Unser System grenzt also nach unten hin aus, anstatt zu integrieren und individuell zu fördern. Ihre Aussage, die Realschule sei eine "Aufsteigerschule", spricht in diesem Zusammenhang Bände.
Führende Soziologen warnen davor, dass "Kinder zu einem knappen Gut" werden.
Dieses Gut gelte es, umfassend zu bilden und zu fördern, anders sei die Überlebens- fähigkeit unserer Gesellschaft in sozialpolitischer sowie volkswirtschaftlicher Perspektive nicht gewährleistet.
Nichtsdestotrotz gibt es in Baden-Württemberg pro Jahr 8000 bis 9000 Schüler, die keinen Schulabschluss erreichen. Das sind etwa 7% eines Jahrgangs! Wie lange können wir uns dies bei der momentanen demographischen Entwicklung noch leisten?
Eine Frage, der sich auch die Finnen mit ihrem damals dreigliedrigen System Mitte der 60er Jahre stellen mussten. Ihre Maxime lautet heute "Kein Schüler darf verloren gehen!"
Finnland hat mit seiner im Jahre 1968 ins Gesetz gegossenen Schulreform drei zentrale Ziele verfolgt:
Der wichtigste Effekt der finnischen Gesamtschule besteht für die dortigen Schulentwickler darin, dass Lehrer – wenn sie Schüler nicht erreichen - ihren Unterricht ändern müssen, anstatt das "Problem" abzugeben. Das kluge System der integrierten pädagogischen Unterstützung für schwache oder zeitweise in ihrem Lernverhalten benachteiligte Schüler hat sicherlich Vorbildfunktion und könnte helfen, die starken Segregationstendenzen in unserem Bildungssystem abzubauen.
Das an dieser Stelle immer wieder zu hörende Argument, in Finnland betrage die Jugendarbeitslosigkeit 20%, greift so nicht. Die dort fehlenden Ausbildungsplätze sagen nichts über die Schulqualität aus. Vielmehr handelt es sich dabei um ein volkswirtschaftliches Problem, denn es wären vermutlich weitaus mehr finnische Jugendliche arbeitslos, würden sie nicht über ein derartig hohes Bildungsniveau verfügen. Im Übrigen haben z. B. Dänemark und Norwegen mit ihren integrativen Schulsystemen eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeit als Deutschland; die Jugendarbeitslosigkeit ist in Finnland seit 1995 stetig gesunken, in Deutschland hingegen gestiegen.
Vielfach wird Finnlands ländliche Struktur mit kleinen Schuleinheiten als Systemvorteil aufgeführt. Wenn die Landesregierung jedoch weiterhin starr am dreigliedrigen Schulsystem festhält, wird es in Baden-Württemberg zu einer dramatischen Zahl von Hauptschulschließungen kommen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass bald 80% unserer Schüler in großen, mehrzügigen Realschulen und Gymnasien unterrichtet werden. Wäre ein längeres gemeinsames Lernen Konsens, könnten viele gefährdete Schulstandorte - mit ihren vielerorts neu errichteten Ganztagesgebäuden - weiterhin Bestand haben und die Schule vor Ort könnte - als kultureller Mittelpunkt einer Gemeinde - ihre immer mehr an Bedeutung gewinnende integrierende Funktion ausbauen. Hier wird leichtfertig ein wichtiger Standortfaktor der ländlichen Gemeinden aufs Spiel gesetzt.
Angesichts aller oben aufgeführten Fakten und Erkenntnisse fordern wir die Landes- und Bildungspolitik auf, einen längst überfälligen Paradigmenwechsel einzuleiten – weg vom selektiven dreigliedrigen Schulsystem, hin zu einem integrativen Schulsystem, in dem Kinder und Jugendliche, wie in anderen Staaten üblich, länger gemeinsam miteinander und voneinander lernen und dabei individuell gefördert werden.
Dieser Prozess ist nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen. Umso wichtiger ist, dass parteiübergreifend endlich eine Verständigung über das Ziel eines integrativen Schulwesens hergestellt und mit der Planung geeigneter Umsetzungsschritte begonnen wird, in die wir als praktizierende Schulexperten vor Ort partnerschaftlich eingebunden werden. Es reicht nicht aus, auf "Experten" zurückzugreifen, die sich vorwiegend ihrer eigenen Schulbiographie - oder der ihrer Kinder - als Kompetenz- und Argumentationsgrundlage bedienen und/oder die die Verwirklichung einer umfassenden Bildungsreform kurzfristigen fiskalischen beziehungsweise wirtschaftlichen Argumenten unterordnen.
Wir sind voller Zuversicht, dass wir in naher Zukunft mit Ihnen in eine konstruktive Diskussion über notwendige schulstrukturelle Veränderungsprozesse treten.
Mit freundlichen Grüßen
Anlage: Liste (2 Seiten) der 96 mitunterzeichnenden Schulleiterinnen und Schulleiter
Eine Kopie dieses Schreibens geht an Ministerpräsident Günther H. Oettinger
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