• Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.10.2008
 

Bildungsgipfel

"Frau Merkel, jetzt ist Zeit für einen Dialog"

Gerade mal für zwei Stunden treffen sich die Regierungschefs zum groß angekündigten Bildungsgipfel. Der Rest des Tages ist ein ausgedehnter Fototermin, bei dem Kanzlerin Merkel und Bildungsministerin Schavan den Dialog mit Schülern simulieren. Die Bildungsshow trägt Züge von Loriot-Szenen.

Dresden - "Was möchtest du denn später einmal werden?", fragt Bundesbildungsministerin Annette Schavan mehrere Fünfjährige. "Reiterin", antwortet ihr ein kleines Mädchen. Leicht irritiert wendet sich Schavan dem nächsten Kind zu, das ihr erklärt, "Tierärztin nur für Katzen und Eulen" werden zu wollen. "Möchtest du uns sonst noch etwas sagen?", erkundigt sich die Ministerin aufgeschlossen. "Nein", entgegnet das Kind.

Kanzlerin Merkel: Was wünschen sich Schüler?
DPA

Kanzlerin Merkel: Was wünschen sich Schüler?

Die Szene erinnert an Loriot und spielt sich ab beim "Schülerdialog des Netzwerks Wissensfabrik", der dem Bildungsgipfel in Dresden vorgeschaltet ist. Heerscharen von Journalisten warten ungeduldig darauf, dass Schavan, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesarbeitsminister Olaf Scholz und die 16 Ministerpräsidenten sich zu einem Gespräch treffen, das lediglich zwei Stunden dauert, aber als "nationaler Bildungsgipfel" firmiert. Zuvor können sie erfahren, wie sich Kinder und Jugendliche Bildung wünschen.

Monatelang haben Bund und Länder über Bildungskompetenzen und -finanzierung gestritten und versucht, sich auf eine Erklärung zu einigen, mit der alle leben können und bei der keiner sein Gesicht verliert. Mathematisch formuliert: der kleinste gemeinsame Nenner. Derweil haben Schüler im ganzen Land sich Gedanken gemacht, wie das ideale Klassenzimmer aussieht und was einen perfekten Schulalltag ausmacht.

Das Ganze geschah im Rahmen des Netzwerks Wissensfabrik, in dem 67 Unternehmen in mehr als 900 Partnerschaften mit Schulen und Kindergärten zusammenarbeiten. Ein paar Dutzend Kinder und Jugendliche aus Kindergärten, Grundschulen, Realschulen und Gymnasien in Deutschland sind mit Ideen angereist, um der Politik beim Bildungsgipfel unter die Arme greifen.

"Wir sehen: An der Schule bewegt sich was!"

Nun also haben sie die einmalige Gelegenheit, Politikern ihr Anliegen vorzutragen. Schavan ist zuerst dran: Nacheinander schaut sie sich an, was vier verschiedene Altersgruppen erarbeitet haben, und wirft im Licht der Fernsehkameras und Fotoapparate die eine oder andere Frage ein. Die Fünfjährigen erzählen ihre Berufswünsche, die Grundschüler erklären, was sie sich vom Unterricht wünschen, Schüler einer 6. Klasse haben ihr Wunschklassenzimmer im Miniformat gebaut. Und Zehntklässler führen ein kurzes Theaterstück auf, mit dem sie zeigen, wie sie sich die ideale Schule vorstellen.

Danach fragt Schavan die Schüler, ob sich denn an ihrer Schule in den letzten Jahren etwas positiv verändert habe. Es gebe mehr AGs, die Schüler hätten Interesse an Sprachen, und wegen der Ganztagsschule sei jetzt auch eine Mensa gebaut worden, bekommt sie zu hören. "Wir sehen: An der Schule bewegt sich was!", ruft die Ministerin begeistert. Danach entsteht kurz eine peinliche Stille, bevor der Tross weiterwandert zu Auszubildenden des Chip-Herstellers AMD, in dessen Räumlichkeiten der Gipfel stattfindet.

Wenig später treffen Merkel, Scholz und die Ministerpräsidenten ein - und das ganze Spiel beginnt von vorn. Mit dem Unterschied, dass nun Merkel im rosa Jackett inmitten von Schülern und grau gekleideten Herren sitzt und die eine oder andere Frage einwirft.

Abhängen, bis der Bus kommt

"Frau Merkel, jetzt ist Zeit für einen Dialog", ruft ihr eine Mitarbeiterin des Projekts zu. "Ja, warum nicht?", antwortet die Kanzlerin. Und so plaudert sie mit Grundschulkindern auf Englisch und hört sich an, dass Sechstklässler auch gerne einen "Chill-out-Raum zum Abhängen" hätten - "auch wegen der vielen Buskinder". Merkel nickt wissend, als sei ihr das Thema "Abhängen, bis der Bus kommt" bestens vertraut.

Kanzlerin Merkel (rechts), Bildungsministerin Schavan: Schnell, schnell zum nächsten Fototermin
Zur Großansicht
DPA

Kanzlerin Merkel (rechts), Bildungsministerin Schavan: Schnell, schnell zum nächsten Fototermin

Peer-Ole geht noch in die Kita, für die Zukunft hat er sich aber viel vorgenommen. Bauarbeiter will er werden - aber nur montags und mittwochs bis freitags. Am Wochenende plant er eine Karriere als Eismann, und "immer am Dienstag" als Polizist. So viel Flexibilität stößt auch bei der Bundeskanzlerin auf Begeisterung. Sie schaut sich die Ideen der Kinder an, lugt in Klassenzimmer aus Pappe und plaudert im Eiltempo mit Schülern.

"Wir hatten Spaß und wir mussten arbeiten", erklärt der Sechstklässler Josua, der in Teamarbeit ein kleines Klassenzimmer erstellt hat. "Wir hatten Spaß daran, dass wir zusammenarbeiten durften", präzisiert er anschließend brav. Josua und sein Freund Sven kommen aus der Nähe von Stuttgart. Josua und Sven hätten die deutsche Bildungsmisere längst gelöst - ganz ohne Streit um Geld und Zuständigkeiten. Bei ihren Vorschlägen sind sich die Sechstklässler einig: Sie wollen mehr Bewegung in der Schule, mehr Entscheidungsfreiheit, was man lernen will, mehr Vielfalt im Unterricht - und eine "Chill-out-Ecke" im Klassenzimmer.

"Damit der Lehrer auch was zum Ausruhen hat"

Das "perfekte Kassenzimmer" von Josua und Sven besteht noch aus Pappkarton, Holzstücken und Stoffresten. Der Boden ist rot, die Wände blau, an den Fenstern hängen bunte Vorhänge, Pflanzen ranken durch den Raum, und auf einer zweiten Ebene über den Tischen und Stühlen steht ein großes rosafarbenes Sofa. "Da kann man sich zwischendurch ausruhen", sagt Sven.

Neben dem Sofa ist viel Platz zum Toben. Kein Vergleich zu ihrem Klassenzimmer im richtigen Leben. "Da ist alles weiß und grau und unbequem", mosern die beiden. Auch an die Lehrer haben sie bei ihren Plänen gedacht. Das Lehrerpult ist rot, extra breit und weich gepolstert - gerade ausreichend, um erschöpft darauf zusammenzusacken. "Damit der Lehrer auch was zum Ausruhen hat", sagt Josua.

Hellhörig wird die Kanzlerin, als ein paar Gymnasiasten vorschlagen, dass sich Schüler ihre Lehrer selbst aussuchen - und auch den Zeitpunkt, wann sie ihre Prüfungen machen wollen. Merkel hakt nach und verfällt in Verhandlungstaktik. "Wäret ihr denn mit einem Zeitlimit einverstanden?", fragt sie. Schließlich dürfe die Schulzeit nicht bei jedem gleich zwei Jahre länger dauern. Die Schüler nicken - und Merkel grinst zufrieden. Für sie ist es eines der wenigen Verhandlungsergebnisse beim Bildungsgipfel, das ganz ohne Gegenwehr zustande kommt.

Noch einmal bricht heftiges Blitzlichtgewitter aus, als die Physikerin Merkel in das Mikroskop der AMD-Azubis schaut. Dann ruft BASF-Chef Jürgen Hambrecht den Kindern laut zu: "Danke, dass ihr hergekommen seid - es war einfach superklasse!" Auch Merkel bedankt sich bei den Kindern, und der ganze Tross rauscht ab, um beim Bildungsgipfel abzuhängen. Bis der Bus kommt, der die Teilnehmer zum nächsten Programmpunkt bringt.

jol/AP/ddp

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 221 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
30.06.2011 von Blaue Fee: Genial!

Das haben wir hier seit knapp 30 Jahren. Schreibschrift schreibt inzwischen ausschliesslich die Privatschulenkundschaft, die staatlichen Schüler können nur Druckschrift, so wie sie auch nur die Landessprache lesen und schreiben [...] mehr...

30.06.2011 von discipulus: ?

Hamburg bleibt auf halbem Wege stehen. Wozu überhaupt schreiben lernen? Bildungsexperten empfehlen aufgrund valider Längs- und Querschnittstudien schon seit Längerem Pantomime und Pictogramm. Die Einlassungen des Senators [...] mehr...

30.06.2011 von Rums: In Hamburg sind die Nächte lang

In der Kaufmannsstadt HAMBURG ist es jetzt möglich, von der Schulseite her, die Schreibschrift abzuschaffen. Natürlich folgt man hier wieder den neuesten pädagogischen Erkenntnissen, so daß wir bald nur noch Abiturienten [...] mehr...

30.06.2011 von Neurovore:

Die Unterrichtsboxen sind ja nur übergangsweise notwendig. Dank der Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung des Bildungsmarktes, sowie dessen Öffnung für osteuropäische Fachkräfte ("Komm näherrr, Hibscherrr, ich [...] mehr...

30.06.2011 von hjm:

Die Ausstattung sollte individuell den Vorlieben der örtlichen Klientel angepasst werden. Vielleicht mag der eine eher eine Seidentafel mit Plüschkissen, der andere eher die härtere Variante aus Holz und Leder. Eine [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Wissen

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...






TOP



TOP