Von Christian Füller
"Die Aussagen Lehmanns sind durch die Zahlen in seiner Studie nicht gedeckt", sagte Hans Anand Pant, Leiter des Instituts für Schulqualität, SPIEGEL ONLINE. Pant kennt die Studie bereits - und findet die häppchenweise Veröffentlichung ärgerlich. "Das ist etwas, was ich nicht machen würde. Lehmann baut Druck auf."
Mit Fragen der Etikette allein lässt sich der Dreifach-Doktor Rainer Lehmann freilich nicht widerlegen. Er lässt kein gutes Haar an den beiden letzten Klassen der Berliner Grundschule. Die Lehrer wiesen dort "massive Mängel" besonders bei Mathematik auf, es gebe keine didaktische Ausbildung für die fünfte und sechste Klasse. "Die Grundschüler werden ausschließlich von Grundschullehrkräften unterrichtet", sagt Lehmann. Immerhin können sich die neuen Hamburger Koalitionäre zugute halten, dass sie darauf bereits reagiert haben. In allen Grundschulen sollen in Hamburg ab der vierten Klasse auch Gymnasiallehrer unterrichten.
Aber Rainer Lehmann stellt die verlängerte Grundschule grundsätzlich in Frage. In Berlin öffne sich die soziale Schere in der gemeinsamen Schule für Zehn- bis Zwölfjährige: "Wenn die Schüler länger zusammen lernen, führt das keineswegs notwendigerweise dazu, dass soziale Disparitäten abgebaut werden", sagt Lehmann.
So etwas nennt man einen Paukenschlag: Hamburg führt exakt mit diesem Argument eine sechsjährige Grundschule ein. Längeres gemeinsames Lernen fördere sowohl den sozialen Zusammenhalt, als auch die Leistungen der Schüler.
Allerdings melden Grundschulkenner Zweifel an Lehmanns Interpretationen an. "Wenn Schulen sich die besten aussuchen dürfen und die anderen den Rest nehmen müssen", sagt etwa Peter Heyer, "ist es kein Wunder, dass sie besser abschneiden". Was der Chef des Berliner Grundschulverbandes meint, ist das unfaire Rennen, in das Lehmann die Grundschüler schickt.
Fragwürdige Vergleiche
Er vergleicht die Leistungen einer kleinen Zahl von Fünft- und Sechstklässlern, die schon aufs Gymnasium gehen, mit einer leistungsmäßig von vornherein schwächeren Gruppe von der Grundschule. Dieser so genannte Schulformvergleich gilt unter seriösen Wissenschaftlern als verpönt. Der Chef der ersten Pisastudie, Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, hatte solche unfairen Vergleiche bei Pisa 2000 vertraglich ausgeschlossen, weil sie "wissenschaftlich nicht vertretbar sind". Das ist gerade so, wenn man einen Formel-1-Boliden mit Seifenkisten um die Wette fahren lässt - um hinterher tiefgründige Schlüsse zu ziehen.
In der Tat nimmt es der Berliner Schulforscher Lehmann an dieser entscheidenden Stelle der Studie nicht so genau. Im Jahr 2003 gab er einen Zwischenbericht seiner Grundschulerhebung heraus, aus dem hervorgeht: Den großen Unterschied zwischen Grund- und Hauptschülern gibt es bereits ab dem ersten Tag der fünften Klasse. Der Lernvorsprung der Gymnasiasten entsteht sozusagen über Nacht, mit dem Wechsel der Schulart. Das ist nicht schwer zu erklären: Es werden eben die besten Schüler aufs Gymnasium geschickt. Im Verlauf der fünften Klasse sind die Leistungszuwächse der Grundschule im Durchschnitt dann sogar größer. Bemerkenswert sei, so schrieb Lehmann damals, "dass sich wegen des größeren Lernfortschritts an den Grundschulen der Abstand zwischen den beiden untersuchten Schulformen verringert hat".
Ob Lehmanns Interviewaussagen vom Endbericht seiner Studie gedeckt sind, wird man erst bei Veröffentlichung sehen. Auf einen Befund werden Grundschulen wie auch Gymnasien dann genau zu achten haben: Die Lernzuwächse der leistungsstarken Schüler nämlich sind in beiden Schulformen gleich - sie liegen bei Null. Das bedeutet, dass ausgerechnet die Besten nicht gefördert werden, ganz egal in welche Schulform sie gehen.
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