Von Fenja Mens
Als vor zwei Jahren in den zweiten Klassen viele Schüler Verhaltensauffälligkeiten zeigten, richtete die Direktorin für diese Kinder kurzerhand eine zusätzliche Klasse ein, verschärfte das Lerntempo und stockte den Unterrichtsstoff auf. Mit Erfolg. Inzwischen haben die Schüler der 4e in Mathematik und Deutsch den Stand der fünften, in Englisch sogar den der sechsten Klasse erreicht. Die gesamte 4e wird im nächsten Schuljahr zur Gymnasialklasse, die ebenfalls speziell gefördert werden soll. "Viele werden wohl schon nach elf Jahren Abitur machen", sagt Schöppe.
Hochbegabte fühlen sich in den Kreativschulen wohl. Dank kleiner Klassen mit meist weniger als 20 Kindern haben die Lehrer jeden Schüler genau im Blick und können ihn optimal fördern. Aber auch die Normalbegabten werden angeregt, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen und – wenn möglich – über sich hinauszuwachsen.
Spielwiesen sind die BIP-Schulen nicht. Im Gegenteil: Noten gibt es, zumindest in einigen Fächern, bereits ab dem zweiten Halbjahr der ersten Klasse. Und hat ein Grundschüler viele Dreien geschrieben, werden die Eltern einbestellt, um dem "Problem" auf den Grund zu gehen. "Bei entsprechender Förderung kann jedes geistig gesunde Kind den Übergang aufs Gymnasium schaffen", erklärt Gerlinde Mehlhorn. Disziplin spielt an den Schulen ebenfalls eine große Rolle. In Simons Klasse hängt eine Liste, auf der minutiös festgehalten wird, wer wann seine Hausaufgaben vergessen hat. Und während Annikas Arabisch-Unterricht notieren drei Jungen im Auftrag der Klassenlehrerin Kinder, die den Unterricht stören.
Die Besten sollen noch besser werden
Der Leistungsanspruch gilt auch am Gymnasium, wo die Wände der Flure voller Urkunden hängen, die BIP-Schüler bei Wettbewerben gewonnen haben. Doch wie dicht mitunter Erfolg und Scheitern beieinander liegen, muss an einem Vormittag auch Kilians Sohn Nico feststellen. Eben noch hatte sich der Fünftklässler über die Nachricht gefreut, dass er als einer der besten Mathematik-Schüler seiner Klasse an einem schulübergreifenden Wettbewerb teilnehmen darf. Nun erlebt er in Englisch ein Debakel: In einem Borussia-Dortmund-Trikot steht er vor der Tafel und soll ein Gedicht vortragen. Es ist seine zweite Chance. Den ganzen Abend hat er geübt, ist am Morgen sogar eine Stunde früher aufgestanden.
Nico tritt nervös von einem Bein auf das andere. Alle schauen ihn an. Stammelnd beginnt er vorzutragen, stoppt, überlegt, fährt fort, stoppt wieder, kratzt sich die blonden Borstenhaare. "Na, das war wohl nichts. Das ist eine fünf", sagt die Lehrerin ungerührt, als er schließlich verstummt. "Das kannst du besser. Setz dich!" Mit hochrotem Kopf schleicht Nico an seinen Platz zurück.
Von manchen neuen pädagogischen Ideen halten die Mehlhorns gar nichts. Etwa von altersgemischten Kindergartengruppen, jahrgangsübergreifenden Grundschulklassen oder von der Idee, dass die besseren Schüler den schlechteren helfen könnten. Lieber sollen sich die Besten darauf konzentrieren, noch besser zu werden.
Doch nicht nur die Starken werden gefördert: An einem anderen Tag sitzt Lehrerin Sandra Tiebel mit einer Schülerin aus der achten Klasse in der Bibliothek. "Es ist toll, wie weit du schon gekommen bist", lobt sie das Kind. "Für die Zukunft wünsche ich mir aber, dass du versuchst, die Dinge noch mehr zu durchdenken." Die kleine Vietnamesin nickt langsam. Erst seit neun Monaten lebt sie in Deutschland. Schließlich erklärt ihr die junge Lehrerin geduldig, wie Bismarcks Sozialistengesetz zustande kam. "Es ist bei uns ganz normal, dass sich die Fachlehrer mit Schülern hinsetzen, die Probleme haben", sagt Tiebel.
90 Prozent mit Gymnasialempfehlung
Außerdem sind die BIP-Schulen auch während der Ferien geöffnet. Die Lehrer betreuen gemeinsam mit den Erziehern Projekte für daheim gebliebene Kinder. Lehrerin Birgit Kilian hat ganze 26 Tage Urlaub im Jahr. Und mit Beginn ihrer Tätigkeit musste sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur "Kreativpädagogin" absolvieren. Bezahlt wird sie nach dem normalen Tarif Ost, verbeamtet wird in Sachsen ohnehin praktisch kein Lehrer mehr. Dennoch ist Kilian zufrieden: "Es klingt seltsam, aber an meinen früheren Schulen war der Stress größer. Die Klassen waren überfüllt, jeder Lehrer kämpfte für sich allein, es gab wenig Miteinander. Hier identifizieren sich alle mit der Sache und sind hochmotiviert."
Das Konzept der Mehlhorns scheint aufzugehen. Die Erfolge der BIP-Schulen sind auffällig. Rund 90 Prozent der Viertklässler der Grundschulen erhalten eine Empfehlung für das Gymnasium, überdurchschnittlich viele werden als hochbegabt eingestuft. Und bei Leistungsvergleichen mit Regelschulen schneiden die BIP-Einrichtungen stets deutlich besser ab. Obwohl die Elternschaft sozial sehr gemischt ist, vom Top-Manager und der Professorin bis zum Bäckermeister und der Krankenschwester.
Seit einigen Monaten versuchen nun Wissenschaftler der Universität Bamberg und des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung aus Frankfurt am Main, dem Erfolg auf die Spur zu kommen – mittels Videoaufnahmen, Befragungen und Tests im Rahmen der auf drei Jahre angelegten Studie PERLE ("Persönlichkeits- und Lernentwicklung an sächsischen Grundschulen"). Die Eltern der BIP-Kinder brauchen keine wissenschaftliche Expertise mehr – sie sind ohnehin vom Konzept der Mehlhorns überzeugt.
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