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17.11.2006
 

Bildung

Revolution der Pinguine

Von Benjamin Loy

In Chile sorgen die Schüler für die größten Proteste in der Geschichte des Landes – sie kämpfen für bessere Schulen und gegen tatenlose Politiker.

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Als Rodrigo Pizarro am 30. Mai diesen Jahres gegen neun Uhr morgens sein kleines Haus im Norden Santiago de Chiles verlässt, ahnt er noch nicht, dass dieser sonnige und klare Herbsttag für ihn im Krankenhaus enden wird.

An jenem Dienstagmorgen ist der 16-Jährige einer von landesweit 800.000 Schülern und Studenten, die dem Aufruf zum Generalstreik gefolgt sind und sich zu friedlichen Protestmärschen im Zentrum der Sechs-Millionen-Agglomeration versammelt haben. Die Stimmung ist entspannt und friedlich, Lieder werden zur Gitarrenmusik geschmettert.

Doch plötzlich eskaliert die Situation. Ohne Vorwarnung beginnen die zahlreichen Sicherheitskräfte, gegen die Demonstranten vorzugehen. Es fliegen Tränengasgranaten, die Polizei setzt Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen wehrlose Schüler, Studenten und Journalisten ein. Rodrigo flüchtet in Panik vor den prügelnden Polizisten und stürzt auf den harten Asphalt, die Narben an seinem Knie sieht man heute noch.

Er ist nur einer von 26 Verletzten und 725 Verhafteten an diesem Tag, der mit Straßenschlachten und Randalen ein tristes Ende nimmt. "Es wehte ein Hauch von Diktatur und Pinochet durch die Straßen", beschreibt der Architekturstudent Diego Acevedo die Vorfälle. Die Ausschreitungen und der Generalstreik stellten den Höhepunkt einer dreiwöchigen Protestaktion dar, wie sie das schmale Land am Pazifik noch nicht erlebt hatte.

Die "Revolution der Pinguine", wie sie in Ahnlehnung an die schwarz-weißen Schuluniformen der chilenischen Pennäler genannt wird, hatte Ende April vergleichsweise harmlos begonnen: Nach einer Ankündigung des Bildungsministeriums, die Kosten für die Zulassungsprüfung zur Universität (PSU) erhöhen und die Nutzung des Schülerausweises für öffentliche Transportmittel einschränken zu wollen, gingen die ersten Schüler auf die Barrikaden.

Innerhalb weniger Tage besetzten die Pinguine mehr als 100 Schulen in sämtlichen Landesteilen und forderten die Rücknahme der Reformen. Die Politiker, allen voran Bildungsminister Zilic und die erst im März ins Amt gekommene Präsidentin Michelle Bachelet, standen der Phalanx hilflos gegenüber und versuchten zunächst, die Krise auszusitzen. Als der öffentliche Druck drastisch zunahm, reagierte die Regierung und machte erste Zusagen, die von den Schülern jedoch abgeschmettert wurden. Denn diese ließen sich nicht mehr mit Rabatten für Busse oder Prüfungen abspeisen - sie wollten das System und seine Strukturen verändern.

Immer noch existiert in Chile ein höchst ungerechtes Bildungssystem. Zwar hat sich seit dem Ende der Diktatur vor sechzehn Jahren eine prosperierende Volkswirtschaft entwickelt, kein Land in Südamerika hat eine niedrigere Armutsquote. Doch sorgt das Schulsystem dafür, dass Rodrigo und tausenden Mitschülern der soziale Aufstieg verbaut ist.

Schuld daran ist unter anderem das Militärregime. An seinem letzten Amtstag, dem 10. März 1990, verabschiedete es ein Gesetz, das den Staat nur noch als "regulierende Einrichtung" im Bildungsbereich sieht. Bildung wird dadurch zur Ware: Die Erziehung kann der Staat an Private delegieren. Jeder private Anbieter kann eine Schule eröffnen und von den Schülern dann Gebühren kassieren. Wer am meisten zahlt, der bekommt das Beste – haste was, biste was.

Was etwa Ivo Colombo, 19, in seiner Privatschule in Viña del Mar geboten bekommt, übersteigt den Standard der meisten deutschen Schulen: vom eigenen Schwimmbad über das gepflegte Leichtathletikstadion bis hin zum eigenen Schulpsychologen. Umgerechnet rund 250 Euro Schulgebühren bezahlt sein Vater, ein stadtbekannter Architekt, monatlich für jeden seiner drei Söhne.

Von solchen Summen kann Rodrigo Pizarro nur träumen: Er hat vier jüngere Brüder, sein Vater ist ein ungelernter Arbeiter, der mit dem chilenischen Mindestlohn von etwa 200 Euro im Monat auskommen muss. Rodrigo besucht ein staatliches Colegio in La Pincoya im Norden Santiagos, eine Schule in erbärmlichen Zustand: Das Gebäude ist baufällig, es fehlt an Tischen und Stühlen, die Lehrer sind unterbezahlt und häufig ohne fundierte Ausbildung.

Für den Unterhalt der öffentlichen Schulen sind die Kommunen zuständig, doch die haben kein Geld "Die Zustände sind katastrophal, es fehlt an allem", schimpft Rodrigos Sportlehrerin Gimena Valenzuela. Dabei gehen laut einer Studie des chilenischen Finanzministeriums 92 Prozent der Schüler wie Rodrigo auf solche staatlichen oder halbstaatlichen Schulen. Nur acht Prozent besuchen wie Ivo private Bildungseinrichtungen.

Wer es in Chile einmal zu etwas bringen wird, entscheidet immer noch hauptsächlich der Geldbeutel der Eltern - ein schwerwiegendes Problem, denn die Einkommen sind in Chile so ungerecht verteilt wie in wenigen anderen Ländern. In einer Untersuchung der Vereinten Nationen schneiden in Südamerika nur Kolumbien und Brasilien noch schlechter ab.

Schülern wie Rodrigo, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen, ist es damit kaum möglich, dem Teufelskreis der Armut zu entrinnen: Ohne Geld keine ausreichende Schulbildung, somit keine Aussicht auf universitäre Bildung und daher nur geringe Aufstiegschancen. Wahrscheinlich wird Rodrigo einmal in die Fußstapfen seiner ungebildeten und armen Eltern treten - Armut als soziale Erbkrankheit.

Damit sich das ändert, wurde nach den heftigen Protesten im Juni der "Rat zur Verbesserung der Bildungsqualität" geschaffen. Schüler, Studenten und Lehrer widmeten sich der Reform des Bildungssystem und präsentierten Ende September nach teilweise heftigen internen Querelen erste Vorschläge.

Während die Politiker das knapp hundertseitige Papier als Erfolg feierten, herrschte unter den Schülervertretern großer Verdruss. Eine Sammlung von Allgemeinplätzen stelle das Papier dar, zu vage und nicht weitgehend genug seien viele der Formulierungen. "Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen", sagte die Sprecherin der nationalen Schülerversammlung (ACES), Maria Huerta.

Den Kampf für mehr Gerechtigkeit wollen Rodrigo und die anderen Pinguine auf jeden Fall fortsetzen. Damit Bildung nicht ein Privileg der Oberschicht bleibt - und Rodrigos Narben nicht umsonst waren.

Weiter zu Helene Weckwerth: "Lammfleischköfte statt Eisbein"

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