SPIEGEL ONLINE: Frau Goetsch, Sie planen eine Mammutreform. Wieso brauchen Hamburgs Schulen so umfassende Veränderungen?
Christa Goetsch: Wir haben in Hamburg ein typisches Großstadtphänomen: Über 30 Prozent der Schüler gehören mit 15 Jahren zur sogenannten Pisa-Risikogruppe. Auf der anderen Seite brauchen wir mehr hochqualifizierte Leute, allein in Hamburg fehlen über 1500 Ingenieure. Die beruflichen Perspektiven und Chancen der Kinder zu verbessern, ist Ziel der Reform.
SPIEGEL ONLINE: Gymnasien fürchten, starke Schüler nicht mehr gut fördern zu können, wenn sie zwei Klassenstufen an die Primarschulen verlieren.
Goetsch: Wir wissen aus allen Studien, dass Heterogenität förderlich ist für das Lernen - und zwar auch für stärkere Schüler. Insofern sollten sich jene, die sagen, leistungsstärkere Schüler würden an Primarschulen von leistungsschwächeren gebremst, ehrlich fragen, was sie wirklich meinen. Ob sie nicht eine Abschottung wollen von Kindern anderer Herkunft. Das ist die eigentliche Frage.
SPIEGEL ONLINE: Es kursieren konkrete Befürchtungen. So können Schüler am Gymnasium Süderelbe das deutsch-französische AbiBac ablegen. Dort glaubt man, dass keine bilingualen Klassen mehr zustande kommen, weil die Schüler nach der Primarschule in Klasse sieben nicht ausreichend vorbereitet sind in Französisch.
Goetsch: Künftig können die Französischlehrer des Gymnasiums in den umliegenden Primarschulen schon in Klasse vier beginnen. Sie haben also sogar eine Klasse mehr, in der sie Schüler kennenlernen und schauen können, wer Interesse an Französisch hat. Auch musische und naturwissenschaftliche Profile kann man schon in der Primarschule starten. Die Angst an den Gymnasien, es fehle ihnen die fünfte und sechste Klasse für den Leistungserfolg, wird sich als unbegründet herausstellen.
SPIEGEL ONLINE: Bisher ist aber das Einzugsgebiet größer, sagen Gymnasien und befürchten, dass die Schülerzahlen für siebte Klassen mit bestimmten Profilen nicht mehr reichen.
Goetsch: In allen Bildungsregionen muss das Fremdsprachenangebot den Einstieg zum Beispiel auch in ein humanistisches Gymnasium möglich machen. Wir werden in jeder Primarschule in der Region Französisch, Latein, Spanisch und weitere Sprachen haben.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Primarschulen in den Gebäuden von Gymnasien oder Stadtteilschulen untergebracht sind, werden viele Primarschüler anschließend dort bleiben. Wird die Entscheidung für eine Primarschule zur Vorentscheidung für den weiteren Bildungsweg? Müssen sich also schon die Eltern von Vierjährigen künftig sehr genau umsehen?
Goetsch: Wir werden eine ganze Reihe Primarschulen haben, die auf dem Gelände von Gymnasien oder Stadtteilschulen liegen. Sie nutzen nur die Räume - das ist unkompliziert. Es wird auch Langformschulen mit Kooperationen zwischen Primar- und weiterführender Schule geben, etwa beim Lehrereinsatz. Auch dann ist aber nach Klasse sechs ein Schnitt. Die Primarschule ist pädagogisch wie organisatorisch eigenständig, mit eigener Leitung. Es ist doch eine bloße Vermutung, dass Kinder prioritär eine Gymnasialempfehlung bekommen, nur weil sie in den Klassen vier bis sechs im Gebäude einer weiterführenden Schule lernen. Das wäre mal eine Untersuchung wert.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie schließen diesen Effekt nicht aus?
Goetsch: Die Frage ist, ob man was dagegen hat, wenn dann mehr Kinder in Gymnasien nach zwölf Jahren Abitur machen.
SPIEGEL ONLINE: Die Nachfrage an solchen Primarschulen könnte riesig sein - größer als ihre Aufnahmefähigkeit.
Goetsch: Dann würde nach Wohnortnähe entschieden. Das ist jetzt auch schon so.
SPIEGEL ONLINE: Und wer nicht in der Nähe solcher Primarschulen wohnt, hat Pech gehabt?
Goetsch: Ach was, das ist kein Problem. Ich glaube, dass die Mischung der Kinder besser wird. Wir werden natürlich nie die sozialen Unterschiede mit der Schule komplett ausgleichen können, weil wir nicht die Stadtteile umbauen können. Aber wir werden immer Kinder haben, die Gymnasialempfehlungen bekommen, übrigens nach Prognosen mehr als jetzt. Heute gehen 50 Prozent aufs Gymnasium - und 20 Prozent werden wieder hinausgeworfen, weil die Prognose nicht stimmt. Mit 12, 13 Jahren ist das Kind auf jeden Fall stabiler, das zeigt die Erfahrung aus den Niederlanden und der Schweiz.
SPIEGEL ONLINE: Der Übergang nach Klasse sechs stößt auch auf Kritik, weil allein die Zeugniskonferenz entscheiden soll und die Eltern nicht mitreden können.
Goetsch: Die Zeugniskonferenz wird in der sechsten Klasse nach intensiver Beratung mit den Eltern eine Empfehlung aussprechen, ob es in Richtung Abitur nach 12 Jahren oder nach 13 Jahren geht. An der Primarschule unterrichten auch Kollegen der weiterführenden Schulen. Dadurch wird es ein anderes Entscheidungsteam als bisher an der Grundschule - mit einer profunderen Diagnosekompetenz. Ich verspreche mir viel davon, dass alle Kollegen miteinander arbeiten und dieses ständische Denken bei den Lehrern überwinden: hier die Grundschullehrer, dort die Hauptschul- und dort die Gymnasiallehrer.
SPIEGEL ONLINE: Die größte Herausforderung sind Schüler, die ohne jeden Abschluss die Schulen verlassen. Sind nicht besserer Unterricht, bessere Betreuung und Ausstattung viel wichtiger als die Schulstruktur?
Goetsch: In den Haushaltsverhandlungen haben wir erreicht, dass in dieser Legislaturperiode 165 Millionen Euro Betriebsmittel in den Schulbereich investiert werden. Das Geld fließt in Lehrerstellen und -fortbildung. Ich kann keine Strukturreform machen, ohne die Unterrichtsqualität zu verändern. Das heißt moderne Pädagogik, kleinere Klassen, Lernkultur mit dem Schwerpunkt individualisierter Unterricht. Zudem sollen Lehrer lernen, Kompetenzen der Schüler zu beschreiben und nicht mehr nur punktuelles Wissen. Das nützt aber nichts, wenn Sie die Kinder mit ihren verschiedenen Fähigkeiten getrennt unterrichten. Nicht umsonst haben wir jetzt die isolierte Hauptschule abgeschafft. Denn ein besserer Unterricht erzielt nicht den gewünschten Erfolg, wenn man die Kinder in einem anregungsarmen Lernmilieu belässt.
SPIEGEL ONLINE: Würden dann nicht die beiden Säulen Gymnasium und Stadtteilschule reichen? Warum riskiert die schwarz-grüne Koalition eine massive Eltern-Rebellion gegen die neue sechsjährige Primarschule?
Goetsch: Da sind wir bei den europäischen Standards. Deutschland ist inzwischen das einzige Land, das sich anmaßt, schon unter zehnjährigen Kinder zu selektieren. Das ist zu früh, vor allem die Jungs sind durch ihre spätere Entwicklung benachteiligt. Es sind also zwei Schienen, die zueinander gehören: die qualitative Entwicklung mit konsequent individualisiertem Unterricht und das längere gemeinsame Lernen. Wer sagt, dass diese Reform Geld verschleudert, hat demagogische oder populistische Ambitionen.
SPIEGEL ONLINE: Eltern wehren sich in zwei rivalisierenden Gruppen gegen die Schulreform. In der Regierungsverantwortung müssen Sie stets Rücksicht nehmen auf den Koalitionspartner CDU. Wie sehen Sie die Initiative "Eine Schule für alle", die für die Gemeinschaftsschule eintritt?
Goetsch: Ich war Mitinitiatorin der Initiative und befürworte die direkte Demokratie. Aber jetzt bin ich Schulsenatorin für alle Eltern, alle Kinder, alle Lehrer - und wir haben uns in einem Regierungsprogramm auf diese Schulreform verständigt. Ich bin überzeugt, dass das ein guter Weg ist, weil wir die Selektion der zehnjährigen Kinder überwinden. Vielleicht ist es sogar die goldene Mitte.
SPIEGEL ONLINE: Die schwarz-grüne Koalition könnte eine kurze Episode bleiben - und die nächste Hamburger Regierung die große Schulreform kurzerhand kassieren...
Goetsch: Es gibt kein Zurück mehr. Dass es nur noch zwei weiterführende Schulen gibt, ist parteienübergreifend Konsens und die Dreigliedrigkeit Geschichte. Zum anderen: Die Zeit arbeitet für uns. Schon jetzt unterstützt uns zum Beispiel der Unternehmensverband Nord, auch in pädagogischen und wissenschaftlichen Kreisen wächst die Unterstützung. Das Rad kann nicht zurückgedreht werden, das ist vorbei.
Das Interview führte Birger Menke
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So etwas nennt man dann wohl die Quadratur des Kreises. Mit anderen Worten, es ist unwirtschaftlich. Es wird Bildungsideologie betrieben, die mit größeren finanziellen Mitteln realisiert werden muss. Sind die [...] mehr...
Für was ist das relevant? Wann haben diese Damen und Herren das letzte Mal vor einer Klasse gestanden? Die sind so gut oder schlecht wie Herzchirurgen, der vor 15 Jahren zum letzten Mal am Tisch gestanden haben, und nun nach [...] mehr...
Verehrte/r namlob, das war nicht die Intention meines Beitrags. Mir geht es um die einschlägig bekannten akademischen Dünnbrettbohrer auf ihren Didaktik- und erziehungs"wissenschaftlichen" Lehrstühlen. Diesem [...] mehr...
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