Samstag, 21. November 2009

SchulSPIEGEL



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13.08.2007
 

Vertretungslehrer Dr. Sommer

"Mit Hand und Haut endlose Lust entfachen"

Er ist schwerhörig, aber nicht schüchtern: Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte Martin Goldstein, 79, alias Dr. Sommer als Biolehrer in die Ganztagsschule Salzwedel. Munter plauderte er über Versagen im Bett und andere Sorgen untenrum - die Zehntklässler schämten sich.

11.05 Uhr: Die Schüler gucken verwirrt - wer ist der alte Mann da vorne an der Tafel? Klassenlehrerin Frau Bütow erklärt: "Da wir in den letzten paar Stunden ziemlich im Clinch lagen, habe ich gedacht, das wäre mal eine Abwechslung." Und was für eine!

Dr. Sommer: Ich bin Martin Goldstein, der erste Dr. Sommer, und halte jetzt eine Stunde zum Thema "Schamgefühl bei Jugendlichen". Ich bin schwerhörig. Wenn ich euch nicht verstehe, lächele ich entweder freundlich oder frage nach.

Der Doktor selbst ist eher schamgefühlskalt – er kommt gleich zum heißen Brei mit einer Erinnerung an seine Kindheit:

Dr. Sommer: Ich war drei oder vier. Meine Mutter badete mich, und ich gestand ihr meine heimliche Sorge. Ich fragte: "Woher wisst ihr, dass ich ein Junge bin?" Da wurde sie ganz still und guckte peinlich berührt nach unten. Schließlich sagte sie: "Untenrum sehen Mädchen anders aus."

11.08 Uhr: So richtig warm sind die Schüler mit dem Thema noch nicht. Dr. Sommer will das Eis mit einer Übung zum Schmelzen bringen und sehen, wie prüde die Meute ist. Er schreibt "Untenrum" an die Tafel.

Dr. Sommer: Gehört dieses Wort für euch eindeutig zum weiblichen Geschlecht?

Die Schüler schweigen und blicken schüchtern umher. Offenbar haben sie die Stunde dringend nötig, ist doch allen die Sache sichtlich unangenehm.

Dr. Sommer: Gut, dann schreibe ich noch ein Wort an, was eindeutig zum männlichen Geschlecht gehört.

Jetzt steht auch "Penis" an der Tafel. Zwei, drei Schüler kichern – natürlich.

Dr. Sommer: Jetzt bitte ich euch, für die zwei Wörter Synonyme zu finden. Egal, ob sie erlaubt oder unerlaubt, üblich oder unüblich sind. Wer möchte anfangen?

Ein paar werden rot. Alle gucken überall hin, nur nicht nach vorne. Auf persönliche Bitte geht schließlich einer der Schüler vor und schreibt unter Penis "Geschlechtsteil". Die Kreide wandert, "Schwanz" und "Glied" werden schüchtern ergänzt. Niemand reißt sich um das weiße Schreibstück. Nur Vicky sieht die Sache gelassen.

Vicky: Och, ihr seid doch feige.

Sie geht vor und schreibt "Vagina" an.

11.24 Uhr: Dr. Sommer ist unzufrieden mit der mageren Ausbeute an Synonymen. Natürlich stürmt erst mal keiner nach vorne, aber dass sich das auch nach zehn Minuten nicht ändert, finden selbst wir irgendwie albern. Marcus schlägt wenigstens noch "Fotze" vor, selber anschreiben will er es aber nicht – schließlich sei er schon vorne gewesen. Na, Marcus, da gab es aber schon bessere Ausreden.

ZUR PERSON

Dr. Martin Goldstein, 79, wurde bekannt als der erste "Dr. Sommer". Von 1969 bis 1984 beantwortete er in der "Bravo" Jugendlichen alle Fragen rund um Körper und Sexualität. Goldstein arbeitete als Arzt, Psychotherapeut und Religionslehrer und hat mehrere Aufklärungsbücher geschrieben.
11.26 Uhr: Die Kreide bleibt liegen. Also weiter im Stoff: Wir teilen in der Klasse aktuelle Briefe an das Dr.-Sommer-Team aus. 400 kommen jede Woche bei der "Bravo" an – weil es vielen einfacher fällt, einen anonymen Brief zu schreiben als Freunde zu fragen. In mancher Pubertät hilft beides nicht, da sind Hopfen und Karamalz längst verloren, glaubt Till: "Jemand hat mal gefragt, ob man vom Fingern schwanger werden kann." Dr. Sommer lächelt freundlich.

Till: Das kann man sich ja auch selber beantworten.

Jetzt fragt Dr. Sommer nach: "Was?"

Till: Na, ob man vom Fingern schwanger werden kann.

Dr. Sommer: Vom Fingern? Was ist denn das?

Genau, Till, erklär doch mal. Dr. Sommer lächelt – diesmal sicher nicht aus Schwerhörigkeit.

Till: Na, dass man auch anders Sex haben kann. Dass man dafür den Finger mehr so im Intimbereich benutzt.

Dr. Sommer: Es ist die Frage, ob es eine Sache der Bildung oder der Erfahrung ist. Sie fragt sich einfach, ob es Gefahren gibt. Nein, wenn man den Finger benutzt, erweckt das nur große Lustgefühle. Das kann ich sehr empfehlen.

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