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06.12.2007
 

Pisa-Studie

Am härtesten trifft es die Migranten

Im deutschen Schulsystem werden Migranten früh abgehängt. Die Pisa-Studie zeigt: Einwandererkinder, die in Deutschland aufwachsen, schneiden sogar schlechter ab als im Ausland geborene Schüler. Wie das kommt, erklärt Bildungsforscherin Petra Stanat im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Um 77 Punkte liegen im Ausland geborene 15-Jährige bei den deutschen Pisa-Ergebnissen hinter den einheimischen Jugendlichen - und um 93 Punkte in Deutschland geborene Jugendliche mit ausländischen Eltern. Das bedeutet über zwei Schuljahre Leistungsunterschied. Wieso ist die zweite Einwanderergeneration schulisch schwächer als die erste?

Stanat: Im letzten Pisa-Zyklus waren unter den Schülern der zweiten Generation Jugendliche türkischer Herkunft besonders stark vertreten, die insgesamt geringere Leistungen erzielen, während in der Gruppe der ersten Generation Jugendliche aus Aussiedlerfamilien stärker repräsentiert waren. Wenn man zum Beispiel die türkische Gruppe allein betrachtet, dann schneidet die zweite Generation durchaus besser ab als die erste Generation. Wir können also nicht sagen, dass sich in Deutschland über die Generationen hinweg die Lage verschlechtert. Im Gegenteil: Innerhalb der einzelnen Herkunftsgruppen scheint die Bildungssituation von Generation zu Generation besser zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Von der ersten zur zweiten Migranten-Generation gibt es also gar keinen Leistungseinbruch?

Stanat: Man kann die Daten, die ja nur zu einem Zeitpunkt erhoben worden sind, nicht dahingehend interpretieren, dass die Kinder der Einwanderer schwächere Leistungen erzielen als ihre Eltern. Um dies zu prüfen, müsste man eine Zuwanderergeneration und ihre Nachkommen über mehrere Jahrzehnte untersuchen. Aber natürlich ist die Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler, die hier geboren und aufgewachsen sind, so schwache Leistungen erzielen, an sich ein alarmierender Befund.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland sei "Weltmeister bei der Benachteiligung von Migranten", sagen Kritiker. Warum geht die Schere gerade hier so weit auseinander?

Stanat: Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen verfügen Zuwanderer in Deutschland häufig über einen geringeren Bildungsstand als Zuwanderer in Ländern wie Kanada oder Australien. Zum anderen liegt es daran, dass wir auf unsere Zuwanderungssituation kaum reagiert haben. Wir hatten in Deutschland lange Zeit keine zielgerichteten Integrationsstrategien, etwa im Bereich der Sprachförderung. Andere Ländern wie Kanada, Australien oder auch Schweden verfügen dagegen schon länger über Programme der systematischen Sprachförderung, die sie über die Jahre weiter entwickelt haben. In diesem Bereich haben wir erheblichen Nachholbedarf.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Politiker wollen Einwanderer zu Sprachkursen verpflichten. Ist das denn die Lösung?

Stanat: Ich halte eine gezielte und effektive Sprachförderung für sehr wichtig. Das allein wird aber nicht ausreichen. Im schulischen Bereich müssen die Familien stärker eingebunden werden. Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass Migranten sehr motiviert sind und dass die Eltern hohe Erwartungen an die Kinder haben. Aber die Erwartungen sind teilweise unrealistisch, etwa wenn Eltern von einem schwachen Hauptschüler ein Hochschulstudium erwarten. Dies könnte ein Hinweis darauf zu sein, dass Zuwandererfamilien oft zu wenig darüber informiert sind, wie das deutsche Bildungssystem funktioniert. Das muss durch eine stärkere Einbindung der Eltern in die Bildungsprozesse der Kinder ausgeglichen werden.

SPIEGEL ONLINE: An manchen Schulen klagen Lehrer darüber, dass die Eltern wenig Deutsch können oder sich nicht für die Schule interessieren. Wie geht man damit um?

Deutsch-türkische Schülerin: "Wenig Zeit, um sprachlichen Rückstand auszugleichen"
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DPA

Deutsch-türkische Schülerin: "Wenig Zeit, um sprachlichen Rückstand auszugleichen"

Stanat: Alle wird man sicherlich nicht erreichen, aber es gibt Schulen, denen es sehr gut gelingt, auch zugewanderte Familien einzubeziehen. Zur Überwindung der sprachlichen Barrieren muss man Übersetzer einsetzen, beispielsweise zweisprachige Eltern, Lehrkräfte oder Sozialpädagogen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Migrantenkinder genauso motiviert sind wie die einheimischen Schüler - warum scheitern dann so viele?

Stanat: Die Beherrschung der deutschen Sprache scheint die entscheidende Hürde zu sein: Schüler mit Migrationshintergrund, die gut Deutsch können, haben eine fast genauso große Chance, auf das Gymnasium zu kommen, wie Schüler ohne Migrationshintergrund. Nach dem Übergang in die gegliederte Sekundarstufe geht jedoch die Leistungsschere weiter auseinander. Außerdem besuchen Schüler aus zugewanderten Familien häufig Schulen, in denen mehrere nachteilige Faktoren zusammenkommen: viele Schüler mit Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Familien und mit geringem Vorwissen. In solchen Situationen ist es schwieriger, optimal zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Werden Einwandererkinder im deutschen Schulsystem diskriminiert?

Stanat: Wir wissen aus der Iglu-Studie, dass Schüler mit Migrationshintergrund auch bei gleicher Lesekompetenz und gleicher sozialer Herkunft immer noch eine etwas geringere Chance haben, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen. Es ist unklar, woran das genau liegt. Es könnte sein, dass die Lehrkräfte bei Schülern, die auf der Kippe sind, gegen das Gymnasium entscheiden, weil sie meinen, dass die Eltern sie nicht genügend unterstützen können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das frühe Aufteilen auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen?

Stanat: Schüler, die mit geringen Deutschkenntnissen in die Schule kommen, haben nur vier oder sechs Jahre, um den sprachlichen Rückstand auszugleichen. Das ist wenig Zeit. Dann kommt der Übergang, und die Leistungsunterschiede verstärken sich. In Deutschland wird deswegen zunehmend versucht, bereits im vorschulischen Bereich mit der Sprachförderung zu beginnen.

SPIEGEL ONLINE: Dass auch viele talentierte Migrantenkinder in der Sackgasse Hauptschule landen, weiß man schon seit den ersten beiden Pisa-Auswertungen. Wenn das immer noch genauso ist - was bringt die Studie dann überhaupt?

Stanat: Es ist nicht wahr, dass sich seitdem nichts geändert hat. Wir wussten schon vorher, dass Migranten im Bildungssystem benachteiligt sind. Aber Pisa hat gezeigt, dass dies zu einem großen Teil durch mangelnde Deutschkenntnisse bedingt ist. Heute wird viel dafür getan, um die Sprachförderung zu verbessern. Inwieweit die verschiedenen Maßnahmen wirksam sind, muss allerdings noch untersucht werden. Außerdem haben wir vor Pisa nicht geahnt, dass die Benachteiligung von Kindern aus zugewanderten und sozial schwachen Familien in Deutschland so viel größer ist als in den meisten anderen Staaten. Und Pisa kommt ja wieder: Wir können uns also schlecht ausruhen.

Das Interview führte Khuê Pham

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