Sonntag, 22. November 2009

SchulSPIEGEL



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18.11.2008
 

Pisa-Verlierer Bremen

"Unsere Aufholjagd hat sich gelohnt"

Bremen ist das Armenhaus Deutschlands - und schon zum dritten Mal Pisa-Schlusslicht. Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper sieht trotzdem Erfolge. Im Interview erklärt die SPD-Politikerin, wie Bremer Schulen in den nächsten Jahren den Anschluss finden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Bremen ist bei Pisa-E wieder mal das Schlusslicht. Erneut haben die 15-Jährigen in Ihrem Bundesland in allen drei getesteten Bereichen - Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen - bundesweit die geringsten Kompetenzwerte. Haben Sie sich schon an diese Misere gewöhnt?

ZUR PERSON

DPA
Renate Jürgens- Pieper, 57, ist seit 2007 Bildungssenatorin in Bremen. Weil der Stadtstaat zum dritten Mal in Folge Schlusslicht im Pisa- Ländervergleich war, plant sie für den rot- grünen Senat derzeit eine Schulreform zum Sommer 2009. Zuvor war Jürgens- Pieper bis 2003 Kultusministerin in Niedersachsen.
Renate Jürgens-Pieper: Auf keinen Fall. Wir haben kleine Erfolge und wurden gelobt, weil wir den Anschluss in Lesen und in Mathematik gefunden haben. Das wird die Schulen weiter motivieren. Aber dieses Lob befriedigt uns natürlich nicht. Immerhin: Wir sind nicht abgehängt worden, unsere Aufholjagd hat sich gelohnt.

SPIEGEL ONLINE: Aufholjagd? Bremen hat lediglich ein paar Punkte gutgemacht und sich von ganz, ganz schlecht auf ganz schlecht verbessert. Was hat denn das Land nach den verheerenden Pisa-Ergebnissen der letzten Studien unternommen?

Jürgens-Pieper: Wir haben die Unterrichtszeiten verlängert und die Lernzeiten ausgeweitet, sowohl in den Ganztagsschulen als auch mit Lerncamps im Sommer und zu Ostern. Wir haben die Wiederholer-Quoten gesenkt, weil Sitzenbleiben demotiviert. Und wir haben verstärkt Schulschwänzer von den Straßen geholt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Bremens Pisa-Ergebnisse dann weiterhin so miserabel?

Jürgens-Pieper: Wir haben noch immer extrem schlechte Voraussetzungen: Bremen liegt bei der Erwerbslosigkeit und bei der Armut im bundesweiten Vergleich ganz hinten, das wirkt sich auf den Lernerfolg der Kinder aus. Die schwierige Haushaltslage macht die Finanzierung von Bildung nicht leichter.

SPIEGEL ONLINE: Sie planen die Abschaffung der Hauptschule. Die Pisa-Studien treffen jedoch keine klare Aussage, ob Bildungserfolg eine Frage des Systems und der Schulformen ist.

Jürgens-Pieper: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Lerngruppen, die stark in verschiedene Leistungsklassen gegliedert sind, und schlechten Ergebnissen. Wir müssen darauf achten, dass wir Schüler stärker zusammenfassen und nicht an Hauptschulen Gruppen haben, die fast nur noch aus Migranten bestehen. Das hat zwar auch mit der Gestaltung des Unterrichts zu tun, aber die strukturelle Frage können wir nicht außen vor lassen. Wir wollen für Bremen nur noch zwei Schularten mit Abiturperspektive: das Gymnasium und eine weitere Schule, die das Abitur in neun Jahren anbietet.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie die Umbaupläne für die Hamburger Schulen, auch der Pisa-Vorletzte Hamburg will die Hauptschulen abschaffen. Zweiter Sieger der Pisa-E-Studie ist aber das strukturkonservative Bayern. Geben die bayerischen Ergebnisse nicht vielmehr dem dreigliedrigen System inklusive Hauptschule recht?

Jürgens-Pieper: Das werden wir sehen. Auch in Bayern diskutiert man die Hauptschule. In einem Flächenland herrschen ganz andere Verhältnisse als in einem Stadtstaat wie Bremen. Wir haben hier in manchen Stadtteilen extrem schwierige Ausgangsbedingungen, die man in anderen Bundesländern nicht findet, auch in Sachsen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sachsen ist jetzt Spitzenreiter, auch die anderen ostdeutschen Bundesländer konnten punkten. Was kann der Westen vom Osten lernen?

Jürgens-Pieper: In den Naturwissenschaften haben die Ostländer eine lange Tradition. Im Stundenplan stehen dort mehr Naturwissenschaften, wie das schon an den Polytechnischen Oberschulen zu DDR-Zeiten der Fall war. Wir haben Forscher gebeten zu ermitteln, was in den Ostländern besser funktioniert als hier.

SPIEGEL ONLINE: Ist mehr Schule und mehr Unterricht ein Weg, um die Leistung der Schüler zu verbessern?

Jürgens-Pieper: Ja, die Stundenzahl eines Kindes von der fünften bis zur neunten Klasse hängt direkt mit dem Lernerfolg zusammen. Es kommt natürlich auch darauf an, was im Unterricht stattfindet - aber dass überhaupt Unterricht stattfindet, ist noch viel entscheidender.

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SPIEGEL ONLINE: Warum schneidet Bremen bei der Sprachkompetenz der 15-Jährigen so schlecht ab?

Jürgens-Pieper: 30 Prozent der Eltern in Bremen haben eine unterdurchschnittliche Bildung. Diese Eltern haben keinen Abschluss einer weiterführenden Schule. Auch da sind wir im Bundesvergleich Letzter, das hat Auswirkungen auf den Spracherwerb.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das besser werden?

Jürgens-Pieper: Ich plane, ab August nächsten Jahres verpflichtenden Deutschunterricht für all jene Kinder einzuführen, die vor der Einschulung Defizite haben. Zudem werden wir beim Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule nochmals prüfen, ob die Schüler vernünftig Deutsch können - denn da kommen immer wieder Klagen aus den Schulen.

Das Interview führte Christoph Titz

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