Von Niels Reinhard
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Christian Pis, 24, ist nervös. Ständig klappert der Geographiestudent aus Köln mit den Chips, schaut über seine Sonnenbrille in die Gesichter seiner Konkurrenten. Aber eigentlich kann ja nichts schief gehen, hat er doch eine silberne Kette mit Kreuz auf seinen Chips platziert. "Es ist mein Talisman, der mir den Beistand von oben sichern soll", erklärt er.
Mit ihm haben sich mehrere hundert Pokerspieler im schmalen Konferenzsaal eines Hotels in Leverkusen zur "2. German Poker Tour" versammelt. Manche haben Perücken, viele ihre Sonnenbrillen aufgesetzt. Einige tragen Hawaiihemden, die Mp3-Stöpsel stecken im Ohr – es ist eine Menge aus Jugendlichen, Studenten und Familienvätern. Frauen sind nur selten zu sehen.
Es herrscht Unruhe. Die elf Pokertische, an denen je zwölf Spieler Platz finden, reichen nicht. "Einen solchen Ansturm haben wir nicht erwartet", sagt Organisator Horst Koch mit Schweißperlen auf der Stirn. Im letzten Jahr konnte er lediglich 200 Teilnehmer zählen, mit knapp 700 Spielern in diesem Jahr hat sich diese Zahl mehr als verdreifacht.
Das Spiel mit den Chips erobert Deutschland. In Amerika ist das Pokerspiel schon seit 2003 auf dem Vormarsch und stellt mittlerweile klassische Casinospiele wie Roulette und Black Jack klar in den Schatten. Im Sommer nahmen über 8000 Spieler an dem weltweit größten Pokerturnier teil.
Nun treffen sich auch immer mehr Bundesbürger zu privaten Pokerrunden, suchen das Duell bei organisierten Turnieren und spielen in Casinos oder im World Wide Web. Der Trend öffnet Pokeranbietern einen völlig neuen Wachstumsmarkt, Experten jedoch warnen vor der hohen Suchtgefahr.
"1988 wurde Poker erstmals in einem deutschen Casino angeboten", sagt Ludwig Verschl, der technische Leiter der Spielbank Baden-Baden. Seit geraumer Zeit erkenne er "aus den täglichen Anfragen ein erhöhtes Interesse" der Casinobesucher. In der Tat: Immer mehr Casinos im Bundesgebiet nehmen Pokern in ihr Programm auf und stoßen auf große Resonanz. Im Casino Wiesbaden etwa locken die Pokerturniere so viele Zocker an, dass oft schon Stunden vor Spielbeginn kein Platz mehr frei ist. "Es wird immer mehr Poker-Freunde geben, die das Angebot in den Casinos wahrnehmen", prophezeit Reinhold Schmitt, Chefredakteur des Internetportals isa-casinos.de.
Die neue Lust am Pokern hat bereits zu einer "erhöhten Nachfrage für Pokerchips" geführt, berichtet Detlef Erhardt von AniMazing, dem nach eigenen Angaben größten Fachgeschäft für Casinozubehör in Europa. Sein Online-Shop bringe mittlerweile im Schnitt pro Tag 400 Pokerartikel an den Käufer. Auch auf der Internetplattform eBay finden sich mehr als 2500 Angebote rund ums Pokern.
Die Experten sind sich sicher: Die plötzliche Begeisterung der Deutschen wurde durch die TV-Übertragungen hervorgerufen. "Der Startschuss fiel im März 2005 mit der ersten Pokerübertragung in Deutschland", erinnert sich Christian Henßel, Pressesprecher des Deutschen Sportfernsehens (DSF). "Von dem Erfolg dieser Übertragungen wurden wir jedoch völlig überrascht." Inzwischen ist Poker im Sendeprogramm der Münchener längst nicht mehr nur Lückenfüller, das DSF bezeichnet sich gar als "Pokersender". Die Sendungen erreichen in der Spitze 560.000 Zuschauer.
"Durch die TV-Übertragungen ist Pokern salonfähig geworden", erklärt Reinhold Schmitt, Chefredakteur von isa-casinos.de. Viele Zuschauer fühlen sich angesprochen und zum Nachmachen ermuntert. "Poker ist längst kein Hinterhofspiel mehr, das man nur in verrauchten Spelunken spielt", sagt Schmitt. Private Spieler reize besonders die Mischung aus Mathematik und Psychologie, die beim Pokern gefordert sei.
Gefördert wird die Spiel-Lust durch das Internet. Auf zahlreichen Seiten kann man im Web 24 Stunden am Tag gegen Menschen aus der ganzen Welt antreten – nach einer Umfrage der Münchener Unternehmensberatung MECN unter Experten der Hauptgrund des Booms. Beim größten Anbieter "PartyPoker" zocken 130.000 Menschen am Tag.
Lagen die Einsätze an den Online-Pokertischen 2005 noch bei 60 Milliarden US-Dollar, sollen es im Jahr 2008 nach MECN-Schätzungen schon 215 Milliarden US-Dollar sein. "PartyPoker", der dominierende Online-Anbieter, verzeichnete 2005 einen Umsatz von 859 Millionen US-Dollar, drei Jahre zuvor waren es nur zehn Millionen gewesen. Der raketenartige Aufstieg ihrer Firma mit dem Börsengang in Großbritannien machte das "PartyPoker"-Gründerquartett fast über Nacht zu Milliardären.
Noch rekrutiert die Firma ihre Kunden zu neunzig Prozent aus Amerika, doch registrieren sich seit einiger Zeit immer mehr Spieler aus Europa. Analysten der Deutschen Bank gehen jedenfalls davon aus, dass "das Hyperwachstum in Europa gerade erst beginnt".
Doch Experten warnen vor uneingeschränkter Begeisterung. "Beim Pokern handelt es sich um ein Spiel mit rascher Spielabfolge, das eine besondere Suchtgefahr birgt", erklärt Professor Gerhard Meyer, Leiter des Instituts für Psychologie und Kognitionsforschung an der Universität Bremen. Der Experte für Glücksspielsucht hat beobachtet: "Besonders junge Leute nehmen an Pokerspielen teil und träumen davon, ihren Lebensunterhalt mit dem Pokern zu finanzieren." Eine besondere Gefahr bestehe darin, dass Poker von vielen als "Kompetenz- und nicht als Glücksspiel" angesehen werde.
Zusätzlich erhöhe "die gesteigerte Verfügbarkeit und Griffnähe" des Pokerspiels in den Medien die Suchtgefahr erheblich, meint Meyer. Auch Ilona Füchenschnieder vom Fachverband für Glücksspielsucht stuft die vielen Fernsehsendungen als "beunruhigend" ein: "Hier wird ein Trend geschaffen, der die Gruppe anspricht, die besonders von der Glücksspielsucht bedroht ist."
Der Fachverband für Glücksspielsucht verzeichnete bereits erste Anfragen von Pokersüchtigen, wie der Diplom-Psychologe Horst Bönstrup zu berichten weiß. "Die meisten Spieler wenden sich erst an die Beratungsstelle, nachdem sie fünf bis zehn Jahre exzessiv gespielt haben", sagt Bönstrup. Deshalb könne man das Ausmaß der Pokersucht auch erst in ein paar Jahren ablesen - und desto alarmierender seien die ersten Anfragen.
Manche Experten plädieren deshalb dafür, die Pokerwerbung auf den Fernsehkanälen einzuschränken. Martin Michaliszyn vom niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport hält sogar allgemein "eine restriktive Gestaltung des Glücksspielrechts für zwingend erforderlich".
Die Spieler hingegen träumen weiter vom Erfolg. Christian Pis etwa, der abergläubische Wettkampf-Teilnehmer, will sich sein Geographiestudium durchs Pokern finanzieren. Er spielt schon vier Mal die Woche und will dies noch "intensivieren."
Doch im Augenblick sind seine langfristigen Ziele unwichtig. Er gehört zu dem Trio, das um den Qualifikationsplatz für die Finalrunde spielt. Die Chips sind vor ihm wie kleine Wolkenkratzer gestapelt, Zeichen seiner Stärke.
Pis überlegt und grübelt, riskiert dann aber zu viel und verliert letztendlich – ausgerechnet gegen eine der wenigen Frauen, die an diesem Turnier teilnimmt. "Das hätte nicht sein müssen", kommentiert Pis sein Ausscheiden. Eigentlich ist Poker doch eine Männerdomäne. Eigentlich.
Weiter zu Philipp Seibt: "Laufband statt Ersatzbank"
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