SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. Februar 2013, 09:58 Uhr

Verschuldete Jugendliche

Nach dem Auszug abgestürzt

Mehr als 10.000 Euro Schulden mit 23 Jahren: Kevin aus Kiel wuchsen die Ausgaben über den Kopf. Als er von zu Hause auszog, fing der Ärger an. Handy-Vertrag, Miete und Dispo-Kredit trieben ihn in die Privatinsolvenz. Hätte er doch nur seine Post gelesen.

Könnte Kevin die Zeit für ein paar Jahre zurückdrehen, würde er wahrscheinlich vieles anders machen. Vielleicht würde er nicht so früh in eine eigene Wohnung ziehen. Sicherlich würde er keinen Handy-Vertrag für 90 Euro im Monat mit zweijähriger Laufzeit abschließen. Und ganz bestimmt würde er besser auf seine Post achten.

Kevin kann die Zeit nicht zurückdrehen. Stattdessen bereitet er seine Privatinsolvenz vor: Der 23-Jährige aus Kiel ist pleite. Zwischenzeitlich hatte er mehr als 10.000 Euro Schulden. "Es hätte auch die Hälfte sein können, wenn ich mich rechtzeitig gekümmert hätte", erzählt er. Aber er kümmerte sich nicht.

So wie Kevin geht es vielen Jugendlichen in Deutschland. Der "Schuldneratlas 2012", eine Untersuchung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, geht von 216.000 Schuldnern unter 20 Jahren aus. Das Statistische Bundesamt wertete Daten von Beratungsstellen über knapp 74.000 verschuldete Menschen in Deutschland aus. Mehr als 5000 von ihnen waren 2011 unter 25 Jahre alt, etwa jeder Fünfte dieser Gruppe hatte mehr als 10.000 Euro Schulden.

Einnahmen auf die eine, Ausgaben auf die andere Seite

"Das Hauptproblem ist, dass viele junge Menschen kaum in der Lage sind, ihre finanziellen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen", sagt Alis Rohlf, Leiterin der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein. Dies habe zum einen mit überzogenen Gehaltsvorstellungen zu tun. Zum anderen hätten viele Jugendliche kein Gefühl für ihre Finanzen.

Wie viel Geld habe ich im Monat zur Verfügung? Wie teuer ist die Miete? Wie viel brauche ich für meinen täglichen Bedarf? Diese Fragen müsse man sich regelmäßig stellen. Für den besseren Überblick rät Rohlf zu einem Haushaltsplan: Einnahmen auf die eine, Ausgaben auf die andere Seite. Im Internet gibt es für solche Finanzplaner gleich mehrere Seiten.

Solange die Jugendlichen noch zu Hause leben, springen oft Eltern oder Verwandte ein, wenn am Ende des Monats kein Geld mehr übrig ist. "Wenn junge Menschen einen Haushalt gründen, verrennen sie sich oft", sagt Rohlf.

So ging es auch Kevin, als er mit 18 Jahren in seine erste eigene Wohnung zog. "Die erste Zeit lief es eigentlich noch ganz gut", berichtet er. Doch als er seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker abbrach, sei es steil bergab gegangen. "Ich habe mir leider ein paar Verträge zu viel angelacht." Inzwischen arbeitet er in einem Call-Center.

Verlockend, aber teuer

Mit 18 Jahren dürfen junge Erwachsene eigene Verträge abschließen. Das ist verlockend, kann aber teuer werden. "Gerade bei wichtigen Entscheidungen sollte man wirklich noch mal eine Nacht drüber schlafen", sagt Rohlf. Auf der Straße oder an der Wohnungstür sollten auch Jugendliche grundsätzlich nichts unterschreiben. Stattdessen sollten sie interessante Verträge erst mal mit nach Hause nehmen und sich in Ruhe angucken.

Eine weitere Schuldenfalle sind Dispo-Kredite bei der Bank. Kevin legte sich gleich zwei Konten zu. Irgendwann war das eine um 500 Euro, das andere um 800 Euro überzogen. Hinzu kommen die hohen Zinsen, die man der Bank zahlen muss.

Auch Christina Huber, Schuldnerberaterin in München, berät viele junge Menschen, die Probleme mit Dispo-Krediten haben. Sie rät dazu, statt mit Karte lieber bar zu zahlen. "Wenn man relativ viel mit der EC-Karte zahlt, verliert man den Überblick." Die Banken sind jedoch nicht die einzigen, denen ihre Klienten Geld schulden. Vermieter, Telefonanbieter, Behörden: Rechnungen und Mahnungen kommen von vielen verschiedenen Absendern.

Am besten offen drüber reden

Bei Kevin landete die Post irgendwann nur noch auf der Ablage - oder im Mülleimer. "Ich hab die Rechnungen erst mal beiseite gepackt", sagt er. Nach einem Umzug sei die Post weiter an die alte Adresse gegangen, weil er keinen Nachsendeauftrag einrichtet hatte. Schließlich wurden seine Konten gepfändet. Huber rät in solchen Fällen, sich sofort mit den Gläubigern in Verbindung zu setzen. So ließe sich unter Umständen eine Ratenzahlung vereinbaren.

Kann man selbst die Miete nicht mehr bezahlen, droht man sogar das Dach über dem Kopf zu verlieren. "Wenn kein Kontakt mehr zu den Eltern besteht, muss man bei Freunden unterkommen", sagt Huber. Sie ermutigt die Betroffenen, offen mit Freunden und Verwandten über ihre Geldprobleme zu sprechen. Im Notfall könne man sich an Fachstellen zur Vermeidung von Obdachlosigkeit wenden.

Zumindest das blieb Kevin bislang erspart. Vor zwei Jahren lernte er seine heutige Freundin kennen. Ein Wendepunkt, sagt der 23-Jährige. Kevin ließ sich helfen und wandte sich an eine Schuldnerberatung. Zusammen mit seiner Beraterin habe er einen Plan aufgestellt.

Trotz professioneller Hilfe wird Kevin noch mehrere Jahre gegen den bedrohlichen Schuldenberg ankämpfen müssen. Immerhin hat er jetzt wieder eine Perspektive, für die es sich zu kämpfen lohnt. Im April erwartet seine Freundin Zwillinge.

Von David Kluthe/dpa/son

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH