• Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.08.2008
 

Einwandererkinder

"Unser Bildungssystem überfordert viele Familien"

An deutschen Schulen scheitern Kinder von Migranten oft, obwohl türkische Eltern auf Bildung große Stücke halten. Forscherin Birgit Leyendecker erklärt im Interview, welche Rolle die Familie bei der Schulkarriere spielt - und warum Väter manchmal kleine Wunder bewirken.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Stellenwert hat Bildung in türkischen Familien?

Zur Person

Birgit Leyendecker, 53, leitet eine Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie der Ruhr-Universität Bochum. In ihrer noch laufenden Studie "Home-Start before School Start" untersucht sie den Einfluss von Familie und Kindergarten auf die Schulreife von Kindern mit und ohne Zuwanderungshintergrund. Zuvor forschte sie sechs Jahre in den USA und verglich dort unter anderem puerto-ricanische und euroamerikanische Familien mit türkischstämmigen und deutschen Familien im Ruhrgebiet.
Leyendecker: Bei den meisten Türken einen sehr hohen. In Vergleichsstudien gaben Eltern in der Türkei viel öfter "Bildung" als Ziel für ihre Kinder an als deutsche Eltern. Wir haben auch eingewanderte Türken in Deutschland befragt, ihnen war die Bildung ihrer Kinder ebenfalls sehr wichtig. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen stammen die Familien aus einer Kultur, in der Wissen als wertvoll erachtet wird. Zum anderen ist eine gute Ausbildung nun mal das Kapital, mit dem man hier etwas erreichen kann. In Gastarbeiterfamilien hat der Opa keinen Betrieb, den er vererben kann.

SPIEGEL ONLINE: Von Schulen mit vielen Zuwandererkindern hört man aber, dass sich nur selten Eltern bei den Sprechstunden blicken lassen. Wie kommt das, wenn sie offenbar gebildete Kinder haben wollen?

Leyendecker: Das deutsche Schulsystem fordert viel Engagement von Eltern: Sie sollen die Kinder bei den Hausaufgaben betreuen, kontrollieren, ob sie alle nötigen Schulsachen dabei haben, sich nachmittags pädagogisch wertvoll mit ihren Kindern beschäftigen. Das ist in anderen Ländern nicht so. Viele türkische Eltern haben mir berichtet, sie seien es aus der Türkei gewohnt, dass Bildung eine Sache der Schule ist. Nicht nur in der Türkei, auch zum Beispiel in Frankreich ist es üblich, dass die Schule viel mehr und länger Verantwortung für die Kinder übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist also alles ein Missverständnis - zugewanderte Eltern zeigen nur deshalb wenig Interesse für die Schulkarriere ihrer Kinder, weil sie erwarten, dass sich die Schulen mehr kümmern?

Leyendecker: Nein, es ist natürlich mehr. Vielen Müttern und Vätern fällt es schwer, in Kontakt mit Lehrern zu kommen, insbesondere wenn sie selber nur wenige Jahre zur Schule gegangen sind. Das deutsche Schulsystem ist eben auch sehr komplex. Da muss man als Elternteil erst mal durchblicken, wie man seinem Kind überhaupt helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Überfordert unsere Schulen Migranten?

Leyendecker: Viele schon. Wenn Eltern nicht beim Satz des Pythagoras, beim Akkusativ und Dativ helfen können, hat ihr Nachwuchs einen deutlichen Nachteil. Darunter leiden natürlich nicht nur Migrantenkinder. Aber bei Eingewanderten können eben oft noch nicht mal die gebildeten Eltern helfen, weil sie die Sprache bei Textaufgaben in Mathe nicht verstehen oder weil sie nicht wissen, wo sie Hilfe bekommen können.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Lehrer zugewanderten Eltern einfach klarer sagen, wie sie ihre Kinder unterstützen können?

Leyendecker: Ja, das ist sehr hilfreich. Aber bitte keine indirekten verklausulierten Empfehlungen wie "Es wäre schön, wenn Sie Ihrem Kind ein Pausenbrot mitgeben". Was Eltern brauchen, sind klare Ansagen: "Achten Sie darauf, dass Ihr Kind jeden Tag etwas Gesundes zu essen dabei hat." Oder: "Lassen Sie Ihre Kinder weniger fernsehen, das schadet ihnen." Man muss dann allerdings auch zusehen, dass es Alternativen gibt - etwa Spielplätze im Stadtteil.

SPIEGEL ONLINE: Was können Kindergarten und Schule noch tun, damit Zuwandererkinder bessere Chancen haben?

Leyendecker: Sie müssen die Eltern mehr einbinden, ihnen erklären, was sie tun können, um ihre Kinder zu fördern. Grundschulen und Kindertagesstätten brauchen dringend mehr Personal und Sozialarbeiter. Um Zuwandererkinder mit Nachteilen besser in den Unterricht zu integrieren, müssen Lehrer gezielte Beschäftigung in Kleingruppen, Rollenspiele und ähnliches machen - nicht nur einmal die Woche, sondern täglich. Aber das erfordert ein höheres Engagement in Bildung, als wir es bisher in Deutschland aufbringen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es denn für realistisch, dass die Länder und Städte hier mehr investieren?

Leyendecker: Es ist einfach notwendig, da kommen wir nicht drum herum. Zudem gibt es auch Lösungen, die mit wenig Budget auskommen - zum Beispiel Mentorenprogramme, bei denen Lehramtsstudenten als Paten einzelne Kinder über viele Jahre begleiten und fördern. Das gibt es bisher nur in einigen Regionen und nur über kürzere Zeiträume.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als die Hälfte der Eltern türkischstämmiger Kinder ist selbst nie in Deutschland zur Schule gegangen - spielt das eine Rolle?

Leyendecker: Ja. Nur etwa 15 Prozent der Kinder haben Eltern, die beide schon hier zur Schule gegangen sind. Bei den meisten ist also mindestens ein Elternteil in der Türkei aufgewachsen. Unsere Untersuchungen zeigen: Mütter, die hier zur Schule gegangen sind, sprechen die Sprache, kennen die deutsche Kultur und können so die Kinder besser unterstützen. Sie sind bereit, mehr Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zu übernehmen. Wenn Mütter aber ihren Bildungsweg in der Türkei gemacht haben - egal, wie gut sie ausgebildet sind -, erleben sie den deutschen Alltag als Stress und Überforderung und wollen die Bildung ihres Nachwuchses am liebsten komplett an die Schule delegieren.

SPIEGEL ONLINE: Kommt ein Ehepartner aus der Türkei nach Deutschland, hemmt das also die Schulbildung der Kinder. Ist Heiratsmigration langfristig hinderlich für die Integration?

Leyendecker: Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über die Folgen des Familiennachzugs. Beispielsweise ist kaum bekannt, dass mindestens die Hälfte der Heiratsmigranten Männer sind. Die Dynamik, die sich hier in Familien ergeben könnte, ist noch nicht erforscht. Fest steht aber, dass Kinder aus Familien, in denen außer Türkisch auch Deutsch gesprochen wird, sehr viel bessere Deutschkenntnisse schon im Kindergarten zeigen und so einen besseren Start in ihren Bildungsweg haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben festgestellt, dass Väter besonders stark zur Lernfähigkeit der Kinder beitragen. Wie kommt das?

Deutsch-türkische Schülerin: "Väter legen irgendwie einen Hebel um"
Zur Großansicht
DPA

Deutsch-türkische Schülerin: "Väter legen irgendwie einen Hebel um"

Leyendecker: Das ist sehr komplex. Drei Dinge haben auf jeden Fall Einfluss darauf: erstens, wie viel Bildung der Vater selber hat. Zweitens, wie viel er sich um das Kind kümmert, und drittens ob er außer Haus arbeiten geht. Beispielsweise lesen Väter mit mehr Schulbildung selber mehr und haben Kinder, denen mehr vorgelesen wird. Hinzu kommt, dass nur wenige Mütter arbeiten gehen. Vätern kommt deshalb eine besondere Rolle zu, weil sie Kontakte mit der deutschen Sprache und Kultur mitbringen. Das wirkt sich positiv auf die Entwicklung der Kinder aus. Die Bildung und das Engagement der Väter haben also eine vergleichsweise größere Hebelwirkung als die Bildung der Mütter.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben länger in den USA gearbeitet. Wo sehen Sie in Deutschland Forschungslücken beim Thema Migranten und Bildung?

Leyendecker: Eigentlich gibt es die in allen Bereichen. Zum Thema Integration wissen wir erschreckend wenig. In Deutschland herrschen andere Bedingungen als in den USA: Hier gibt es einen viel engeren Kontakt zu den Heimatländern, einfach deshalb, weil Warschau oder Istanbul schnell erreichbar sind. Auch die vielen Familiennachzüge in Migrantenfamilien sind ein spezifisch europäisches Phänomen. Trotzdem wissen wir fast nichts darüber, was das bewirkt und wie dies beispielsweise für die Zweisprachigkeit der Kinder genutzt werden kann.

Das Interview führten Ferda Ataman und Andrea Brandt

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 7866 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.10.2010 von fantalupi:

second hand inspirationen zum 2. frühstück: "Ein progressives Naturphänomen: Wie verhält sich die Erfahrung mit dem Kommunismus zu der mit dem (Sozial-)Demokratismus? Wie beim unfreundlichen Experiment mit dem Frosch, [...] mehr...

29.10.2010 von AndersSehend: m:n hoch irgendwas die zweite

kommt, wie immer, auf die art und weise der verknüpfung von politik, der gruppenkonstruktion und -zuweisung und der abstraktion an, und welche kriterien- bzw. elementkombination die führende ist. nein. ihnen brauche ich ja [...] mehr...

29.10.2010 von Peter-Freimann:

Kann es sein, daß Sie Politik, die auf Gruppenzuweisungen nicht verzichten kann und abstrahieren muß, kann es sein, daß Sie Statistik, die mit Durchschnittsgrößen arbeitet und Korrelationen (für Bildungsferne: NICHT mit [...] mehr...

29.10.2010 von AndersSehend: m:n hoch irgendwas

kann es sein, dass man mit jedweder intelligenz in jedwedes soziales umfeld gelangen kann? mehr...

29.10.2010 von IB_31: Korrektur

Korrektur zu Beitrag 7855: 2 Raumschiffe brettern mit je 0.75 – facher _Licht_-Geschwindigkeit _frontal_ aufeinander zu. Die Relativgeschwindigkeit ist aber trotzdem nur c. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Wissen

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...





TOP



TOP