Ravensburg, 30. April 2007
Offener Brief zur aktuellen Schulentwicklungsdebatte
Sehr geehrter Herr Minister Rau,
als praktizierende Schulexperten haben wir mit Verwunderung und Empörung den am 15.3.2007 in der Schwäbischen Zeitung veröffentlichten Artikel "Land verordnet den Hauptschulen ein Fitnessprogramm" zur Kenntnis genommen.
Die dort dargestellten "neuen" Vorschläge Ihres Ministeriums kamen uns allesamt sehr bekannt vor. Diese als "Reformvorschläge" angepriesenen Maßnahmen werden an den Hauptschulen größtenteils bereits seit vielen Jahren von einer engagierten Lehrerschaft umgesetzt.
Wir fragen uns, ob Ihr Ministerium eine nur lückenhafte Kenntnislage über die Arbeit an unseren Schulen besitzt oder ob hier gar eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit beabsichtigt ist.
Durch diese erneute so genannte "Reform der Hauptschule" wird suggeriert, dass die nicht vorhandene Akzeptanz dieser Schulart an deren mangelhafter Arbeitweise liege. Das passt unseres Erachtens nicht zu dem Hohen Lied, das Sie immer wieder in der Öffentlichkeit auf die Arbeit der Hauptschule singen.
Das "Fitnessprogramm" mit individualisiertem und selbsttätigem Lernen wird als Wundermittel verkauft und ist eine Ohrfeige für die bisherige Arbeit der Hauptschullehrer und -lehrerinnen. Aus der Hauptschule heraus kommen die meisten individualisierenden Methoden in der Sekundarstufe I, weil diese Schulart die heterogensten Gruppen hat und die Schüler in der Regel nicht nach "unten weitergereicht" werden.
Wir möchten in Erinnerung rufen, dass die Hauptschule seit über 20 Jahren mit größtem Engagement unzählige "Fitnessprogramme" durchführt und zurecht als die innovativste Schulart der Sekundarstufe I gilt. Andere Schularten profitieren längst von dieser Arbeit und setzen die von den Hauptschulen entwickelten Maßnahmen – z. B. Berufswahlunterricht, Fächerverbünde, Projektprüfung, usw. - in ihrem Unterricht um.
Am allgemeinen Desinteresse an der Schulart Hauptschule hat sich allerdings dadurch nichts geändert. Es liegt also nahe, festzustellen, dass die "Abwahl" dieser Schulart nichts mit der Schulqualität zu tun hat, sondern andere Gründe hierfür maßgeblich sind:
Es handelt sich bei der "Abwahl" der Schulart Hauptschule also vielmehr um ein soziologisches Phänomen, welches wiederum mit dem Schulabschluss beziehungsweise mit unserem hierarchischen Schulsystem zusammenhängt und in dem verständlicherweise alle nach "oben" drängen. Abgesehen davon sind wir trotz dieses "Nachobendrängens" in der Studierquote weit unter dem europäischen Durchschnitt - in der Pisastudie belegte Deutschland unter 25 Staaten den viertletzten (!) Platz. Eine höhere Eingangshürde für die weiterführenden Schulen wäre deshalb als weiterer Rettungsversuch für die Hauptschule völlig untauglich. Dieses soziologische Phänomen ist auch nicht durch noch so gut gemeinte "Fitnessprogramme" zu durchbrechen.
Auf anderen Social Networks posten:
Sie werden es nicht glauben, doch so etwas gibt es mittlerweile sogar in Bayern. Ich glaube es war 9. oder 10. Klasse, da hatten wir in Soziologie so einen Lehrer abbekommen. Gott sei dank, hat uns der Klassenleiter rechtzeitig [...] mehr...
Na, in Irland scheint es ja mit dem Erfolg des Bildungssystems auch nicht so weit her zu sein: http://www.gaelnet.de/2010/12/08/pisa-schock-irland/ Aber vielen Leuten sind Resultate von Bildungssystemen ja wohl [...] mehr...
Hallo, unser Schulsystem ist total veraltet. Meine Frau und ich leben in Irland. Meine Frau hat schon gesagt das wenn wir nach D ziehen sollten muss er auf eine Privat schule. Eine cousine von Ihr lebt in D mit Ihrem mann, die [...] mehr...
Um systemrelevante Schulen stützen zu können, muss zunächst der Bildungsbereich privatisiert werden. Abgesehen von den Landesbanken, denen ein eigenständiger Geschäftsbereich fehlt, da die Sparkassen eigene Spitzeninstitute [...] mehr...
Könnten auch Schulen (so wie das Bankgewerbe) in DE von der Politik den Status: Systemrelevant, erhalten? Oder muss die Bevölkerung mehr druck machen? Dann flössen hunderte von Milliarden € in die Ausbildung von handverlesenen [...] mehr...
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