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18.08.2008
 

Pikrinsäure-Alarm

"Das Zeug gehört nicht an Schulen"

Von Carola Padtberg

In den Chemieräumen unzähliger deutscher Schulen lauert Gefahr: Trocknet Pikrinsäure, wird sie explosiv wie TNT. Im Unterricht ist der unheilvolle Stoff längst überflüssig. Darum fordern Experten: Weg damit!

Wie alle Schulleiter in Nordrhein-Westfalen fand Dagmar Naegele Anfang vergangener Woche eine E-Mail der Bezirksregierung in ihrem Postfach. Darin stand, dass auch an der Europaschule in Köln-Zollstock möglicherweise explosive Pikrinsäure vorhanden sein könne. Der Gefahrenbeauftragte der Schule solle deshalb den Bestand überprüfen und alles, was älter als zwei Jahre sei, entsorgen lassen.

Schließlich ist die Substanz eine Art Zeitbombe. Im feuchten Zustand ist Pikrinsäure ungefährlich. Wird sie aber unsachgemäß gelagert und trocknet zu Kristallen, verwandelt sie sich in einen hochexplosiven Stoff. In Berlin mussten wegen des Sprengstoff-Schlendrians bereits im Juli mehrere Schulen geräumt werden. Nun sind auch Schulen in Nordrhein-Westfalen alarmiert. "Bei ausgetrockneter Pikrinsäure ist besondere Vorsicht geboten, die Substanz ist dann als Sprengstoff zu klassifizieren, sie reagiert sehr empfindlich auf Reibung, Erwärmung und Schlag", schrieb die Bezirksregierung.

In der Europaschule stand die Pikrinsäure wie immer im Giftraum. "Sie wurde jahrelang nicht verwendet", sagte Dagmar Naegele SPIEGEL ONLINE, "wir konnten aber nicht feststellen, ob sie auch eingetrocknet war." Die Schulleiterin meldete den Fund noch am gleichen Vormittag und sperrte den naturwissenschaftlichen Trakt der Schule.

Und dann hat es Bumm gemacht

Zwei Tage später rückte der Kampfmittelräumdienst an. Die Spezialisten trugen das kleine Fläschchen in den Schulgarten, fügten Sprengstoff hinzu und ließen es mit einem lauten Knall detonieren. "Die haben momentan viel zu tun", sagt Naegele. Wann immer eine Pikrin-Flasche auf einem Schulgelände gesprengt wird, muss vorher die gesamte Nachbarschaft informiert werden.

In der Tat halten Sprengstoffeinsätze das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) derzeit in Atem. Viele Male mussten Experten ausrücken, um die in Chemieräumen vergessene sensible Substanz unschädlich zu machen. Das LKA zählte in Nordrhein-Westfalen bis Donnerstag 34 Einsätze, außer in Köln waren auch Schulen in Bad Münstereifel, Herne, Witten, Dortmund, Essen, Bochum, Duisburg und Düsseldorf und Oberhausen betroffen.

Benutzt wird Pikrinsäure eigentlich als Färbemittel beim Mikroskopieren - aber heute kaum noch gebraucht. Längst greifen viele Chemielehrer lieber zu harmlosen Mitteln. Unbeachtet steht die gefährliche Säure dann im Giftschrank, ohne regelmäßiges Befeuchten.

Notrufe auch aus Apotheken

Auch unter Pharmazeuten wird Pikrinsäure offenbar nicht mehr oft verlangt. Dutzende Apotheken ließen in den letzten Tagen ihre eingetrockneten Reste von Experten entfernen.

Dass Pikrinsäure für so viel Wirbel sorgt, hat Katrin Sommer nicht überrascht. Sie leitet den Fachbereich Didaktik der Chemie der Ruhr-Universität Bochum und hält den Umgang mit dem hochexplosiven Stoff an Schulen für unverantwortlich. "Pikrinsäure in diesen Mengen hat an der Schule nichts verloren", sagte Sommer SPIEGEL ONLINE.

Welche Stoffe überhaupt an Schulen vorkommen dürfen, schreibt die Gefahrstoffliste vor. Darin steht, ob ein Stoff etwa krebserzeugend oder erbgutverändernd wirkt, wie er aufbewahrt werden muss, mit welchen Chemikalien Schüler hantieren dürfen.

Pikrinsäure gehört nicht dazu. Sie ist für Lehrerexperimente zugelassen. "Doch gleichzeitig gilt das Ersatzstoffprinzip: Lehrer sind verpflichtet, gefährliche Substanzen soweit möglich durch andere zu ersetzen", erklärt Professorin Sommer. Wenn auf eine gefährliche Chemikalie im Versuch nicht verzichtet werden könne, gebe es auch die Möglichkeit, das Experiment im Video zu zeigen.

"Das finde ich verantwortungslos"

Auch für Kim Vogt, Sicherheitsbeauftragter an der Fakultät für Chemie der Universität Dortmund, ist es unverständlich, dass der Stoff an Schulen überhaupt noch im Umlauf ist: "Das finde ich verantwortungslos." Für Färbungen und Mikroskopie bei Lehrer-Experimenten gebe es Alternativen zur Pikrinsäure.

Polizeieinsatz: Kontrollierte Sprengung an einer Schule in Oberhausen
Polizei Oberhausen

Polizeieinsatz: Kontrollierte Sprengung an einer Schule in Oberhausen

Die Schulen würden mit der Entsorgung der nicht genutzten Pikrinsäure allerdings allein gelassen, deshalb ließen viele Lehrkräfte den Stoff einfach im Schrank stehen und rührten ihn seit Jahren nicht an. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bequemlichkeit. "Ein Schadstoffmobil sollte gemeinsam mit den Lehrern die Altlasten aussortieren", fordert Sommer. "Kalium oder Quecksilberoxid gehören ja auch nicht mehr in die Schule." Trotzdem seien auch diese Stoffe in einigen Gifträumen zu finden.

Pikrinsäure ist also ein vergessenes Mittel, das nirgendwo mehr gebraucht wird, aber überall existiert. In Hessen und Rheinland-Pfalz haben die Kultusministerien alle Schulen aufgefordert, andere Stoffe einzusetzen. Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium mache alle Schulen auf das Problem aufmerksam und gebe ihnen "Handlungsanweisungen", teilte ein Sprecher Freitag mit. Als Anlaufstelle sei das Landeskriminalamt "permanent erreichbar".

In Thüringen vom Lehrplan gestrichen

In Thüringen ging die Landesregierung schon vor zehn Jahren einen Schritt weiter: Dort gibt es an Schulen keine Pikrinsäure mehr. Die Arbeit mit dem gefährlichen Stoff sei nicht im Lehrplan vorgesehen, 1998 und 2000 seien deshalb zwei große Rückrufaktionen für nicht mehr benötigte Chemikalien durchgeführt worden, sagte ein Sprecher.

Auch in Nordrhein-Westfalen wird jetzt umgedacht. Bisher standen die Schulen in der Verantwortung: "Die Schulen entscheiden selbst, welche Stoffe sie verwenden, und sind dann auch verantwortlich für den Umgang mit den Substanzen", sagte ein Sprecher des Kultusministeriums SPIEGEL ONLINE. Schließlich würde zu diesem Zweck an jeder Schule ein Gefahrstoffbeauftragter ernannt, meist ein Chemielehrer.

Nach den ersten Funden im Bezirk Arnsberg forderte das Ministerium dann doch alle Bezirksregierungen auf, die Schulen an einen sachgemäßen Umgang mit Pikrinsäure zu erinnern. Jetzt soll gemeinsam mit den Bezirksregierungen geprüft werden, ob der explosive Stoff wirklich noch gebraucht wird oder aus den Schulen verbannt werden kann.

Im Ersten Weltkrieg war Pikrinsäure noch als Sprengstoff in Granaten verwendet worden. Wie gefährlich die Chemikalie ist, zeigte sich am 6. Dezember 1917: Im kanadischen Halifax kollidierte ein französisches Munitionsschiff mit 2300 Tonnen Pikrinsäure und 200 Tonnen TNT an Bord mit einem anderen Schiff. Die folgende gewaltige Explosion forderte fast 2000 Todesopfer, die Flut- und Druckwelle der Explosion verwüstete weite Teile der Stadt völlig. Im Umkreis von 70 Kilometern sollen damals Scheiben zu Bruch gegangen sein.

Mit Material von dpa und AP

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