oder 16 Jahren, als er zum ersten Mal alleine aufs Klo ging.

Jetzt die Bedenkenträgermiene

Mein Einwand, dass der deutlich höhere Tankstellenpreis für den Alkohol dieses Erlebnis vielleicht nicht wert sei, verhallte ungehört. "Und viertens geht es um die Schule. Da kann ich jetzt meine Entschuldigungen selbst unterschreiben. Und das werde ich auch tun."

Er habe nämlich, fuhr er fort, in den vergangenen Jahren immer mal wieder Magen- oder sonstige Schmerzen vorgetäuscht, um sich um einzelne Schultage herumzudrücken und von mir als seinem Erziehungsberechtigten eine Entschuldigung zu erhalten. "Ja, das ist ein Geständnis, und du brauchst jetzt gar nicht zu jammern." Von Jammerei war ich zu diesem Zeitpunkt allerdings ziemlich weit entfernt, sondern einfach nur erleichtert. Was ich natürlich nicht sagte - statt dessen setzte ich meine Bedenkenträgermiene auf.

Jedenfalls, fuhr der Adoleszent fort, sei es jetzt vorbei mit dieser Schauspielerei. Er werde die wesentlichen Dinge - "und dazu gehört die Schule" - ab sofort konsequent selbst erledigen. Ich nickte mit betrübtem Gesicht. Und freute mich still darüber, dass die Schule als "wichtig" klassifiziert wurde. "Du sagst ja gar nichts", sagte er. Ich weiß eben auch, wie ich ihn nervös machen kann.

"Was soll ich sagen", antwortete ich langsam, "du bist ja jetzt erwachsen." Ich nickte weiter vor mich hin, die Sekunden verstrichen. "Dann kann ich also davon ausgehen, dass du, wenn du nicht zur Schule gehst, eigentlich gesund bist? Meistens jedenfalls?"

Es findet sich kein Mittelweg

"Quatsch", winkte er sofort ab. Natürlich könne er auch richtig krank sein, dann könnte ich ja weiterhin die Anrufe im Schulsekretariat erledigen. Er stutzte. "Nee, das geht nicht. Dann merken die ja, wann es echt ist und wann nicht." "Du könntest mich weiterhin ab und zu reinlegen", schlug ich vor. Das fand er aber albern, so als Erwachsener. Er überlegte noch eine Weile, aber wir fanden keinen befriedigenden Mittelweg zwischen erwachsenem Verhalten und dem unerwachsenen Wunsch nach gelegentlicher Schulschwänzerei.

Ich fürchte, diese Suche kann ich ihm nicht abnehmen. Wie auch so manche andere Erfahrung nicht:

  • Als wir ein paar Stunden später tatsächlich zur Tankstelle fuhren, wo er eine Flasche Wodka kaufte, kam er völlig enttäuscht zurück zum Auto. Die Verkäuferin hatte ihn überhaupt nicht nach seinem Ausweis gefragt.
  • Bei seiner ersten Autofahrt alleine verursachte er einen Blechschaden. Den Brief an die Versicherung habe dann aber ich geschrieben.
  • Und dann musste an diesem Sonntag ja auch noch aufgeräumt werden. "Früher beim Kindergeburtstag habt ihr das immer gemacht", sagte er. Aber er war dann doch mit ungewohntem Eifer dabei, die Party war jedenfalls ein Erfolg gewesen.

Der Geburtstag ist mittlerweile ein paar Wochen her. Im Moment liegt mein Sohn gerade mit Fieber und einer richtig fiesen Erkältung im Bett. Ich habe ihm als hinterlistiger Vater geraten, die Zeit schon mal zu nutzen, um über die Formulierung für die Entschuldigung in der Schule nachzudenken. "Kannst du mir nicht mal sagen, wie du das immer geschrieben hast?", fragte er eben.

Kann ich. Na klar.

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (16, 18, 21) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. Herrlich!
elizar 04.03.2016
Danke für den Artikel. Die Art und Weise, wie Sie mit der Situation umgegangen sind, erinnert mich auch an mein Verhalten. Ich habe mich während des Artikels ständig beim Grinsen ertappt. Ein schöner Start in den Arbeitstag mit lauter Leuten, die alle glauben wie erwachsen sie doch sind! :)
2. Sehr gut,
maxderzweite 04.03.2016
ein paar strategische Fehler vom Sohn, aber Hey, man lernt ja nie aus.
3. Kommt mir....
Homanx 04.03.2016
.... bekannt vor:-) Genial: Gelassenheit, Gelassenheit, Gelasenheit, verdammt nochmal. Das hätte ich mir auch hier und da gewünscht :-)
4. Wem dieser Tag so einen Riemen wert ist, ...
Methusalixchen 04.03.2016
... hat möglicherweise in den ca. 6570 Tagen zuvor etwas versäumt ;-)
5. Super
haifasuper 04.03.2016
"Als wir ein paar Stunden später tatsächlich zur Tankstelle fuhren, wo er eine Flasche Wodka kaufte, kam er völlig enttäuscht zurück zum Auto. Die Verkäuferin hatte ihn überhaupt nicht nach seinem Ausweis gefragt." "Bei seiner ersten Autofahrt alleine verursachte er einen Blechschaden. Den Brief an die Versicherung habe dann aber ich geschrieben." Herzhaft gelacht. Danke für den Artikel. Man sollte den 18. genießen, einer der Highlights des Lebens.
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