SPIEGEL ONLINE: Die US-Regierung hat in den letzten Jahren Milliarden Dollar in die digitale Aufrüstung der High Schools gesteckt. Nun schwören erste Schulen den Computern ab. Ist das der Beginn eines großen Umdenkens?
Jonathan Zimmerman: Ich denke ja. Die Menschen haben an die Revolution geglaubt, doch die Revolution ist ausgeblieben. Jetzt sind sie enttäuscht.
SPIEGEL ONLINE: Wie hätte diese Revolution aussehen sollen?
Zimmerman: Es gab diesen Traum vom schönen, neuen Klassenzimmer. Schulversager sollte es nicht mehr geben, schlechte Noten auch nicht. Stattdessen prophezeiten Bildungsforscher, durch den Einsatz von Computern würden Kinder spielend lernen und die Schule lieben.
SPIEGEL ONLINE: Sie halten das für eine naive Vorstellung?
Zimmerman: Ja, aber sie hat sich bis heute gehalten. In den achtziger Jahren setze sich die Erkenntnis durch, dass wir unsere Kinder individuell unterrichten müssen, um ihnen wirklich etwas beizubringen. Aber wir hatten ein Problem.
SPIEGEL ONLINE: Welches?
Zimmerman: Wir wussten nicht, wie. Doch dann kamen die Computer - und wir dachten, alle Probleme wären gelöst. Es schien die perfekte Ehe zu sein: einerseits das Bedürfnis nach individuellerem, abwechslungsreicherem Unterricht, andererseits das neue Gerät, das durch seine Vielfältigkeit genau dieses Bedürfnis zu befriedigen versprach.
SPIEGEL ONLINE: Woran ist diese Ehe gescheitert?
Zimmerman: Die Lehrer benutzen die Computer wie normale Werkzeuge, wie Kreide oder Stifte. Sie haben es versäumt, den Unterricht insgesamt umzustellen. Sie dachten, sie drücken jedem Schüler einen Laptop in die Hand – und gut ist es. Aber Revolutionen kommen nicht von Maschinen. Wir müssen uns überlegen, wie wir Computer einsetzen und in welchem Umfeld.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist das nicht längst geschehen?
Zimmerman: Das hat zwei Gründe. Zum einen ist Bildung eine sehr, sehr unbewegliche und konservative Veranstaltung. Es dauert entsetzlich lange, bis sich Neuerungen an Schulen durchsetzen. Zum anderen hegt die Gesellschaft völlig falsche Erwartungen an die Technik. Computer sind keine Wunderwaffen. Die jüngsten Studien zeigen: Computer im Klassenzimmer machen nur dann Sinn, wenn sie sehr gezielt eingesetzt werden - und selbst dann ist der Nutzen begrenzt.
SPIEGEL ONLINE: Eine bittere Erkenntnis, nach Milliarden-Investitionen...
Zimmerman: Nein, eine gesunde Erkenntnis. Ich bin glücklich, dass endlich eine Debatte über den Nutzen von High Tech im Klassenzimmer begonnen hat. Sind Laptops für alle Schüler tatsächlich eine kluge Idee? Sollten wir stattdessen nicht mehr Lehrer einstellen? In welchen Fächern machen Computer Sinn, wo stören sie nur? All diese Fragen wurden in den letzten Jahren konsequent ausgeklammert. Computer wurden als heilige Macht verehrt, und über Heiligtümer spricht man nicht, schon gar nicht schlecht.
SPIEGEL ONLINE: Nun klingen Sie verbittert.
Zimmerman: Nein! Ich frage mich nur: Warum reden wir erst jetzt darüber? Warum haben wir so viel Geld verschwendet? Und so viel Energie? Warum haben wir aus den Irrtümern der Vergangenheit nicht gelernt?
SPIEGEL ONLINE: Welche Irrtümer meinen Sie?
Zimmerman: Als Anfang des letzten Jahrhunderts Bewegtbilder Mode wurden, dachte man auch, sie würden das Lernen radikal verbessern. Und in den sechzigern Jahren glaubte man, Roboter könnten künftig den Unterricht leiten. Überzogene Erwartungen bis hin zur Hysterie sind eben typisch amerikanisch.
Das Interview führte Maximilian Popp
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