Von Jochen Leffers

Schüler (in Darmstadt): In Naturwissenschaften besser als im Lesen
In den beiden Pisa-Disziplinen Leseverständnis und Mathematik verharren deutsche Schüler weiter im Mittelfeld, nur im Schwerpunkt Naturwissenschaften können sie stärker punkten als bei der letzten weltweiten Vergleichsstudie. Das berichtet die "Stuttgarter Zeitung" in der Samstagsausgabe unter Berufung auf den ihr vorliegenden Abschlussbericht des deutschen Pisa-Koordinators Manfred Prenzel.
Dennoch kommt der Forscher zu einem sehr positiven Gesamturteil: Die deutschen Schulen seien in den letzten sechs Jahren stetig besser geworden. Laut "Stuttgarter Zeitung" bescheinigt Prenzel den deutschen Schulen in seiner 23-seitigen Zusammenfassung zudem "nachweisbare Verbesserungen" im Bemühen um mehr soziale Gerechtigkeit im Klassenzimmer.
Dem Bericht zufolge verdrängt Korea im Lesen mit 565 Punkten Finnland (547 Punkte) von Platz eins. Dritter ist Kanada mit 527 Punkten. Deutschland kommt auf 495 Punkte, vier Punkte mehr als bei Pisa drei Jahre zuvor. In Mathematik führen Finnland (548), Korea (547) und die Niederlande (531) die OECD-Rangliste an. Deutschland erreicht 503 Punkte wie schon 2003 und liegt damit weiter knapp über dem Mittel der 57 Teilnehmerländer.
Am Mittwoch waren bereits die neuen weltweiten Pisa-Ergebnisse in den Naturwissenschaften, die diesmal im Mittelpunkt der Untersuchung stehen, bekanntgeworden. Deutschland erreicht dabei Platz 13 unter 57 Teilnehmerländern; drei Jahre zuvor war es noch der 18. Rang bei 40 Teilnehmern gewesen.
Nach der Veröffentlichung auf der Homepage einer spanischen Lehrerzeitung hatten sich prompt Kontrahenten, die schon seit Jahren im Streit liegen, heftig verkeilt: auf der einen Seite Kultusminister aus den 16 deutschen Bildungsprovinzen, auf der anderen Seite Andreas Schleicher, der internationale Pisa-Koordinator aus dem Pariser Büro der OECD.
Kultusminister fordern Schleichers Rücktritt
Weil die 15-jährigen deutschen Schüler in den Naturwissenschaften 516 Punkte und damit 14 mehr als bei der Vorläuferstudie sammelten, freuten sich die Kultusminister über das bessere Abschneiden. Schleicher dagegen trübte die Jubellaune: Auf eine deutliche Verbesserung dürfe man aus der neuen Studie nicht schließen, sagte er. Nun erhält der Zwist durch die Stagnation in Lesen und Mathematik neue Nahrung.
Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan hatte sich der Kritik von Unionskollegen aus den Ländern angeschlossen. "Herr Schleicher schadet der OECD, weil er den Eindruck erweckt, immer nur ein Thema im Kopf zu haben", sagte sie und spielte damit auf Schleichers Kritik am dreigliedrigen deutschen Schulsystem an. Seine aktuellen Äußerungen ließen "Zweifel aufkommen, dass er ein guter Berater für die Mitgliedsländer ist".
Die Kultusminister der Länder hatten am Freitag ihre Kritik verstärkt. Als "unverständlich" bezeichnete die Kultusministerkonferenz Äußerungen Schleichers, wonach die deutschen Schüler sich bei der neuen Studie nicht verbessert hätten. Den Einpeitscher gab vor allem Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann. Er sprach sich dafür aus, auf längere Sicht aus der Pisa-Studie auszusteigen. "Unter diesen Umständen können wir mit Herrn Schleicher nicht weiter zusammenarbeiten. Er sollte von seinen Tätigkeiten entbunden werden", sagte Busemann. "Wir wollen einen Vergleich der Länder, aber nicht mit Ideologie berieselt werden."
Schleicher wies die Attacken der deutschen Bildungspolitiker vehement zurück und lehnte einen Rücktritt ab. "Das ist doch alles eine absurde Posse", sagte er der Nachrichtenagentur AP. "Meine eigene Karriere ist mit der wissenschaftlichen Seriosität unserer Leistungsvergleiche verknüpft. Für die Leistungsergebnisse selbst zeichnet aber die Bildungspolitik und nicht die OECD verantwortlich."
Jetzt bitte bloß keine Schulsystemdebatte
Worum es bei dem Konflikt geht: In einem nicht sehr konkreten Statement hatte Schleicher am Mittwochabend gesagt, eine deutsche Verbesserung sei nicht zu erkennen - wegen der geänderten Aufgabenstruktur seien beide Tests nicht vergleichbar.
Schleicher müsse zurücktreten, verlangte daraufhin Karin Wolff als Sprecherin der CDU/CSU-Kultusminister. Beistand fand sie auch beim Lehrerverband und beim Philologenverband. Die Hauptvorwürfe gegen Schleicher:
Andreas Schleicher wehrt sich gegen die Kritik. Nationale Ergebnisse werde die OECD bis Dienstag nicht kommentieren, antwortete er in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Er werde "deshalb auch keine Stellungnahme zu etwaigen Veränderungen der Schülerleistungen abgegeben" und habe dies "entgegen anderweitiger Unterstellungen von Seiten der Kultusminister auch bislang nicht getan".
Zum Leistungsvergleich erklärte Schleicher, dies sei "nur in den Bereichen Lesen (2000-2006) und Mathematik (2000-2003) möglich", bei den naturwissenschaftlichen Aufgaben aber nur für einen "eingeschränkten Fragekomplex". Darauf gehe die OECD erst zum Veröffentlichungstermin ein - "ich hoffe, dass diejenigen, die jetzt vorschnelle Schlüsse ziehen, das dann auch genau lesen werden", so Schleicher in einem Interview.
Zur verfrühten Veröffentlichung kündigte Schleicher Sanktionen gegen Spanien an, das Verfahren sei mit den Mitgliedsstaaten bereits abgestimmt. Die OECD und er selbst hätten keinerlei Bewertung vorgenommen: "Unser Generalsekretär hat der Öffentlichkeit lediglich die Daten zugänglich gemacht, die aus Spanien durchgesickert waren." Das tue die OECD aus Gründen der Fairness gegenüber den Medien in solchen Fällen immer.
Watschen-Kommando aus den deutschen Provinzen
Sind Vergleiche der Schülerleistungen in der neuen mit den bisherigen Pisa-Studien wirklich kaum möglich? Der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel widersprach Schleicher: Pisa 2006 und 2003 seien "sehr wohl vergleichbar", da die Rahmenkonzeption sich kaum unterscheide.
Die Kultusminister redeten sich in Rage: Wenn eine Vergleichsstudie bestellt und mit drei Millionen Euro bezahlt werde, müsse auch eine Vergleichsstudie geliefert werden, so Bernd Busemann. Er werde "das Thema Schleicher und die Differenz zwischen Pisa-Auftrag und Pisa-Studie" auf die Tagesordnung der nächsten KMK setzen. "Vor lauter Statistikeritis kommen wir gar nicht mehr zum Arbeiten", sagte Busemann der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Ein nationales Vergleichssystem sei bereits im Aufbau; von 2009 an wollten die Kultusminister den innerdeutschen Ländervergleich nach eigenen Kriterien organisieren.
Minister mit Statistikeritis infiziert
Auch seine baden-württembergischer Kollege Helmut Rau (CDU) drohte: "Wenn Andreas Schleicher nicht von der Funktion des Pisa-Beauftragten abberufen wird, werden wir die weitere Zusammenarbeit mit der OECD einstellen." Dabei hatten die Kultusminister Deutschlands Teilnahme erst kürzlich bekräftigt. Der Vertrag bindet sie noch bis zur nächsten Pisa-Studie 2009; zur Verlängerung bis 2015 gibt es bislang nur eine Absichtserklärung.
Schleicher dagegen hält eine globale Bewertung von Bildungsergebnissen für selbstverständlich: "Die Staaten, die an Pisa 2006 teilgenommen haben, machen fast 90 Prozent des Weltwirtschaftsproduktes aus, und der Kreis wird größer. Im Dunkeln sehen alle Schüler, Schulen und Bildungssysteme gleich aus. Was man nicht misst, kann man auch nicht verbessern."
Auch Marianne Demmer von der Bildungsgewerkschaft GEW wies Ausstiegsüberlegungen zurück. "Deutschland darf sich international nicht erneut isolieren", sagte sie. "Einige Unionskultusminister ärgern sich offenbar schwarz, dass sie nicht mehr die absolute Kontrolle darüber haben, welche Fakten über das deutsche Schulwesen bekannt werden."
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