Von Armin Himmelrath
Neben Konstruktionsfehlern sei es zusätzlich ein Problem, dass die Mathe-Aufgaben heute immer "eingekleidet" würden in eine Textaufgabe, sagte Peter Koepke SPIEGEL ONLINE: "Das macht es noch komplizierter, weil damit die lebensweltlichen Vorstellungen der Jugendlichen mit hineinkommen."
Anders gesagt: Ob Dirk Nowitzki überhaupt einmal zehn Freiwürfe hintereinander ausführe, könne für die Jugendlichen durchaus von Bedeutung sein, wenn sie die Aufgabe lesen. Die meisten Jugendlichen wissen, dass dies ein eher unrealistisches Szenario ist. Fehler in der Testkonstruktion seien da fast schon programmiert, so der Bonner Professor.
Es ist der Wurm drin im Zentralabitur - dabei wähnte sich das Düsseldorfer Schulministerium diesmal eigentlich in Sicherheit. Ein Verfahren mit ganzen 16 Stufen sollte sicherstellen, dass sich nicht, wie schon 2007, spektakuläre Fehler in die Abituraufgaben einschleichen.
Über 750 verschiedene Aufgaben für 54 Fächer mussten gefunden und formuliert werden. Von einer ersten "Rohfassung" über mehrfache "Checks" und Kontrollen durch Beamte "aus Schülersicht" bis zur Endfassung führte der Weg der Aufgaben. Ihre Meinung abgeben konnten unter anderem Mitglieder einer Steuergruppe, Fachdezernenten der Bezirksregierungen, Kommissionsmitglieder und Vertreter von Referenzschulen.
74 von 84 Abiturienten zur Nachprüfung
Viel Bürokratie, wenig Bodenhaftung – so kamen offenbar die zahlreichen Fehler zustande, auch wenn Ministeriumssprecher Andrej Priboschek im Hinblick auf die umstrittene Basketball-Aufgabe betont: "Die Fachleute in unserem Haus haben das überprüft und keine Fehler gefunden."
Wenn es ein Problem gibt, dann liegt es nicht in einer, sondern in fast allen Schulen auf dem Tisch - zuverlässig sorgt das Zentralabitur für eine bestmögliche Fehlerverbreitung. Ausbaden müssen das die Schüler. Bei ihnen ist die Wut oft groß, denn Klausurpannen können im schlimmsten Fall den Abi-Schnitt so weit drücken, dass der sicher geglaubte Studienplatz in NC-Fächern wie Medizin unerreichbar wird.
Viele Schüler zittern jetzt jedenfalls: "Ich kenne eine Schule im Ruhrgebiet, da müssen von 84 Abiturienten 74 in die Nachprüfung", sagt Peter Silbernagel vom Lehrerverband. Den Namen der Schule will er nicht nennen.
Bei den Spickmich-Machern meldeten sich in den letzten Tagen reihenweise Schüler, die davon berichteten, dass komplette Kurse weit unter ihre Vornoten lagen. "Normalerweise liegen diese Abweichler-Quoten bei uns bei etwa 15 Prozent", sagt etwa Bertin Kotthoff, Schulleiter am Arnsberger St.-Ursula-Gymnasium – ein Wert, der laut Spickmich-Recherchen in diesem Jahr fast flächendeckend übertroffen wird.
Mathe-Noten nachträglich anheben?
"Es ist einfach nur erschreckend, was da innerhalb von Stunden an Beschwerden zurückkam", sagt Bernd Dicks von Spickmich, "an etlichen Schulen müssen die Hälfte oder mehr der Abiturienten in die Abweichungsprüfung." Rund tausend Antwort-E-Mails werden derzeit noch ausgewertet, am Donnerstag wollen Spickmich und Landesschülervertretung die Ergebnisse gemeinsam veröffentlichen. Bernd Dicks sagt schon jetzt: "Wir fordern, dass die Noten vor allem in Mathe nachträglich angehoben werden."
Dass es "Bewertungsspielräume" für die Lehrer gibt, hatte auch das Schulministerium in den vergangenen Tagen immer wieder betont. Damit könnten die Lehrer die Situation zumindest entschärfen. Doch bei ihnen ist die Verunsicherung offenbar so groß, dass sie sich lieber an die vorgegebenen Musterlösungen des Zentralabiturs halten.
Für Desiree, Abiturientin aus Rheinberg, heißt das: abgerutscht von zwölf auf sechs Punkte. Statt einer guten Zwei im Englisch-Leistungskurs steht sie auf einmal auf einer guten Vier. "Meine Lehrerin meinte, das liege nur daran, dass sie die Antworten vom Ministerium als Vorlage nehmen muss", sagt Desiree, "sonst hätte ich 13 Punkte von ihr bekommen - weil ich einen richtigen, aber anderen Gedankengang hatte als das Ministerium."
Schülervertreter Horst Wenzel hält angesichts solcher Beispiele die Idee des Zentralabiturs für komplett gescheitert: "Zur angestrebten Qualitätssteigerung im Bildungssystem tragen solche Pannen jedenfalls nicht bei. Lernen kann nur individuell gelingen - und das Paradoxe am Zentralabitur ist, dass es dabei gerade nicht um Individualität geht." Moderne Pädagogik sehe jedenfalls anders aus.
*Name geändert
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