Von Jörg Oberwittler
Die Realschule ist jedoch nicht nur die deutlich attraktivere Alternative zur Hauptschule, weiß Rösner. Es kommt noch ein weiteres Problem hinzu. "Die Hauptschule ist in vielen Ländern in so einer schlechten Verfassung, dass sie selbst gar nicht mehr gewollt wird." Der Ruf als "Resteschule" und "Aufbewahrungsanstalt" für Lernschwache und Migrantenkinder, Gewaltmeldungen, schlechte Ausbildungsplatzchancen – da seien Eltern nicht mehr bereit, ihre Kinder hinzuschicken.
Über 160.000 Schüler kehrten ihr seit dem Schuljahr 2001/2002 den Rücken, bestätigt das Statistische Bundesamt. Derweil sind die Übergangsquoten zur Realschule und zum Gymnasium kontinuierlich gestiegen.
"Nicht die Hauptschule ist krank, sondern das dreigliedrige Schulsystem", sagt Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE), selbst seit über zehn Jahren Direktor einer Hauptschule. Der jüngste Uno-Bericht des Menschenrechtsinspektors Vernor Munoz habe deutlich gezeigt, wo die Schwäche des deutschen Schulsystems liege: die frühe Aufteilung auf verschiedene Schulformen benachteiligt arme, lernschwache und Migrantenkinder. Weltweit verteilt außer Deutschland nur noch Österreich die Kinder so früh.
Gemeinschaftsschule als Lösung?
Die Zukunft könnte in einer Alternative zur dreigliedrigen Schulform liegen: in der Gemeinschaftsschule. Sie sieht ein gemeinsames längeres Lernen aller Schüler vor, zum Beispiel bis zur achten oder zehnten Klasse. Als erstes Bundesland hat Schleswig-Holstein die Einführung der Reformschule beschlossen; Hamburg will die Haupt-, Real- und Gesamtschulen zur "Stadtteilschule" vereinigen und neben den Gymnasien anbieten.
Alle Schüler würden dann in einen Topf geworfen werden, die Schwächsten bestimmten das Lerntempo, entgegen Kritiker des Gemeinschaftsschulmodells. "Die Schüler wären zu einem Drittel gut aufgehoben, zu einem Drittel überfordert und zu einem Drittel unterfordert", warnt zum Beispiel Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband. Studien, die das belegen, kann er nicht vorweisen.
Andere Bildungsexperten bezweifeln seine Sicht: "Wenn sie verschiedene Schüler mit unterschiedlichen Leistungsniveaus haben, werden die Schlauen nicht dümmer, aber die Dummen besser", sagt Rösner und nennt das den "Anregungsreichtum einer Lerngruppe".
Mehr Flexibilität, mehr individuelle Betreuung, mehr Offenheit nach oben zu höheren Schulabschlüssen fordern die Befürworter der Hauptschule. "Die Hauptschule darf keine Sackgasse sein", warnt Schulleiter Robert Hasse von der Zelter-Schule. Dann habe sie auch eine Zukunft.
Dem widersprechen die Bildungsexperten: "In Berlin gebe ich ihr maximal noch vier bis fünf Jahre", sagt Rösner. "In Bayern laufen die Uhren langsamer, da wird es noch etwas länger dauern. Aber auf Dauer ist diese Schulform nicht aufrecht zu erhalten." Auch Marianne Demmer von der GEW reiht sich da ein: "Die Schulform wird nicht zu retten sein."
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