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Sechsjährige Grundschule Paukenschlag gegen schwarz-grünes Schulexperiment

2. Teil: Derbe Kritik an den Berliner Grundschulen

"Die Aussagen Lehmanns sind durch die Zahlen in seiner Studie nicht gedeckt", sagte Hans Anand Pant, Leiter des Instituts für Schulqualität, SPIEGEL ONLINE. Pant kennt die Studie bereits - und findet die häppchenweise Veröffentlichung ärgerlich. "Das ist etwas, was ich nicht machen würde. Lehmann baut Druck auf."

Mit Fragen der Etikette allein lässt sich der Dreifach-Doktor Rainer Lehmann freilich nicht widerlegen. Er lässt kein gutes Haar an den beiden letzten Klassen der Berliner Grundschule. Die Lehrer wiesen dort "massive Mängel" besonders bei Mathematik auf, es gebe keine didaktische Ausbildung für die fünfte und sechste Klasse. "Die Grundschüler werden ausschließlich von Grundschullehrkräften unterrichtet", sagt Lehmann. Immerhin können sich die neuen Hamburger Koalitionäre zugute halten, dass sie darauf bereits reagiert haben. In allen Grundschulen sollen in Hamburg ab der vierten Klasse auch Gymnasiallehrer unterrichten.

Aber Rainer Lehmann stellt die verlängerte Grundschule grundsätzlich in Frage. In Berlin öffne sich die soziale Schere in der gemeinsamen Schule für Zehn- bis Zwölfjährige: "Wenn die Schüler länger zusammen lernen, führt das keineswegs notwendigerweise dazu, dass soziale Disparitäten abgebaut werden", sagt Lehmann.

So etwas nennt man einen Paukenschlag: Hamburg führt exakt mit diesem Argument eine sechsjährige Grundschule ein. Längeres gemeinsames Lernen fördere sowohl den sozialen Zusammenhalt, als auch die Leistungen der Schüler.

Allerdings melden Grundschulkenner Zweifel an Lehmanns Interpretationen an. "Wenn Schulen sich die besten aussuchen dürfen und die anderen den Rest nehmen müssen", sagt etwa Peter Heyer, "ist es kein Wunder, dass sie besser abschneiden". Was der Chef des Berliner Grundschulverbandes meint, ist das unfaire Rennen, in das Lehmann die Grundschüler schickt.

Fragwürdige Vergleiche

Er vergleicht die Leistungen einer kleinen Zahl von Fünft- und Sechstklässlern, die schon aufs Gymnasium gehen, mit einer leistungsmäßig von vornherein schwächeren Gruppe von der Grundschule. Dieser so genannte Schulformvergleich gilt unter seriösen Wissenschaftlern als verpönt. Der Chef der ersten Pisastudie, Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, hatte solche unfairen Vergleiche bei Pisa 2000 vertraglich ausgeschlossen, weil sie "wissenschaftlich nicht vertretbar sind". Das ist gerade so, wenn man einen Formel-1-Boliden mit Seifenkisten um die Wette fahren lässt - um hinterher tiefgründige Schlüsse zu ziehen.

In der Tat nimmt es der Berliner Schulforscher Lehmann an dieser entscheidenden Stelle der Studie nicht so genau. Im Jahr 2003 gab er einen Zwischenbericht seiner Grundschulerhebung heraus, aus dem hervorgeht: Den großen Unterschied zwischen Grund- und Hauptschülern gibt es bereits ab dem ersten Tag der fünften Klasse. Der Lernvorsprung der Gymnasiasten entsteht sozusagen über Nacht, mit dem Wechsel der Schulart. Das ist nicht schwer zu erklären: Es werden eben die besten Schüler aufs Gymnasium geschickt. Im Verlauf der fünften Klasse sind die Leistungszuwächse der Grundschule im Durchschnitt dann sogar größer. Bemerkenswert sei, so schrieb Lehmann damals, "dass sich wegen des größeren Lernfortschritts an den Grundschulen der Abstand zwischen den beiden untersuchten Schulformen verringert hat".

Ob Lehmanns Interviewaussagen vom Endbericht seiner Studie gedeckt sind, wird man erst bei Veröffentlichung sehen. Auf einen Befund werden Grundschulen wie auch Gymnasien dann genau zu achten haben: Die Lernzuwächse der leistungsstarken Schüler nämlich sind in beiden Schulformen gleich - sie liegen bei Null. Das bedeutet, dass ausgerechnet die Besten nicht gefördert werden, ganz egal in welche Schulform sie gehen.

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insgesamt 1076 Beiträge
Die_Geistwurst 26.03.2008
Individuelles Lernen ist - das nur am Rand - gar keine neue, sondern eine alte Idee, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in reformpädagogischen Konzepten beschrieben wurde, z. B. bei Bernfeld.
Zitat von sysopStillsitzen, Gleichschrittpauken, Frontbeladung: Vom klassischen Programm haben sich manche deutsche Schulen abgewandt. Sie erproben ein neues Lernen, individuell und mit aufregenden Projekten. Was ist Ihre Meinung: Wie sollen Schule und Unterricht am besten sein?
Individuelles Lernen ist - das nur am Rand - gar keine neue, sondern eine alte Idee, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in reformpädagogischen Konzepten beschrieben wurde, z. B. bei Bernfeld.
Dr.Strangelove 26.03.2008
Es gab auf einem skand. Sender eine Doku-Reihe in der Lehrer als Dänemark, Schweden, Norwegen und Schweden die Arbeitsplätze getauscht haben. Es gibt zwar in Finnland eine individuelle Förderung, aber der Unterricht ist [...]
Es gab auf einem skand. Sender eine Doku-Reihe in der Lehrer als Dänemark, Schweden, Norwegen und Schweden die Arbeitsplätze getauscht haben. Es gibt zwar in Finnland eine individuelle Förderung, aber der Unterricht ist weitgehend frontal., während Dänemark und Schweden eher offene Arbeitsformen bevorzugten. Offene Arbeitsformen oder Frontalunterricht beide können vorteilhaft sein, wenn Sie dann richtig durchgezogen werden und es eine Selbstüberprüfung gibt. Ohne eine ständige Selbstkontrolle wird jede Unterrichtsform erstarren und gegen die Kinder arbeiten. Und das ist es, was in Deutschland zu fehlen scheint.
carlosowas 26.03.2008
Alle 50 Jahre fällt man bei den Erziehungsmethoden von einem Extrem ins andere. Das ist oft politisch motiviert oder von Wichtigtuern unter den Pädagogen gefördert. Die älteren von uns haben noch die stenge Erziehungsmethode aus [...]
Alle 50 Jahre fällt man bei den Erziehungsmethoden von einem Extrem ins andere. Das ist oft politisch motiviert oder von Wichtigtuern unter den Pädagogen gefördert. Die älteren von uns haben noch die stenge Erziehungsmethode aus der Kaiser- und Nazizeit mitbekommen, also mit Prügelstrafe. Heute würde ein Lehrer mit dieser Erziehungsmethode in den Knast kommen. Aber gute Soldaten für den 1. und 2. Weltkrieg hat sie uns beschert. J.-J. Rousseau hat einen Erziehungsroman geschrieben und seine eigenen vier Kinder ins Waisenhaus geschickt. Das sagt doch alles. Theoretikern sollte man bei Erziehungsmethoden keinen Glauben schenken. Die Menschheit ist viele tausend Jahre alt, die richtige Erziehungsmethode ist immer noch nicht gefunden. Ähnliches gilt für die Sexualität; die haben die Menschen trotz Religionen, Philosophien und Psychologien immer noch nicht begriffen. Vielleicht gibt es da nichts zu begreifen; deshalb die vielen zum Teil widersprüchlichen Theorien dazu. Aber funkioniert hat es trotzdem irgendwie.
von wegen 26.03.2008
Bin ich mit der Zeitmaschine unterwegs gewesen, oder lese ich ne Spiegel Online Ausgabe aus den siebzigern ? Das ganze Schulsystem hat sich doch schon lange verändert (Stichwort 68er) meiner Meinung nach nicht immer zum besseren. [...]
Bin ich mit der Zeitmaschine unterwegs gewesen, oder lese ich ne Spiegel Online Ausgabe aus den siebzigern ? Das ganze Schulsystem hat sich doch schon lange verändert (Stichwort 68er) meiner Meinung nach nicht immer zum besseren. Ich selbst, hatte in den frühen 80igern in Hessen fast nur Lehrer mit langen Haaren/Bärten. Die uns ständig auf Demos schickten mit uns per du waren und keinen Wert auf Hausaufgaben legten. Habe nix gegen Reformen ganz im Gegenteil, aber was damals begann war keine Reform sondern eine Revolution von Illusionisten/innen.
testthewest 26.03.2008
Ach, die ganzen neuen Konzepte sind doch naiv. Kein Mensch will lernen, dazu ist er von Natur aus zu bequem. Es muss schon die sprichwörtliche Not kommen, um ihn erfinderisch zu machen. Lernen ist anstrengend, und [...]
Zitat von sysopStillsitzen, Gleichschrittpauken, Frontbeladung: Vom klassischen Programm haben sich manche deutsche Schulen abgewandt. Sie erproben ein neues Lernen, individuell und mit aufregenden Projekten. Was ist Ihre Meinung: Wie sollen Schule und Unterricht am besten sein?
Ach, die ganzen neuen Konzepte sind doch naiv. Kein Mensch will lernen, dazu ist er von Natur aus zu bequem. Es muss schon die sprichwörtliche Not kommen, um ihn erfinderisch zu machen. Lernen ist anstrengend, und heutzutage gibt es auch zuviele Distraktoren wie Fernsehen, Internet, Spiele usw. welches ein konzentriertes Auseinandersetzen mit einem Fach zusätzlich erschweren. Der Frontalunterricht ist im Endeffekt das Beste, oder anders ausgedrückt: Am besten man liest konzentriert ein Buch...das ist meist besser als der bunteste Vortrag. Indiviuelles Lernen sollte privat durchgeführt werden. So wie es jedem selber überlassen ist wie er sich auf eine Prüfung vorbereitet. Die Schule mit so "pseudomodernen Lernkonzepten" zu fluten, wird gewiss nicht in besseren Schülern münden.
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