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28.11.2007
 

Iglu-Studie

Deutsche Knirpse in der weltweiten Spitzengruppe

Von Jochen Leffers und Lisa Sonnabend

Beim Iglu-Vergleichstest schneiden Deutschlands Grundschüler gut ab. Der große Haken: die soziale Schieflage nach der vierten Klasse. Denn Professoren-Kinder kommen leicht aufs Gymnasium, Arbeiter- und Migrantenkinder oft auf die Hauptschule - bei gleicher Leistung.

DDP

Der Bildungsforscher strahlte, als wäre er der Weihnachtsmann persönlich mit einem großartigen Überraschungsgeschenk im Gepäck. "Es ist Weihnachtszeit, da kommt man mit guten Botschaften", sagte Wilfried Bos, "ich bringe Ihnen heute auch eine." Und die lautete: Die deutschen Grundschulen sind besser als ihr Ruf.

Bos, Professor für Schulentwicklungsforschung in Dortmund, leitete den deutschen Teil "Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung" (Iglu). Schon bei der ersten Iglu-Veröffentlichung vor vier Jahren hatte Deutschland sehr passabel abgeschnitten, diesmal noch etwas besser: Rang 11 unter 45 Staaten und Regionen und somit im ersten Viertel.

Platz eins erreichte diesmal Russland vor Hongkong und der kanadischen Provinz Alberta. Die deutschen Grundschüler schafften durchschnittlich 548 von maximal 700 Punkten. In keinem Land der Europäischen Union seien die Leseleistungen signifikant höher als bei den deutschen Zehnjährigen. Die Zahl besonders schwacher Schüler, sogenannten Risikokinder, sei gesunken, während die der starken Leser zugenommen habe, heißt es in der Studie. Und auch die Unterschiede zwischen Jungen und den Mädchen, die international beim Lesen stets vorn liegen, sind in Deutschland nicht so groß wie anderswo.

Bei der Berliner Iglu-Pressekonferenz heute Nachmittag konnten Wilfried Bos, Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sowie Jürgen Zöllner (SPD), Präsident der Kultusministerkonferenz, die Lehrer mit Lob verwöhnen: "Die Ergebnisse sollten Anlass sein, allen, die in Schulen arbeiten, zu sagen, dass sie großartige Arbeit geleistet haben", so Schavan. Auch Bos vergab die Note "zwei plus - die deutsche Grundschule hat ihre Hausaufgaben gemacht". Versäumnisse sieht er eher in den weiterführenden Schulen: "Auch in der Sekundärstufe I muss Leseförderung stattfinden, doch die Lehrer sind nicht ausgebildet. Vielleicht sind wir deswegen bei Pisa nicht so gut." Ein Mathematiklehrer denke oft, sein Schüler sei schlecht in Mathe, dabei habe der "schlicht die Textaufgabe nicht verstanden".

Chancengleichheit: Mangelhaft

Ein Problem können indes auch die erfreulichen deutschen Ergebnisse nicht übertünchen - ein ziemlich großes: In kaum einem anderen Land haben es Kinder aus Unterschichts- und Einwandererfamilien so schwer wie in Deutschland. Um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, müssen sie weitaus bessere Leistungen bringen als Kinder aus Akademiker-Elternhäusern.

"Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter zur Hauptschule" - Iglu-Koordinator Wilfried Bos hatte die typischen Bildungswege bereits nach der ersten Studie 2003 plakativ beschrieben. Die neue Auswertung liefert dafür eine Fülle weiterer Belege. Zunächst interessant ist ein Blick auf die tatsächlichen Unterschiede beim Leseverständnis: Kinder wohlhabender Eltern liegen im Schnitt um 67 Punkte vor Klassenkameraden aus bildungsfernen Schichten - ein großer Vorsprung, der "signifikant größer ausfällt als im internationalen Mittel", so die Iglu-Studie.

Was aber passiert mit Schülern beider Gruppen, die bei den Leistungen gleichauf liegen? Das Iglu-Ergebnis ist eindeutig, und es ist krass: Damit Lehrer Kinder von un- und angelernten Arbeitern das Gymnasium empfehlen, müssen diese um 77 Punkte mehr Lesekompetenz beweisen. Erst bei 614 Punkten überzeugen sie die Lehrer - aber bei Akademikerkindern reichen schon unterdurchschnittliche 537 Punkte. "Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung haben Kinder aus der Oberschicht eine mehr als zweieinhalb Mal so große Chance, von ihren Eltern eine Gymnasial-Empfehlung zu bekommen, wie Kinder von Facharbeitern oder leitenden Angestellten", heißt es in der Iglu-Studie. Und gegenüber 2001 habe sich dieses Problem sogar noch verschärft.

Hinzu kommt, dass bildungsferne Eltern ihrem Kind auch weit weniger zutrauen, sich viel seltener dahinter klemmen, dass es aufs Gymnasium kommt. "Eltern von Professorenkindern wollen das meist unbedingt", sagt Wilfried Bos. "Sie bezahlen die Nachhilfe ihres Kindes, wenn es auf der Kippe steht."

Gymnasium als Königsweg der Akademikerkinder

In Zahlen: Laut Iglu sind Eltern der "oberen Dienstklasse" schon ab einer Lese-Leistung von 498 Punkten von der Gymnasial-Eignung überzeugt, die Arbeiter-Eltern dagegen erst bei der herausragenden Punktzahl von 606. "Wir verschenken Potenzial, abgesehen vom persönlichen Leid jedes einzelnen Schülers. Wichtig ist es, Gymnasien in Ganztagsschulen umzuwandeln", sagte Bos, der schon in den letzten Jahren das Lottospiel bei den Schulempfehlungen scharf krisitiert hatte.

Die insgesamt vorzeigbaren deutschen Iglu-Resultate offenbaren also auf den zweiten Blick ihre Tücken. Vorab wurden am Abend die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie bekannt. Auch die deutschen 15-jährigen können sich demnach in ähnlich guter Form präsentieren wie die Grundschulzwerge. Bei Pisa liegt der Schwerpunkt diesmal auf den Naturwissenschaften.

Kummer und Sorgen kennen Deutschlands Kultusminister aus zwei Pisa-Studien gut. Sie setzen darauf, dass ihre Reformbemühungen etwa bei Ganztagsschulen, frühen Sprachtests und gemeinsam Bildungsstandards allmählich ihre Wirkung entfallen. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner erklärte: "In Bildungspolitik kann nicht von heute auf morgen die Welt eine andere sein. Der Erfolg wird als erstes beim Erfolg von Iglu sichtbar."

Bundesbildungsministerin Annette Schavan frohlockte erst einmal über die Iglu-Studie: "Die Botschaft des Tages ist, dass wir die besten Schulen Europas haben", sagte sie.

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Die neuesten Beiträge:
29.01.2011 von natterngesicht:

Wieso, IGLU belegte doch stets, dass die Grundschulen gut mithalten können. mehr...

26.01.2011 von hjm: .

Ich fürchte, doch. mehr...

26.01.2011 von leonardo-contra-pisa: Orthographie

Dieser Versuch, Menschen aus einer bestimmten Region anzulocken, indem man ein Schild anbringt mit einer vordergründig ihrer Heimatsprache nachempfundenen Orthographie, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Darauf werden [...] mehr...

26.01.2011 von Piri:

BRAVO, da hat die Ideologie sich aber gut im Denken verankern können;-) Nun ja, ein Hauptmerkmal von Ideologie ist, dass jedes sachliche Argument, das nicht hineinpasst, ignoriert wird. Deshalb nützt es auch nichts, wenn ich [...] mehr...

26.01.2011 von DanielaMund:

Aber wieso holen Sie denn die Kinder aus den sozialen Milieus heraus, wenn sie dann trotzdem noch in ihrem Milieu wie z.B. Harburg oder Blankenese zur Schule gehen? Es ist ja nicht so, dass es in der Schule zu einer [...] mehr...

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