Darf eine Schule im Allgäu sich weiterhin "Freie Waldorfschule Kempten" nennen? Nein, sagt der Dachverband Bund der Freien Waldorfschulen. Aber die Schule selbst hält an ihrem Namen fest. Im März soll das Landgericht Kempten den Streit beenden, für den es seit Monaten keine Lösung gibt.
"Was in der Kemptener Schule geschieht, hat nichts mit der Pädagogik der Waldorfschule zu tun", sagt Martin Malcherek, Justiziar des Dachverbands. Der Ruf der Waldorfschulen stehe auf dem Spiel.
An der "Freien Waldorfschule Kempten", 1981 eröffnet, gibt es 13 Klassen und sieben Kindergartengruppen mit insgesamt rund 500 Kindern und Jugendlichen. Der Hintergrund des Namensstreits: An der "Freien Waldorfschule Kempten" rutschte mehreren Lehrern zwischen Eurhytmie und Mathematik die Hand aus. Eltern warfen ihnen vor, Schüler unter anderem mit dem Kopf gegen die Tafel gestoßen, an den Ohren gezogen, kräftig am Nacken gepackt und ihnen Ohrfeigen verpasst zu haben.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen 14 Pädagogen, acht von ihnen standen im Herbst 2006 vor Gericht, weil ihnen "Körperverletzung im Amt" vorgeworfen wurde. Drei Lehrer wurden am Ende zu Geldstrafen verurteilt, eines der vielen Strafverfahren ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch nicht abgeschlossen.
Kein Vergleich möglich
Die Schule hatte nach eigener Darstellung im Herbst 2006 ihrerseits Anzeige wegen übler Nachrede und Verleumdung gegen vier Eltern eingereicht; sie bezeichnete "die meisten" der Vorwürfe als "an den Haaren herbeigezogen". Dem Dachverband warf sie vor, sich an einer "gezielten Kampagne" zu beteiligen.
Bereits 1987 hatten die Kemptener Schule und der Bund der Freien Waldorfschulen sich im Streit getrennt. Nach Darstellung der Schule ist sie "wegen massiver Einmischung des Bundes in die internen Belange unserer Schule und wegen bundesweiter Diffamierung" selbst ausgetreten. Dem Dachverband zufolge handelte es sich um einen Ausschluss. "Diese Schule war schon immer auf einem Sonderweg unterwegs und hat eine sehr eigenwillige Interpretation der Waldorfpädagogik", so Justiziar Malcherek.
Damals einigten sich die Parteien darauf, dass die Schule den Dachverband verlässt, sich aber "Freie Waldorfschule" nennen darf. Nach den Prügel-Urteilen will der Verband der Schule im Allgäu auch dieses Recht aberkennen. Zunächst kam es zu einer Güteverhandlung, die Schule war aber nach Auskunft des Gerichtssprechers "in keiner Weise vergleichsbereit". Sie weigerte sich, den Namen "Waldorfschule" bis zum Sommer 2009 abzulegen. Zu dem Vergleichsvorschlag gehörte, dass der Dachverband als Kläger im Gegenzug den Großteil der Verfahrenskosten übernimmt.
Doch der Dachverband will nicht aufgeben. Der Begriff "Waldorfschule" sei als Marke geschützt. "Prügelstrafe ist seit der Gründung der Waldorfschule verpönt", sagt Malcherek. Es sei nicht mehr tragbar, mit der Kemptener Schule in einen Topf geworfen zu werden. "Diese Schule war schon immer auf einem Sonderweg unterwegs und hat eine eigenwillige Interpretation der Waldorfpädagogik."
Singen, töpfern und tanzen
Waldorfschulen sind Schulen in freier Trägerschaft, an denen nach der von Rudolf Steiner entwickelten Waldorfpädagogik unterrichtet wird. Ein Motto der Schulen lautet: "Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen." Bundesweit lernen derzeit knapp 80.000 Schüler an rund 200 Waldorfschulen, die meisten in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern.
Eltern entscheiden sich oft für Waldorfschulen, weil sie erwarten, dass ihre Kinder dort einem geringeren Leistungsdruck ausgesetzt sind und dass intensiver auf die Schüler eingegangen wird als an staatlichen Schulen. Die Kinder lernen dort singen, töpfern und tanzen. Zu den Besonderheiten der Waldorfschulen zählt, dass sie von der ersten bis zur zwölften Klassen als Gesamtschulen organisiert sind, dass ein Klassenlehrer bis zur achten Klasse alle Fächer unterrichtet, es viel künstlerischen und handwerklichen Unterricht und kein Sitzenbleiben gibt. Die pädagogischen Konzepte und Wertvorstellungen sind allerdings ebenso umstritten wie die Weltanschauung des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner.
kat/maf/dpa
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