Lavinia Kleßmann: In Ihrem Buch "Die Brüder Himmler" haben Sie die Geschichte Ihrer eigenen Familie rekonstruiert. Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Katrin Himmler: Der Auslöser war, dass mein Vater mich jetzt schon vor fast zehn Jahren gebeten hatte, im Bundesarchiv nachzufragen, ob es dort irgendwelche Akten über seinen Vater gäbe. Das hat mich damals sehr irritiert, weil ich überhaupt nie auf die Idee gekommen bin, dass da etwas über meinen Großvater sein könnte. Der war doch ganz harmlos, er war doch "nur" der kleine Bruder von Heinrich Himmler. Jeder andere würde natürlich sofort sagen: "Wie kann man da nicht denken, dass da irgendetwas war?"
Kleßmann: Also haben Sie keinen Verdacht gehegt?
Himmler: Nein, den hatte ich nicht, das ist wahrscheinlich Betriebsblindheit. Diese familiäre Blindheit, die selbst in meinem Fall, wo ich mich schon so viele Jahre mit der NS-Zeit auseinander gesetzt hatte, auftritt. Ich hatte Politikwissenschaft zu diesem Zeitpunkt schon fast fertig studiert und bin trotzdem nie auf die Idee gekommen, in meiner Familie mal direkt selbst nachzufragen.
Kleßmann: Wie erklären Sie sich das?
Himmler: Ich denke, das lag daran, dass in unserer Familie schon sehr früh das Bild konzipiert wurde, dass Heinrich Himmler angeblich das schwarze Schaf der Familie gewesen sei und alle andern nie was mit ihm zu tun hatten. Diese Bild hat sich sehr gefestigt und hat auch dazu geführt, dass alle anderen Familienmitglieder entlastet wurden. Selbst mein Vater hat immer nur einen Verdacht gehabt, hatte aber nie eine Bestätigung für diesen gefunden. Das war dann für ihn auch der Auslöser, um dann endlich Gewissheit zu finden.
Kleßmann: Wie haben Sie sich mit dieser Aufgabe gefühlt?
Himmler: Für mich war das zu Anfang auch eher so eine Art Auftrag ausführen für meinen Vater. Auch wenn ich gleichzeitig immer das Gefühl der Beschämung hatte, warum ich da nicht selbst mal drauf gekommen bin. Und dann kamen sehr viele Gefühle dazu. Spätestens ab dem Moment, als ich vor den Akten saß und völlig geschockt war, als ich las, dass mein Großvater schon 1931 in die Partei eingetreten war und 1933 auch in die SS, war ich ziemlich fassungslos.
Kleßmann: Und ab dem Moment stand dann der Beschluss fest, das Buch zu schreiben?
Himmler: Nein, die Idee entstand erst ein bis zwei Jahre später. Als ich die Akten aus dem Archiv zu meinem Vater und seiner Schwester brachte hatte ich das Gefühl, dass es für die beiden damit gut war. Doch für mich hatte sich das ganze Bild der Familie geändert und mich nicht mehr losgelassen.
Kleßmann: Denken Sie, dass die Geschichte Ihrer Familie ein Beispiel für eine klassische deutsche Familiengeschichte ist?
Himmler: Ja, ich denke, aus diesem Grund habe ich auch das Buch geschrieben. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass es hier nicht nur um die Familie von dem Massenmörder Heinrich Himmler geht, sondern eigentlich um eine deutsche gutbürgerliche Familie, wie sie typisch ist für viele andere vor hundert Jahren.
Ich habe gemerkt, dass man über mehrere Epochen an dieser Familie sehr viel über die deutsche Gesellschaft lernen kann. Sowohl in Bezug auf den Nationalsozialismus, als auch über die Verstrickung zwischen den Haupttätern, den Mittätern, den Mitläufern und den Profiteuren auf diesen ganz unterschiedlichen Machtebenen, die alle miteinander verwoben waren. In diesem Fall sieht man auch ganz besonders deutlich, wie alles auf familiären Netzwerken beruhte. Alle hingen irgendwie mit drin. Und zum anderen kann man bei dieser Familie auch sehr schön sehen, wo die Wurzeln lagen.
Kleßmann: Sie meinen für den Nationalsozialismus?
Himmler: Ja. Diese autoritäre, monarchistische Gesellschaft mit ihren autoritären Erziehungsstrukturen, die für uns so schockierenden, aber gleichzeitig für die Zeit so normalen Erziehungsvorstellungen, die der Vater der Himmler-Brüder damals verkörpert hat. Man kann da eine ganze Menge ablesen im Bezug auf die Kinder, wie die mit ihrer Geschichte umgehen. Wie alles verschwiegen wurde und wie die Täter sich selbst nach '45 dargestellt haben. Wie sie ihre eigene Rolle verharmlosten und dadurch wieder ihre Kinder belasteten und dieses schwere Erbe weitergegeben haben.
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