Im Schulmuseum: DDR-Unterricht mit Pionierhalstuch und Erich-Bild
Im Museum findet eine DDR-Stunde statt. Museumsdirektorin Elke Urban persönlich gibt die freundlich-strenge und systemtreue Unterstufenpädagogin einer Polytechnischen Oberschule. Sie hat sich ein graues Dederon-Kunstfaser-Kostüm angezogen und trägt unmodische schwarze Schuhe. Ihre dritte Klasse besteht aus einer munteren Truppe 18-jähriger Gymnasiasten aus Bautzen.
Ihre Stunde habe sie "aus eigenen Erinnerungen und Unterrichtshilfen" zusammengebaut, sagt Urban: "Der Tonfall ist original, auch die Ideologisierung und Manipulation der Kinder."
Nachdem sie mit den Schülern den Besuch bei der Patenbrigade - einer Gruppe von "Werktätigen", die einer DDR-Klasse hilfreich zur Seite stehen sollte - besprochen hat, konfisziert sie ein Mickey-Mouse-Heft und schickt einen Schüler raus, weil er ein T-Shirt aus dem Westen trägt. Eher wie zu sich selbst sagt sie: "Sei froh, dass das nicht der Direktor gesehen hat."
Der Nichtpionier wird konsequent ignoriert
Doch Klamauk ist das alles nicht. Das Museum, das sein Domizil ausgerechnet in einem 1957 errichteten Gebäude der früheren Stasi-Hauptverwaltung hat, verfolgt mit dem Unterricht einen ernsthaften Zweck. Denn fast alle heutigen deutschen Schüler wurden nach dem Mauerfall geboren und wissen nur noch wenig über den realsozialistischen Alltag der DDR - die in Ostdeutschland oft sogar noch weniger als im Westen.
Eine umfangreiche Untersuchung Berliner Forscher zeigte kürzlich, dass viele Schüler die DDR für eine Art Sozialparadies halten, dass es unter Erich Honecker demokratische Wahlen gab - oder sie glauben sogar, dass die Bundesrepublik die Mauer gebaut hat.
Wie es im Unterricht bei ihren eigenen Eltern zuging, können sich Jugendliche oft ebenfalls nicht konkret vorstellen. Elke Urban bringt es den Besuchern plastisch nahe. Sie fordert die Schüler auf, Handlungsspielräume zu suchen, die sich in ihrem autoritären Auftritt als DDR-Lehrerin auftun.
Die Bautzner Schüler springen einander tatsächlich immer wieder helfend bei. Schülerin Kerstin fragt, ob Georgs Oma eine Kriegstreiberin sei, nur weil sie aus dem Westen komme. Und die Schüler weisen die Lehrerin vehement darauf hin, dass sich Georg schon eine ganze Weile meldet. Urban, in ihrer Rolle als DDR-Pädagogin, ignoriert den Nichtpionier geflissentlich.
Der Nichtpionier war das schwarze Schaf
"Die betuliche Grundschullehrerin ist eine ganz spezielle Rolle, die ich erst lernen musste", sagt Urban. Sie selbst war nur vier Jahre lang, bis 1979, Lehrerin für Musik und Französisch. Nach der Geburt ihrer fünf Kinder kehrte sie nicht in den Schuldienst der DDR zurück. 1990 kam sie ins Leipziger Schulverwaltungsamt.
Als "Haupt- und Mittäterin", wie sie sagt, brachte sie vier freie Schulen in Leipzig auf den Weg. "Mein Sohn war Nichtpionier und schwarzes Schaf von Anfang bis Ende. So wusste ich 1989 ganz genau, welche Art Schule ich nicht mehr wollte."
Im Jahr 2000 wurde sie Direktorin des Schulmuseums und begann, das Thema "Schule in der Diktatur" aufzuarbeiten. Neben dem DDR-Unterricht beschäftigt sie die Schule in der Zeit des Nationalsozialismus, in einer Ausstellung behandelte sie das Verschwinden der jüdischen Nachbarskinder in Leipzig. Doch eine inszenierte Schulstunde der NS-Zeit kann sie sich nicht vorstellen: "Solange es Neonazis gibt, scheidet das aus."
Der Nichtpionier nimmt die Entschuldigung an
Das Leipziger Museum sei das einzige, das DDR-Unterricht nachspiele, sagt Urban. An den schätzungsweise 80 deutschen Schulmuseen gehörten zwar Inszenierungen von historischem Unterricht aus der deutschen Kaiserzeit "zum Kerngeschäft", an die sozialistische Schule aber traue sich niemand heran.
"Um diese Stunde zu spielen, braucht man großen Abstand. Es gibt Lehrer, die haben große Angst vor dem Aufbrechen der Erinnerung", sagt Elke Urban.
Bei der Nachbesprechung der Stunde in einem Nachbarraum sieht man Urban an, dass ihr die Rolle der gängelnden Lehrerin sichtliches Unbehagen bereitet hat. Sie entschuldigt sich bei Nichtpionier Georg. Der nimmt die Entschuldigung an: "Das war grad ein hartes Los." Die ihn begleitende Geschichtslehrerin Ulrike Wiezorek sagt: "Das war wie ein Spiegel für mich."
Bevor Museumsdirektorin Urban die Schüler verabschiedet, macht sie klar, dass sie nur eine Unterrichtsweise von vielen möglichen in der DDR inszeniert habe: "Bitte auch an die Lehrer denken, die anders waren."
Auf Urbans Frage an die Klasse, warum die Schüler nicht offensiver für Georg eingetreten seien, sagt die 18-jährige Kerstin: "Man kommt schon an seine Grenzen, wenn einem so eine nette Grundschullehrerin überzeugend erklärt, wer der Klassenfeind ist. Dafür fällt mir nur ein Wort ein: Das war subtil."
Robert Schimke, ddp
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