ThemaPrivatverschuldungRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
21.08.2007
 

Jung und blank

Bis zu den Knien im Dispo

Von Anne Haeming

SMS kosten ja nix, das Versandhaus liefert sofort, darf's Ratenzahlung oder gleich ein Kredit sein? Schon rauschen Jugendliche fett ins Minus. Dario und Viktoria haben den Umgang mit Geld nie gelernt. Jetzt helfen Profis ihnen, aus der Schuldenfalle zu kommen.

Das Mädchen lehnt lässig an der Wand, in ihrer linken Hand balanciert sie ein pinkfarbenes Handy, mit der rechten reckt sie ein braunes Pappschild in die Luft. Mit Edding steht da: "Brauche Geld! Für neue Gucci-Tasche!" Das Plakat ist Ergebnis einer Projektarbeit mit Stuttgarter Schülern. Das Mädchen mit dem pinken Handy und den Fingernägeln in schuldenrot, so die Botschaft, ist in den Miesen - und zwar bis unter die gezupften Augenbrauen.

"Konsum ist die neue Massendroge", sagt Martin Tertelmann, Präventionsbeauftragter der Schuldnerberatung Stuttgart. Seit 2005 reist er mit seiner Projektarbeit von Schule zu Schule, zu siebt- wie Zehntklässlern, dabei entstand auch das Gucci-Plakat.

Rund zwölf Prozent der 13- bis 24-Jährigen haben sich in Deutschland im vergangenen Jahr mit Handyrechnungen und teuren Klamotten in Schulden von durchschnittlich 1800 Euro gestürzt, ermittelte der Bundesverband der Inkassounternehmen.

Es ist eine kaufkräftige Schicht: 22,5 Milliarden Euro gaben die 6- bis 19-Jährigen 2006 aus, rechnet das Münchner Marktforschungsinstitut "iconkids & youth" vor - davon 2,8 Milliarden für Telefon-Gespräche, SMS und Downloads. Allein bei den 17-Jährigen besitzen 94 Prozent ein Handy.

Das Label "jung und verschuldet" ist allerdings dehnbar. Die Werbebranche zählt auch 25-Jährige noch zur Jugend. In der Schuldnerberatungsstelle, die die Berliner Caritas speziell für Jugendliche anbietet, klopfen vor allem 18- bis 27-Jährige an die Tür.

Kein Geld mehr, um Essen zu kaufen

Ein Beispiel für die fließenden Altersgrenzen zwischen gesetzlicher Mündigkeit und alltäglicher Unmündigkeit ist Dario*. Er ist 22, links glitzern vier gleißende Brillianten die Ohrmuschel hinauf, rechts zwei. Dario arbeitet auf 400-Euro-Basis in der Schmuckabteilung eines Berliner Kaufhauses. Er geht davon aus, dass seine Karriere als Sänger nur eine Frage der Zeit ist. Dario hat 9000 Euro Schulden, ohne Zinsen. Demnächst beantragt er Privatinsolvenz.

Dorothée Bünner betreut ihn. Sie ist eine der Sozialarbeiterinnen, die bei der Berliner Caritas Jugendlichen helfen, erst einmal einen Überblick über ihre Handyrechnungen, Versandhausbestellungen und Mietschulden zu bekommen. Dario tauchte im Herbst 2006 bei ihr auf, da stapelten sich bei ihm Rechnungen und Mahnschreiben zu Dutzenden. "Ich hatte nicht einmal mehr Geld, um was zu essen zu kaufen", sagt er.

Wer Dorothée Bünner in ihrem Büro gegenüber sitzt, mit Aussicht auf einen begrünten Innenhof, hat den schwierigsten Teil hinter sich: "Die Hemmschwelle, hierher zu kommen, ist immens", sagt Bünner. Einmal die Woche bietet sie daher Sprechstunden in einem Berliner Jugendhaus an. Über die Hälfte ihrer Klientel sind junge Männer, sie kommen mit ihren Müttern. "Die Mädels versuchen, es allein zu schaffen – oder sind fitter im Umgang mit Finanzen." Haushaltspläne schreiben, Ordner anlegen, das sind die Hausaufgaben, die Dorothée Bünner ihren Schützlingen stellt.

Bei Viktoria sind die Rechnungen inzwischen sortiert. Die 21-Jährige sitzt auf einem der vanillegelben Ledersessel, gegenüber kümmert sich ihr Freund um den neun Monate alten Sohn. Im Fernsehen läuft eine der Nachmittagsshows, in der Gerichtssitzungen nachgespielt werden.

"Ich war dumm und blauäugig"

Mit 16 zog sie zu ihm, wegen ihres schlechten Abschlusszeugnisses bekam sie keine Lehrstelle. Vor einem halben Jahr standen sie mit 2500 Euro in den roten Zahlen. "Früher haben wir eingekauft, worauf wir gerade Lust hatten, Pizza, Eis, egal." Sie bestellte hemmungslos in Internetversandhäusern. Schuhe für 180 Euro, Computer, vieles auf Raten: "20 Euro im Monat, das hört sich nicht so viel an" – zehn Mal 20 Euro Fixkosten schon eher. Und ihr Freund zog um die Spielhallen, fütterte die Schlitze auch mal mit 300 Euro.

Anfang des Jahres kam dann ein Anwaltsschreiben, das Konto wurde gesperrt. "Da sind wir aufgewacht", sagt Viktoria. "Wir haben schließlich Verantwortung für den Kleinen."

Viktoria wie auch Dario kümmern sich nun akribisch um ihren monatlichen Haushaltsplan. Er regt sich über Freunde auf, die trotz Schulden rauchen, "darauf könnte man doch verzichten, das geht ins Geld". Viktorias Freunde wissen nicht, dass sie hoch verschuldet ist, es ist ihr peinlich. "Ich war dumm und blauäugig", sagt sie.

Beide erzählen, sie hätten nie gelernt, mit Geld umzugehen. Ginge es nach Dorothée Bünner, stünde Haushalten als Pflichtstoff in allen Lehrplänen. Rund drei Viertel aller Schüler, so eine Studie des Bankenverbands, wünschten sich Wirtschaft als Schulfach. Bünner ärgert sich über manche Bank, die offensiv Werbung macht für sogenannte junge Konten. Sie locken mit Scheckkarten zum Selbstdesignen und dem Versprechen, dass jeder einen Kredit bekommen kann.

"Die Jugendlichen müssen gewarnt werden", sagt Präventionsmann Tertelmann. "Sie wissen, wie sie die fünfte Quadratwurzel von irgendwas ausrechnen. Aber von Zinsen und Girokonten haben sie keine Ahnung."

(*Name geändert)

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Wissen
alles zum Thema Privatverschuldung

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...






TOP



TOP