Mittwoch, 10. Februar 2010

SchulSPIEGEL



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02.02.2008
 

Schul-Erkenntnisse

Besser lernen ohne Hausaufgaben

Von Markus Flohr, Britta Mersch und Katrin Schmiedekampf

Vokabeln pauken, Gleichungen lösen, Gedichte abschreiben: Nach der Schule warten Hausaufgaben. Aber bringen die überhaupt etwas? So, wie sie jetzt sind, nicht, sagen Forscher und Schulleiter. Ihr Urteil: Sie machen schwache Schüler schlechter und gute nicht unbedingt besser.

Wenn Camilla Schrijvers, 13, gegen 15 Uhr von der Laborschule in Bielefeld nach Hause kommt, dann geht sie reiten, zum Fußball oder trifft sich mit Freunden. An ihrer Schule gibt es keine Hausaufgaben.

Camilla Schrijvers: Eine halbe Stunde Hausaufgaben die Woche
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Camilla Schrijvers: Eine halbe Stunde Hausaufgaben die Woche

Alle Arbeiten werden im Unterricht erledigt, ein Lehrer, der bei Fragen weiterhelfen kann, ist immer in der Nähe. "Nur wenn ich es in der Schule nicht geschafft habe, etwas in einer bestimmten Zeit fertig zu machen, muss ich zu Hause was tun", sagt die Sechstklässlerin. Wie oft das vorkommt? "Allerhöchstens ein bis zweimal in der Woche". Dann sitze sie eine halbe Stunde über den Heften, manchmal auch eine Stunde. "Aber ich versuche das zu vermeiden, damit ich frei habe und reiten gehen kann", sagt Camilla.

Hausaufgaben bringen Schülern nicht besonders viel, haben Studien von Forschern der TU Dresden ergeben. Angeblich tragen sie nicht dazu bei, dass sich die Noten der Schüler verbessern. Die Dresdner Forscher befragten 1300 Schüler und 500 Lehrer an Ganztagsschulen in Sachsen.

Etwa ein Drittel der Lehrer gab zu, nicht einschätzen zu können, ob die Hausaufgaben einen Effekt haben. Bei etwa drei Viertel aller Schüler beobachteten die Lehrer keinen Erfolg. Auch die Schüler selbst waren skeptisch, was den Sinn von Hausaufgaben angeht: Nur jeder Dritte glaubt, dass die Noten durch Schularbeiten besser werden.

Die sächsischen Grünen wollen deswegen schon die Abschaffung der Hausaufgaben an Sachsens Schulen: "Echte Ganztagsschulen bieten die zeitlichen Ressourcen und konzeptionellen Möglichkeiten, die pädagogischen Ziele auch ohne Hausaufgaben zu erreichen", sagte Astrid Günther-Schmidt, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag.

"Andere Kultur der Hausaufgabenbetreuung"

Die Forscher der TU Dresden sehen das Problem vor allem in der sozialen Situation der Schüler: Besonders benachteiligt seien Kinder aus einkommensschwachen Familien, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen. "Wir brauchen eine andere Kultur in der Hausaufgabenbetreuung", sagt Andreas Wiere, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaft der Universität Dresden. Etwa in Form von Nachmittags-Angeboten für Schüler, die unterschiedliche Leistungsniveaus berücksichtigen.

Studien des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin zeigen nämlich, dass Hausaufgaben dann zu besseren Schulleistungen führen können, wenn die Schüler verstehen, was sie da lernen sollen. "Wer zu lange an seinen Hausaufgaben sitzt, zweifelt oft an seinen eigenen Fähigkeiten", sagt Schulforscher Ulrich Trautwein, "und kann die Aufgaben deshalb nicht effektiv erledigen." Das wirke demotivierend, koste viel Zeit und ärgere die Schüler - führe aber nicht zu besseren Noten.

Das Problem liegt nicht nur bei den Schülern: "Lehrer sind genauso unterschiedlich effektiv, was die Vergabe von Hausaufgaben angeht", sagt Trautwein. Seine Studien zeigten tendenziell, dass Lehrer, die häufig Schularbeiten aufgeben, in ihrer Klasse bessere Leistungen erzielen. Daraus ließe sich aber keine Regel machen.

"Die entscheidende Frage ist, wie Lehrer die Qualität der Hausaufgaben verbessern können", so Trautwein. Die Lehrer sollten ihren Schülern nicht nur die entsprechenden Seiten im Buch nennen, sondern ihnen auch das nötige Handwerkszeug zum selbstständigen Arbeiten mit auf den Weg geben. Auf diese Weise könnten die Schüler lernen, sich selbst zu motivieren und den Zweck der Aufgaben besser zu erkennen.

"Damit die Schüler nicht aus dem Fenster fallen"

Ein komplett anderes Modell fürs Lernen außerhalb des Unterrichts probieren die Ganztagsschulen: "Da gibt es eigentlich keine Hausaufgaben", sagt Ludwig Stecher vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt. "Da die Schüler ihre Sachen in der Schule erledigen, sind es Schulaufgaben." Oder verlängerter Unterricht.

Die Frage sei im Übrigen nicht so sehr, "ob Hausaufgaben grundsätzlich sinnvoll sind, sondern ob eine Idee und ein Konzept dahinter steht", so Stecher. Er arbeitet mit seinem Team zurzeit an einer Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland.

Was eine Schule konkret unter dem Titel Hausaufgabenhilfe oder -betreuung anbietet, kann sich sehr unterscheiden. "Manchmal heißt das nur, dass da jemand sitzt und aufpasst, dass die Schüler nicht aus dem Fenster fallen", so Stecher. An anderen Schulen gebe es auch Angebote, die die Schüler in Anspruch nehmen können, wenn sie mit den Aufgaben nicht weiter kommen.

Ideal sei aber eine Situation, sagt Stecher, in der ein Schüler beim Erledigen der Schulaufgaben jemanden bei sich hat, den er im Zweifelsfall fragen kann. Der eine kompetente Hilfe anbiete und weiß, was für den Schüler der nächste Lernschritt ist. So könnten die Schüler die Hausaufgaben auch verstehen. Das gebe es auch schon vereinzelt. Um diese Art der Aufgabenbetreuung zu machen, brauchen die Schulen aber Personal, das pädagogisch und didaktisch zumindest ansatzweise geschult ist. Und das kostet Geld.

Machen Hausaufgaben überhaupt Sinn? SchulSPIEGEL stellt drei Schulen vor, an denen das Heimgepauke abgeschafft wurden:

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