Von Tobias Lill
Immer mehr Eltern verordnen ihrem Nachwuchs zudem Privatunterricht. Mehr als ein Fünftel der Grundschüler nimmt laut einer BLLV-Schätzung Nachhilfe, um den Notenschnitt fürs Gymnasium zu schaffen. Bei der Schülerhilfe, einem der größten privaten Paukinstitute, kennt man diese Entwicklung: "Abweichend vom Bundestrend werden in Bayern die Nachhilfeschüler immer jünger", sagt Sprecherin Karla Schachtner.
Auch die Eltern des neunjährige Felix wollen, dass ihr Sohn auf die Realschule geht. Deshalb besucht der Viertklässler zweimal wöchentlich den Nachhilfekurs "Fit für den Übertritt". "Seit der dritten Klasse ist der Wechsel auf eine höhere Schule das zentrale Thema in der Klasse", sagt seine Mutter. Eine wirkliche Alternative zu den privaten Förder-Angeboten gibt es nicht. Die an der Schule angebotenen Förderstunden würden häufig entfallen, erzählt die Mutter von Felix.
Und so ist der Übertritt auch eine Frage des Geldes. Nur 16 Prozent der Migrantenkinder in Bayern gehen nach der Grundschule auf ein Gymnasium, rund drei Viertel auf die Hauptschule. Von den deutschen Viertklässlern schaffen 37 Prozent den Übertritt auf das Gymnasium.
Im Bestreben, ihrem Nachwuchs zu den besten Chancen zu verhelfen, greifen die Eltern derweil zu drastischen Mitteln. "Immer häufiger werden Grundschüler vor Prüfungen mit Medikamenten vollgepumpt", so BLLV-Chef Dannhäuser. "Manche Eltern räumen ganz offen ein, ihren Kindern Ritalin und andere Präparate zu verabreichen, um deren Leistungsfähigkeit zu erhöhen", sagt ein Nachhilfelehrer SPIEGEL ONLINE.
Feilschen um jedes Gutachten
Schafft ein Kind den Übertritt trotz aller Bemühungen nicht, kommt es häufig zu Konflikten zwischen Eltern und Lehrern. "Nicht jeder will einsehen, dass sein Kind eben nicht für das Gymnasium geeignet ist", erzählt eine Nürnberger Grundschullehrerin. Aus Danningers Erfahrung "wird um jedes Gutachten gefeilscht". Immer mehr Eltern würden zudem vor Mobbing gegen Lehrer nicht zurückschrecken.
Die Psychologin Schloter hält generell nichts davon, den Kindern in der Grundschule Nachhilfe für den Übertritt zu geben: "Dann schaffen sie es mühsam auf das Gymnasium, nur um sich dort noch mehr zu quälen."
Grundschulleiterin Wübben sagt, die Eltern müssten begreifen, dass die Hauptschule durchaus eine Perspektive biete. So sieht man das auch beim Bayerischen Kultusministerium: "Auch von der Hauptschule aus haben die Schüler die Möglichkeit einen höheren Bildungsabschluss zu erwerben", so ein Sprecher. Immerhin 20 Prozent der Hauptschüler würden die Mittlere Reife schaffen. Bei den Arbeitgebern sei das "hohe Niveau" an Bayerns Hauptschulen ebenfalls bekannt. So rekrutiere etwa Audi die Hälfte seiner Mitarbeiter im gewerblichen Bereich aus dieser Schulform. "Es gibt also keinen Grund zur Sorge, wenn das Kind zur Hauptschule muss", sagt der Sprecher.
Anders als Schleswig-Holstein oder Hamburg will Bayern weiter am dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Albin Dannhäuser hat dafür kein Verständnis: "Nur durch eine spätere Selektion und die Aufgabe des dreigliedrigen Systems kann der Druck auf die Grundschüler verringert werden."
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