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Vertretungslehrer Dr. Sommer "Mit Hand und Haut endlose Lust entfachen"

2. Teil: Rote Gesichter, verschämte Blicke

11:32 Uhr. Christine liest den Brief "Wie geht Blasen?" vor. Als sie auch die Antwort vorlesen will, unterbricht sie Dr. Sommer.

Dr. Sommer: Was haltet ihr davon?

Antonia: Sie ist wahrscheinlich unerfahren.

Dr. Sommer: Ist das eine dumme Frage?

Nachhilfe von Dr. Sommer: Was ist Fingern?
Spiesser

Nachhilfe von Dr. Sommer: Was ist Fingern?

Antonia: Nein, das ist keine dumme Frage. Ich finde, das könnte man auch Freunde fragen. Ich würde da keinen Brief schreiben.

Dr. Sommer: Hast du das deine Freunde schon mal gefragt?

Die anderen feixen und gucken neugierig zu Antonia. Sie lächelt unsicher, sagt aber nichts.

Dr. Sommer: Es kommt auch darauf an, ob derjenige sich nur erkundigen will oder ob er es vorhat. Wenn er seine Freundin fragt, dann sagt sie vielleicht "Na klar, leg dich hin, ich mach dir das" – und dabei wollte er sich doch nur erkundigen! Überhaupt ist der Begriff Blasen völliger Quatsch, das sieht nur so aus. Eigentlich ist es ein zärtliches Lecken und Lutschen.

Ein paar grinsen verhalten, andere nicken zustimmend und lächeln irgendwie wissend. Ist das Eis jetzt gebrochen? Dr. Sommer hakt nach:

Dr. Sommer: Gibt es auch andere Tabuthemen außer Sex?

Schweigen im Walde. Wer nicht reden will, muss eben schreiben: Die Schüler sollen ihre persönlichen Tabuthemen zu Papier bringen.

11.43 Uhr: Alle gucken auf ihren oder schielen auf des Nachbarn Zettel. Dr. Sommer ergänzt in der Zwischenzeit Yoni, Muschi und Schniedel an der Tafel.

Dr. Sommer: Will jemand seine Aspekte nennen?

Till: Ich glaube, ich würde es erst mal keinem sagen, wenn ich schwul wäre. Oder wenn ich etwas geklaut hätte.

Sonst traut sich wieder keiner. Till ergreift die Initiative. Er sammelt die Zettel ein und bringt sie nach vorne, Frau Bütow schreibt an: "Versagen im Bett" und erntet viel Gelächter.

Dr. Sommer: Es gehört zur Sexualität, dass man sie nicht einfach anknipsen kann. Wenn ich Versagen im Bett erlebt habe, sage ich zu meiner Frau "Ich kann heute nicht". Dann habe ich natürlich große Angst, dass sie sagt "Scheiße. Wann kommst du denn endlich zur Sache?" Aber eine Frau, die sagt: "Du kannst mich auch streicheln. Leg' deine Hand auf meinen Bauch und dabei belassen wir es für heute" – die würde ich lieben.

Till: Mir wäre es peinlich, wenn ich mit einer Frau Sex habe und auf einmal will der Penis nicht so, wie ich will.

Dr. Sommer: Das klingt, als hättest du eine Befürchtung.

Till: Ich stelle mir das nur einfach komisch vor.

11.50 Uhr: Es klingelt. Die Tür geht auf. Aus der Klasse tönt ein "Fotze" – ja ja, aber anschreiben wollte es keiner... Die Schüler opfern noch zehn Minuten ihrer Pause. Jetzt dürfen sie Fragen stellen. Der Haken: Vor uns sitzen zwar keine Tomaten mehr, aber offenbar immer noch ein paar Fische.

11.54 Uhr: Immer noch Stille. Dann beginnen wir eben mit dem Bauchlöchern.

Anne: Denkt ihr, dass irgendwann niemand mehr an Dr. Sommer schreiben wird, weil dann alles geklärt ist?

Till: Nein, es wird immer junge Mädels und Jungen geben, die zum Beispiel ihr erstes Mal haben und dazu Fragen stellen.

Dr. Sommer: Es wäre schön, wenn es eine Zeit gäbe, in der alles geklärt wäre. Es geht nicht um Aufklärung, sondern darum, dass man einen Gegenüber hat, mit dem man sich austauschen kann. Über Sexualität wird viel zu wenig gesprochen. Vieles wird stillschweigend erlebt und dann stillschweigend abgelegt.

12.00 Uhr: Das ist wohl auch den Schülern vor uns so gegangen. Zum Schluss verrät Dr. Sommer noch zwei Geheimnisse – von wegen Schweigepflicht.

Dr. Sommer: Das eine ist: Die größten und wichtigsten Geschlechtsorgane sind die Hände und die Haut. Mit denen kann man ein Feuer entfachen und Lust machen, was schier endlos ist. Da kommt kein Penis mit. Es gibt noch viel Scham, zu streicheln und zu fühlen. Viele erleben so nicht, was sie eigentlich erleben können: Wie sich Fühlen anfühlt. Mit Vögeln allein ist man nicht so gut dran.

Bei dem anderen könnt ihr mich auslachen. Es gibt eine Menge Geschlechtsorgane, bei denen entsteht keine Scham, sondern das Gegenteil: Begeisterung, Bewunderung. Alle Blumen, all ihre Blüten sind nichts anderes als Geschlechtsorgane. Deswegen sind die auch so reizvoll, und man kann lernen, dass man mit menschlichen Geschlechtsorganen auch so umgeht. Das sind nämlich auch Blüten mit ihren eigenen Reizen.

12:07 Uhr. In Händen und Haut liegt die Zukunft, und Dahlien haben auch Untenrums – die Schüler wirken beeindruckt und gehen nicht sofort in Pausengelärme über, als Dr. Sommer sich verabschiedet: Eine gute Zwei bekommt der etwas schwerhörige Mann mit den Blüten ohne Bienchen.

Aufgezeichnet von Resi Schneider

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