Von Rafaela von Bredow
Martins Kopf schnellt nach vorn, die Kiefer öffnen sich, spitze Zähne schnappen die Beute in einem rasanten Haps. Weg ist der Wurm. Schon richtet das Tier mit offenem Mäulchen seinen Sonar Richtung nächstes Opfer.
"Fledermäuse find ich fast schon langweilig", gibt Lenka Stepanek zu und schenkt Martin, der gierigen Bechsteinfledermaus auf ihrer Hand, ein etwas verlegenes Lächeln. Der elfjährige Rotschopf stöbert mit der Pinzette in den Haferflocken nach einem weiteren Mehlwurm für das Fledertier.
Der winzige Braunpelz schmiegt sich eng in den Handteller des Kindes. Er ist gut aufgehoben bei Lenka - keine kennt sich besser aus mit Tieren. In der ersten Klasse schon begann ihre Forscherkarriere; kaum konnte sie schreiben, führte sie Protokoll über die Geschehnisse in ihrem "Akwariom". Sieben Büchlein hat das sommersprossige Einzelkind aus dem Örtchen Scheinfeld im bayerischen Steigerwald seither mit minutiösen Naturbeobachtungen gefüllt, hinzu kommen vier komplette Projektarbeiten für "Schüler experimentieren", die Juniorensparte von "Jugend forscht" - ein beachtliches Opus für eine Sechstklässlerin.
Jana Stepanek, Lenkas tschechischstämmige Mutter, kam 2003 auf die Idee, die Notizbücher ihrer damals gerade mal siebenjährigen Tochter beim Naturtagebuch-Wettbewerb der Umweltorganisation BUND einzureichen. Das Projekt will aus bis zu zwölfjährigen Schülern das erste und vielleicht wichtigste aller Forschertalente herauskitzeln: die Beobachtungsgabe.
Jedes Jahr hat Lenka seitdem mit ihren Werken über die Fauna und Flora Mittelfrankens Preise abgeräumt, allein zweimal war sie die Nummer eins ihres Jahrgangs. Bei "Schüler experimentieren" heimste sie, stets als jüngste Teilnehmerin, immer wieder Sonderpreise beim Regionalwettbewerb ein.
"Wir haben richtig oft Fledermauspfleglinge." Deshalb, so erklärt Lenka, finde sie die Tiere inzwischen so wenig aufregend wie andere Kinder Omas dicken Pudel - selbst dass Martin mit seinem zerschmetterten Flügel gerade wieder halsbrecherisch über ihre Handkante nach einem Mehlwurm hechtet, entlockt ihr kein Erstaunen. So ist sie ja schon als Zweijährige im Familienalbum dokumentiert: Schnuller im Mund, Fledertiere auf dem Händchen.
"Seit ich mich erinnern kann", seien Tiere ihr Leben. Lenka füttert und päppelt, erforscht und bespielt alles, was Fell oder Federn hat. Neben Martin hoppeln, flitzen oder fliegen derzeit 15 Zöglinge durch Räume und Obstgarten des Stepanekschen Reihenhauses: Kaninchen, Meerschweinchen, Wellensittiche, ein Igel, eine weitere Fledermaus.
Lenkas Vorteil: Ihre Eltern sind Biologen. Und es hat sich herumgesprochen in der Gegend, dass man bei ihnen hilfloses Wildgetier abgeben kann. So landeten allein in diesem Jahr neben Martin noch zwei Eis-vögel und zwei Babyspatzen bei den Stepaneks - herrliches Material für Lenkas Forscherdrang.
Ganz Profi, ist das Mädchen jetzt dabei, sich den Schmerz abzugewöhnen, der kommt, wenn es am Ende all die geliebten, aber eben doch wilden Geschöpfe wieder ziehen lassen muss. "Ich weiß ja, dass es ihnen in ihrer natürlichen Umgebung besser geht", sagt Lenka; brav gelernt von den Biologeneltern.
Wenn nichts schiefgeht bei der Auswilderung: Im Sommer meuchelte die Nachbarskatze den wochenlang mühsam flügge gepäppelten Jungspatz Gulli bei einem seiner ersten Ausflüge. Lenka stand auf dem Balkon und hörte das Todesfiepen. "Ich rief noch ,piep', aber nichts rührte sich", schrieb Lenka sofort in ihr diesjähriges Naturtagebuch. "Da lag er schon mit den Beinchen nach oben im Gras", erzählt sie jetzt, fast ungerührt, und lässt die letzte Larve vor Martins Näschen tanzen.
"Heute ist Cumácek unter den Schrank gekrochen und Kakt die ganze Wonung Vol", steht in ordentlicher Druckschrift in Lenkas allererstem Naturtagebuch über einen Igel. "Und hat Spas dabei." Sechs Jahre alt war sie da.
Außerdem ist die kleine Forscherin zweisprachig, spielt Klavier und triumphiert mit der Klarinette oder ihrer Stimme bei "Jugend musiziert". "Aber sie ist ein ganz normales Mädchen", sagt ihre Mutter schnell. Einziges Indiz für diese These: "Spinnen mag ich echt nicht anfassen", sagt Lenka.
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