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19.06.2008
 

Berliner Klausuren-Chaos

28.000 Schüler müssen Mathe nachschreiben

Sie sind wütend, sie haben demonstriert, zwei von ihnen zogen sogar vor Gericht - vergebens: 28.000 Berliner Zehntklässler müssen allesamt ihre Mathematik-Prüfung nachschreiben, weil einige geschummelt haben. Das entschied heute ein Berliner Gericht.

Das Berliner Verwaltungsgericht sah zur Neuansetzung der zentralen Mathe-Arbeit für den Mittleren Schulabschluss keine Alternative, da zu viele Prüfungen als fehlerhaft hätten angesehen werden müssen. Das teilte die 3. Kammer des Gerichts am Donnerstag mit. Es habe die Gefahr bestanden, "dass das Leistungsbild insgesamt verfälscht wurde". In der Begründung schreiben die Richter unter anderem, dass in einigen von Schülern während der Prüfung benutzten Toiletten Lösungshinweise gefunden worden seien.

Schüler in Rage: Auch die Demos bewirkten nichts
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ddp

Schüler in Rage: Auch die Demos bewirkten nichts

Das Gericht wies damit die Eilanträge zweier Schüler ab, die ihre schon geschriebenen Klausuren korrigiert und gewertet bekommen wollten. Auffällig viele und besonders in Mathematik schwächere Schüler hätten ihre Aufgaben vorzeitig beendet, so die Richter weiter. Bei ersten Durchsichten der geschriebenen Arbeiten seien "deutlich bessere Ergebnisse als bei früheren Klassenarbeiten festgestellt worden" (Aktenzeichen VG 3 A 220.08 und 221.08).

Schulsenator Jürgen Zöllner malte am Donnerstag das Bild eines schwunghaften Handels mit Prüfungsaufgaben: Die Klausurfragen seien "im Internet, auf der Straße, im Schulgebäude und per Handy kostenfrei und auch gegen Geld" angeboten worden, so Zöllner am Donnerstag vor dem Schulausschuss des Abgeordnetenhauses - und dies gelte für alle Bezirke in der Stadt.

"Im Internet, auf der Straße, in der Schule, auf dem Handy"

An 87 der 346 beteiligten Schulen seien Schüler schon vor der Prüfung am 11. Juni in den Besitz der Aufgaben gekommen. Die Prüfung zu wiederholen, sei nun "die einzig realistische und gerechte Lösung", da sonst die Chancengleichheit für alle Schüler nicht mehr gegeben sei, sagte Zöllner. Nachgeschrieben werden soll am Montag, 23. Juni. Der Schulsenat hatte den Verwaltungsrichtern zuvor einen "Verwaltungsvorgang" zukommen lassen, in dem die Schulbeamten ihre "Ermittlungsergebnisse" zusammen gefasst hatten.

Rechtsanwältin Sybille Schwarz wirft dem Gericht vor, es habe "kein rechtsstaatliches Verfahren geführt. Das Gericht hatte uns die Akteneinsicht verweigert und kein rechtliches Gehör gegeben". Ihr sei die Einsicht in die Kopien verwehrt geblieben, "weil es technisch zu aufwendig sei".

Außerdem habe Schulsenator Zöllner bisher nicht den konkreten Beweis dafür erbracht, dass die Zahl von angeblich 87 von der Schummelei betroffenen Schulen tatsächlich so hoch sei. Nach Auffassung der Anwältin "sitzen die eigentlich Verursacher doch im Schulsenat und nicht in den Schulen". Sie wisse im übrigen bis heute nicht, ob ihrer Mandantin überhaupt Schummelei vorgeworfen wird.

Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts ist es aber "unerheblich", ob den beiden Schülern, die die Eilanträge gestellt hatten, die vorherige Kenntnis der Mathe- Lösungen vorgeworfen werden kann. Es liege gerade im Interesse der Schüler, die von sich behaupteten, die Aufgaben nicht gekannt zu haben, "dass die Prüfung unter prüfungsrechtlich einwandfreien und damit fairen Bedingungen wiederholt wird", so die Richter.

"Die Prüfung darf nicht nur, sie muss wiederholt werden"

Das Gericht ließ aber die Beschwerde bei der nächsten Instanz ausdrücklich zu. Anwältin Schwarz will nun genau diese Beschwerde vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg einlegen.

Schulsenator Zöllner begrüßte am Nachmittag die Entscheidung des Gerichts: Die Richter hätten bestätigt, dass die Prüfung nicht nur wiederholt werden dürfe, sondern wiederholt werden müsse. Vor dem Schulausschuss sagte Zöllner, er bedauere das Schummel-Chaos, es sei "unheimlich traurig", das so etwas passiert sei. Den Ärger der Schüler könne er verstehen, aber er habe keine andere Wahl. Er rief alle Schüler auf, sich an der zweiten Prüfung zu beteiligen: "Wer sich verweigert, schadet sich nur selbst." Konkrete Konsequenzen für diesen Fall hat er aber nicht genannt.

Während der Sitzung des Schulausschusses am Donnerstag, in dem das umstrittene Thema nur kurz in einer "Aktuellen Viertelstunde" ohne Debatte zur Sprache kam, hatten sich nach Angaben der Polizei rund 120 bis 150 Schüler am Potsdamer Platz zu einer erneuten Demonstration gegen die Wiederholung der Prüfung versammelt. Bereits am Dienstag hatten 3000 Schüler vor dem Roten Rathaus überwiegend friedlich protestiert. Auch der deutlich geringere Protest am Donnerstag verlief ohne Zwischenfälle.

maf/dpa

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