Von Frank van Bebber
Als Spaßvogel ist Oberstudiendirektor Dieter Gath, 55, bislang nicht aufgefallen. Der Rektor des Herder-Gymnasiums in Gießen legt Wert auf Disziplin. In Briefen an die Eltern seiner 1500 Schüler kündigt er schon mal Benimmgutachten für unflätige Schüler an.
Nun droht ihm selbst Ärger von der Schulaufsicht, wegen Disziplinlosigkeit. Er rät Fünftklässlern öffentlich zur kollektiven Ehrenrunde - und will so das neunjährige Gymnasium durch die Hintertür wieder einführen.
In den letzten Monaten gab es wütende Proteste gegen den "Diebstahl der Kindheit" bei Schülern, die vor allem in der gymnasialen Mittelstufe oft über 35 Unterrichtsstunden absitzen müssen - und anschließend warten auf sie noch reichlich Hausaufgaben sowie die Vorbereitung von Klassenarbeiten oder Klausuren. Der Lehrplan ist stramm, vielfach wurden die Inhalte schlicht ohne Abstriche von neun auf acht Jahre verdichtet.
Das organisierte Sitzenbleiben in Gießen ist eine Art der Notwehr gegen das Turbo-Abitur. Und langsam macht diese Idee Schule: Schon Ende Februar hatten Eltern einer siebten Klasse des Dortmunder Leibniz-Gymnasiums mit einer ähnlichen Aktion gedroht. Für ihre Kinder sei das die einzige Chance zu einem fairen Start in die Zukunft, sagen sie, mürbe von Lehrermangel und Unterrichtsausfall.
"Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr aufs Gymnasium"
Der Trick in Dortmund wie in Gießen: Eltern können beantragen, ein Kind um ein Jahr zurückstufen zu lassen. Nach Gaths Vorstellungen könnte zum Beispiel bei sechs fünften Klassen an seinem Gymnasium eine Klasse aus freiwilligen Wiederholern gebildet werden. Im gewonnenen Schuljahr würde nicht der Stoff aus dem Vorjahr wiederholt, sondern nach altem Plan gelernt. Und schon ginge es wieder wie früher in neun Jahren zum Abitur.
"Es gibt viele Eltern, die Angst vor G8 haben", sagt Gath. "G8" ist das Codewort für das achtjährige Gymnasium, die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf insgesamt 12 statt 13 Jahre. "Diese Eltern schicken ihre Kinder erst gar nicht auf das Gymnasium, obwohl sie das schaffen könnten." Ihnen will Gath ein Angebot machen. Die kollektive Ehrenrunde ist der bisher skurrilste Vorschlag im Streit um das Turbo-Abi.
Jochen Nagel, hessischer Vorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW, lacht darüber herzhaft. "Unsinnige Gesetze" wie das zu G8 zögen halt den nächsten Unsinn nach sich, sagt Nagel – er war einst selbst Abiturient am Herder-Gymnasium. Die GEW bleibt dabei: G8 gehöre überall im Land zurückgenommen, nicht nachgebessert.
Die Schüler nicht den anderen Schulen überlassen
Dieter Gath meint seinen Vorschlag gar nicht witzig. Er hat seine Lehrerkonferenz über die Idee abstimmen lassen, die sagte "Ja". Jetzt hat er das Schulamt informiert. Im April gibt es ein Elterntreffen. Und laut "Verordnung zur Gestaltung des Schulverhältnisses" dürfen Schüler auf Antrag ihrer Eltern zweimal in ihrer Schullaufbahn freiwillig eine Klasse wiederholen.
Auch Schulamtsleiter Heinz Kipp lacht nicht und sagte SPIEGEL ONLINE: "Das ist nicht genehmigungsfähig." Unterricht nach dem abgeschafften G9-Lehrplan wäre gesetzeswidrig, ebenso das Aushebeln des Turbo-Abiturs über die "Einzelfallregel für freiwillige Wiederholungen". Stoppe Rektor Gath sich nicht selbst, greife die Aufsicht ein, so Kipp.
Dieter Gath aber möchte sich "keine Denkverbote erteilen lassen". Er lehnt das neue achtjährige Gymnasium nicht pauschal ab - für die meisten seiner Schüler sei es machbar, sagt er. Er möchte aber auch den anderen eine Chance geben, statt sie einer anderen Schule zu überlassen. Bei fünf G8-Parallelklassen könne es gut eine G9-Klasse geben, die mit freiwilligen Sitzenbleibern gefüllt werde. So hätten auch Realschüler wieder die Chance auf einen Quereinstieg.
Gerade hat die scheidende hessische Kultusministerin Karin Wolff betont, sie habe für sachlich fundierte Ansätze immer ein offenes Ohr. Und Justizminister Jürgen Banzer (CDU), der ihren Job bald geschäftsführend miterledigt, will beim Turbo-Abi sowieso nachbessern. Da ist einer wie Dieter Gath Fluch und Segen zugleich. Kein ideologischer Totalverweigerer, aber jemand, dessen Idee zeigt, wie tief sich Frust und Zweifel bei Eltern und Lehrern gefressen haben.
Vielleicht reicht schon die bloße Drohung mit der Sitzenbleiberklasse, um etwas zu verändern. Die Elternsprecherin Veronika Kluge vom Dortmunder Leibniz-Gymnasium erzählt, dass ihre Aktion der Schulverwaltung einen gehörigen Schrecken eingejagt hat: Nach der Ankündigung der Massenehrenrunde in Dortmund sagte die zuständige Bezirksregierung in Arnsberg rasch mehr Lehrer und Unterricht zu.
Das war dann plötzlich genehmigungsfähig.
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Das könnte allenfalls für soche Personen gelten, die auf dem Gymnasium nichts verloren haben. Den zahlreichen unterforderten Schülern macht das nichts aus. mehr...
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