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04.06.2008
 

Unverständlich, unklar, unlösbar

Das Abi-Chaos von Nordrhein-Westfalen

Von Armin Himmelrath

Der blanke Schüler-Horror: Klausuraufgaben, die kein Mensch versteht oder für die es keine Lösung gibt. In NRW häufen sich die Pannen beim Zentralabitur, von Nowitzki-Freiwürfen bis zum "Oktaeder des Grauens". Jetzt müssen komplette Mathe-Leistungskurse in die Nachprüfung.

Schock am letzten Donnerstag: Naomi*, 19, trat beim Schulleiter ihrer Gesamtschule in Bergkamen an – und erfuhr, dass sie ihre Abiklausur im Mathe-Leistungskurs total verhauen hatte. Vornote 11 Punkte, also eine glatte Zwei, jetzt sind es nur noch zwei Punkte, also eine Fünf. Damit geht sie diesen Freitag in die Nachprüfung.

Höhere Mathematik: Was tun, wenn die Aufgabe nicht stimmt?
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Höhere Mathematik: Was tun, wenn die Aufgabe nicht stimmt?

Immerhin ist sie damit nicht allein: Die anderen Schüler aus ihrem Leistungskurs müssen auch noch einmal antreten. Und zwar allesamt - Heulen und Zähneklappern bei 22 Abiturienten. Naomi nimmt es mit Sarkasmus: "Mit meinen zwei Punkten gehöre ich noch zu den besten", sagt sie, "knapp die Hälfte hat null Punkte erreicht." Ihr eigener Abi-Schnitt sei jedenfalls "versaut", maximal komme sie jetzt noch auf 2,4 – "das ist echt mies". Und vor allem: Es ist kein Einzelfall.

Landesweit erfahren die Abiturienten bis Mittwoch ihre Klausurnoten. Wer einen Unterschied von mehr als vier Punkte zu seiner Vornote hat, muss in die Nachprüfung – "Abweichungsprüfung" heißt das offiziell. "Besonders in Mathematik gab es in diesem Jahr signifikant mehr Abweichungen als sonst", sagt Margarete Vögele, Schulleiterin in Dortmund.

Per Rundmail haben die Macher der Lehrerbenotungs-Internet-Seite Spickmich.de 20.000 NRW-Abiturienten angeschrieben, die bei ihnen Mitglied sind. So erreichten sie ein Drittel der insgesamt an Rhein und Ruhr betroffenen Schüler. Demnach gibt es landesweit etliche Leistungskurse, aus denen satte 50 Prozent der Schüler oder mehr zur Nachprüfung müssen. Auch Naomi aus Bergkamen hatte sich bei Spickmich gemeldet.

Pleiten, Pannen, Proteste

Seit am 7. April die Abi-Klausur-Phase an Rhein und Ruhr begann, häufen sich die Beschwerden von Schülern und Lehrern. Es gebe "eine Fülle von Ungereimtheiten und Verwerfungen, dazu jede Menge handwerklicher Fehler", sagt etwa Peter Silbernagel, Vorsitzender des NRW-Philologenverbandes.

Lehrerverbände, Schülervertreter und die Medien haben seither etliche Abi-Pannen zusammen getragen. So viele, dass Schulministerin Barbara Sommer (CDU) in einer neunseitigen Stellungnahme für den Landtag reagieren musste. Eine kleines Pannen-Panoptikum:

Das Bonner Helmholtz-Gymnasium suchte nach einer Erklärung für das schlechte Abschneiden vieler Schüler im Fach Mathe und beauftragte den Bonner Professor Peter Koepke, eine der Klausuraufgaben einmal nachzurechnen. In Aufgabe a) geht es in drei Fragen um die Wahrscheinlichkeit, mit der Basketballer Dirk Nowitzki eine Reihe von Freiwürfen im Korb versenkt - oder eben nicht.

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Bei den ersten beiden Berechnungen wurden jeweils zehn Versuche zugrunde gelegt. Doch bei der dritten Teilaufgabe fehlt diese Angabe. Die Schüler hätten also selbst eine Zahl einsetzen müssen. Klarer Befund des Wissenschaftlers: "Die Aufgabe ist wesentlich unvollständig" und "falsch gestellt".

In einer Aufgabe zur Erdkunde-Leistungskursklausur war bei einer Frage zum Strukturwandel des Seehafens Wismar ein Komma verrutscht. Aus "19,058" wurde "190,58" Tonnen – Reaktion des Ministeriums: "Die Gesamtmenge aller Ostseehäfen war richtig angegeben." Manche Schüler berichten, sie seien erst mehrere Stunden nach Klausurbeginn von einem per E-Mail alarmierten Lehrer über den Fehler unterrichtet worden.

Bei einer Pädagogik-Aufgabe zu Sigmund Freud hatten die Autoren aus "Gefühlen, die uns bewusst sind", ein "unbewusst" gemacht und so den Sinn ins Gegenteil verkehrt. Barbara Sommer: "Rückmeldungen haben ergeben, dass viele Schüler auch schon vor der Korrekturmitteilung das 'un' überlesen haben und den Satz richtig verstanden hatten."

In Biologie hatten Schüler eine halbe Stunde Zeit, sich durch 18 Seiten Material kämpfen, um sich danach für zwei von drei Aufgaben zu entscheiden. "Viel zu viel" an Lesestoff sei das gewesen, sagt Britta, Abiturientin in Löhne. "Für die Auswahl zweier Themen war es nicht nötig, das Material vollständig durchzulesen", entgegnet die Ministerin, "wer sich zügig für zwei Themen entscheiden konnte, hatte daher sogar mehr als die vorgesehene Arbeitszeit zur Verfügung."

Gleich reihenweise verzweifelten die Schüler - und manche Lehrer - in Mathe-Leistungskursen am "Oktaeder des Grauens", wie eine Aufgabe schnell getauft wurde. Er habe nicht "auch nur annähernd einen Lösungsansatz" finden können, sagt etwa Jan aus Arnsberg. Er fühlte sich mit einer Vornote von 14,5 Punkten eigentlich gut vorbereitet.

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Dazu das Ministerium: Im Leistungskurs hätten die Lehrer drei von acht Ausgaben auswählen können. "Die Fachlehrkraft konnte also entscheiden, welche Aufgabe dem Prüfling sinnvollerweise eher vorgelegt werden soll" - und dabei hätte ihnen auffallen können, wie kompliziert die Aufgabe ist. Dieses Argument bringt Peter Silbernagel vom Philologenverbandes in Rage: "Mich ärgert, dass da jetzt der Eindruck erweckt wird, die Lehrer seien schuld."

In Geschichte war der Hinweis "des 19. Jahrhunderts" an das Ende einer Teilaufgabe angehängt - nur ergab er dort keinerlei Sinn. Der Hinweis fehlte dafür am Ende einer anderen Aufgabe, die dadurch ebenfalls kaum Sinn ergab. "Zu Beginn der Klausur bekamen wir einen Brief des zuständigen Abteilungsleiters im Ministerium, in dem auf diesen Fehler hingewiesen wurde", sagt Horst Wenzel von der Landesschülervertretung NRW, der selbst diese Geschichtsklausur schreiben musste. Wegen des "ultrabürokratischen Entschuldigungsschreibens" habe der gesamte Kurs erst einmal "losgebrüllt vor Lachen". Danach habe er den Korrekturbrief wieder abgeben müssen.

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