Von Markus Flohr und Jan-Philipp Hein
Nach der Wahl wurde Willi Lemke Innensenator, Renate Jürgens-Pieper (SPD) aus Niedersachsen trat als neue Bildungssenatorin an. Sie habe beim Amtsantritt wohl keine Leiche im Keller haben wollen, mutmaßte Anwalt Matthias Westerholt heute im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er vertritt die Eltern rechtlich und sagt, die Eltern hätten "schon vor Beginn des Mediationsverfahrens damit begonnen, einen neue, offizielle, private Schule zu gründen". Der Versuch scheiterte indes, die Behörde lehnte den Antrag ab. Dagegen klagten die Eltern, das Verfahren ist noch nicht entschieden. Und am vergangenen Freitag kam alles an die Öffentlichkeit.
"Wir waren da - es hat sich gelohnt"
14 Jahre sei man vom Verein, von den Eltern betrogen worden, sagte Jürgens-Pieper schon am Freitag. Heute griff sie die Eltern bei der aktuellen Stunde erneut scharf an: "Diese Menschen haben ein anderes Staatsverständnis, sie unterlaufen die staatliche Schulpflicht." Über die Qualität des Unterrichts sagte die Senatorin nichts, warf den Eltern aber vor, mit ihrer Geister-Schule einem "elitären Anspruch der Entmischung" hinterher zu hängen.
Für die Kinder war das Lernen im Geheimen offenbar ein Glücksfall: Ihre Schulklassen waren winzig, sie lernten altersübergreifend, spielerisch. "Die haben sich wahnsinnig viel Mühe gegeben und eine gute Schule betrieben", sagt Robert Bücking. Auch der grüne Bürgermeister des Steintor-Viertels behauptet, er habe erst jetzt von der Existenz erfahren, kann sich ein breites Grinsen aber nicht verkneifen.
In ihrer späteren Schulkarriere fielen die Geheim-Schüler nicht besonders auf. Im Gegenteil: Als die Geschichte der Schule am Freitag bekannt wurde, trommelte der Trägerverein "Freie Schule Bremen" ehemalige Schüler zusammen. Sie verfassten eine Erklärung. Überschrift: "Wir waren da - es hat sich gelohnt."
Darin outen sich 25 ehemalige Schüler der Zwergschule sowie 33 Eltern. "Wir sind bis heute der Überzeugung, dass wir auf keine bessere Schule hätten gehen können", schreiben sie. Die Schule habe "Interesse und Spaß am Lernen erweckt" - "niemand wurde übersehen, wir alle konnten das Schulleben mitgestalten". Dass die Schule illegal war, wussten alle: "Natürlich" war das so, schreiben sie, denn "eine Genehmigung hätte es damals nicht gegeben".
Weil es keine Akten oder Zeugnisse gibt, kann niemand präzise sagen, wie viele Schüler die Zwergschule besuchten. In den vergangenen 14 Jahren seien es "um die 200" gewesen, sagt Anwalt Westerholt: "Viele Leute, die früher mal auf der Schule waren, sind einfach nicht mehr aufzufinden. Das war ein sich selbst tragendes System."
Elf verschiedene Wege, die Behörde hinters Licht zu führen
Damit es weiter trug, tricksten die Eltern. Uwe Lange ist so ein Trickser - und macht keinen Hehl daraus, "geflunkert" zu haben. Als er seine mittlerweile elfjährige Tochter nach der Grundschule auf die staatliche Gesamtschule schickte, wo sie heute eine gute Schülerin ist, habe er der Behörde gegenüber angegeben, sie sei zuvor an einer niedersächsischen Privatschule gewesen. So genau habe dann keiner mehr nachgefragt.
So oder ähnlich lief das wohl in allen Fällen. Die Eltern zählten im Moderationsverfahren elf Wege auf, wie sie den Behörden ein Schnippchen schluegn: Kinder wurden an Privatschulen auch in Berlin und anderswo in der Republik angemeldet. Manchmal täuschten die Eltern einen Auslandsaufenthalt vor. Oder sie meldeten die Kinder zum Schein an einer Bremer Schule an, um sie gleich danach wieder abzumelden.
Wenn die Kinder auf eine weiterführende Schule kamen, zeigten die Eltern keine Zeugnisse vor - es gab ja keine. Wollte es jemand genauer wissen, gingen sie halt zur nächsten Schule. Meist wurde nicht so genau hingeschaut. 14 Jahre lang. Auch die Nachbarn im Viertel wurden nicht argwöhnisch: Im gleichen Haus gab es ja einen Kindergarten; viele hielten die Schule für eine Dependance der 1993 gegründeten "Bremer Kinderschule".
Und jetzt? "Die Solidarität hier in Bremen ist groß", sagt Anwalt Westerholt. Viele Menschen hätten eher Sympathien mit der Schummel-Schule als mit den Behörden. Dass die Eltern noch Erfolg haben mit der Gründung einer weiteren legalen Schule, hofft Westerholt zwar. Aber Karla Götz, Sprecherin der Bildungsbehörde, glaubt nicht daran: Es gebe ja bereits die "Bremer Kinderschule" mit einem ähnlichen pädagogischen Ansatz - und bei der Gründung von Privatschulen sei immer das pädagogische Konzept entscheidend. Nicht die äußeren Umstände.
Nicht einmal bei einer Geisterschule.
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