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05.12.2008
 

Windeln, Welt und Wissen

"Jedes Kind ist begabt"

Kinder sind neugierig und wollen lernen - alle Kinder, sagt Donata Elschenbroich. Mit dem SPIEGEL sprach die Frankfurter Forscherin und Bestseller-Autorin über das Weltwissen der Kinder, über Muße durch Entschleunigung und die Bildungskonkurrenz ängstlicher Eltern.

SPIEGEL: Frau Elschenbroich, vor einigen Jahren haben Sie mit einem umfangreichen Kanon, was Siebenjährige gelernt und erfahren haben sollten, lebhafte Zustimmung, aber auch Proteste ausgelöst. Fühlen Sie sich nach drei Pisa-Debatten bestärkt, oder ist Ihre Aufstellung heute überholt?

Mutter und Kind: "Zeit für Kinder wäre das beste Elterngeschenk"
DPA

Mutter und Kind: "Zeit für Kinder wäre das beste Elterngeschenk"

Donata Elschenbroich: Es ist ein offener Kanon, der ständig erweitert werden sollte. Dazu gehören Dinge wie: mal in einen Bach gefallen sein, etwas reparieren, Sinfonien mitdirigieren, Sahne schlagen, eine Batterie auswechseln, bei einer fremden Familie übernachten, über einen Friedhof spazieren, Kochrezepte umsetzen, Lieder in fremder Sprache singen können, Sternbilder erkennen. Ich habe den Kanon als Selbstverpflichtung verstanden. Eltern sollten wissen: Es gibt einen Grundbestand an Erfahrungen, der Kindern zusteht. Nicht alle Kinder müssen alle Erfahrungen gemacht haben, aber keine sollte von vornherein ausgeschlossen sein. Ein Streichholz anzünden sollte jedes sechsjährige Kind können.

SPIEGEL: Viele dieser Lernziele betreffen die soziale Kompetenz: Baby wickeln, Betten beziehen, eine Wunde versorgen. Derzeit debattieren Lehrer, Politiker und Eltern aber noch mehr darüber, dass Kinder möglichst früh möglichst viel kognitives Wissen erwerben sollen.

Elschenbroich: Ich weiß nicht, ob man das so trennen kann. Gerade in der Kindergartenzeit ist Lernen stark sozial vermittelt. In altersgemischten Gruppen, die ja in Deutschland inzwischen zum Glück die Regel sind, lernen Kinder voneinander und erwerben nebenbei Fähigkeiten wie, hier als Beispiel, mit Stäbchen zu essen.

SPIEGEL: Damals spielten Naturwissenschaften im Kanon noch nicht die Rolle, die sie in der heutigen Diskussion haben.

Elschenbroich: Bei der Erforschung der Natur, die uns damals schon wichtig war, ergibt sich ein idealer Lernzusammenhang, weil gleich die Erwachsenen mitlernen können. Bei Fragen wie: "Woher kommt der Donner?" stößt man selbst an seine Grenzen. Das lieben Kinder. Gesprächspausen und Wissenslücken sind ja nur uns Großen peinlich. Sie finden es toll, wenn sie die Erwachsenen an der Angel haben. Kinder lieben die Bewegung des Suchens und Fragens, so baut sich Tag für Tag ihr Wissen auf, viel mehr als durch Instruktion oder das Nachschlagen von Fakten.

SPIEGEL: Die 68er wollten ihre Kinder möglichst frei aufwachsen lassen. Nach dem Pisa-Schock fragen Eltern heute ängstlich, ob ihre Kinder leistungsbereit und globalisierungstauglich sind.

Elschenbroich: Ich weiß nicht, ob die Pisa-Ergebnisse so eindeutig zu werten sind. Die Studien zeigen doch, dass die Pisa-Gewinner nicht nur auf Schulleistung gedrillt sind, sondern in Alternativen denken und Probleme kreativ lösen können. Gerade die Japaner, die ja immer gut abschneiden, legen im Mathematikunterricht großen Wert auf alternative Lösungswege.

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, Ihr Appell für ein reichhaltiges Wissen und mehr Phantasie im Umgang mit Kindern ist bei Eltern und Erziehern angekommen?

Elschenbroich: Die meisten deutschen Kindergärten sind für die Kinder heute anregender als früher. Derzeit erarbeiten wir beispielsweise in vielen Kindergärten gemeinsam mit Erziehern sogenannte Portfolios. Das sind individuelle Bildungstagebücher, in denen gesammelt und dokumentiert wird, was jedes einzelne Kind während seiner Kindergartenzeit gelernt und erfahren hat. Die Erzieher schauen das Kind genauer an, um seinem Temperament gerecht zu werden. Welche Möglichkeiten bringt dieses Kind mit, welche Angebote machen wir ihm? Ich finde es wichtig, dass das erste Buch, das man hat, eines über einen selbst ist. Und da wir ja alle ziemlich eitel sind, kommt dieses Projekt gut an. Die Kinder mögen ihre Portfolios.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass es neben vielen guten Kitas so viele schlechte gibt? Haben die guten einfach mehr Personal?

Elschenbroich: Das fragen wir uns immer wieder beim Filmen, Otto Schweitzer und ich: Wieso ist es in diesem Kindergarten so lebendig, und woher haben die Kinder und Erwachsenen diese ansteckende Bildungslust? Und im Nachbarkindergarten bleibt die Zeit stehen, obwohl es dort nicht weniger Personal gibt! Manche Erzieher möchte man so richtig schütteln. Und andere beeindrucken immer wieder durch ihre Selbstlosigkeit. Die Fortbildungsbereitschaft in dieser Berufsgruppe ist einfach unglaublich. Obwohl Fortbildung keine Karriere- oder Aufstiegsvorteile bringt, strömen viele Erzieher am Wochenende in solche Veranstaltungen.

SPIEGEL: Wie müsste die Ausbildung reformiert werden?

Elschenbroich: Sie muss auf demselben Niveau angesiedelt sein wie die Lehrerausbildung und denselben professionellen Status verleihen. In den Ländern, in denen auf Hochschulstudium umgestellt wurde, bewerben sich übrigens prompt mehr Männer für den Beruf. In Japan werden Krippen- und Kindergartenerzieher seit 20 Jahren an Colleges oder Universitäten ausgebildet. Die Pädagogen im Kindergarten haben dasselbe Anfangsgehalt und den gleichen ehrenvollen Titel wie ein Universitätsprofessor.

SPIEGEL: Wie kann ein Kind, das Stunden vor dem Fernseher verbringt, sich einen Kanon des Weltwissens erobern?

Elschenbroich: Es gibt ja derzeit die Diskussion um die Kindergartenpflicht. Ich finde die Haltung der Kirche vernünftig, die zunächst die Kitas beitragsfrei machen will, um danach die Diskussion über eine Kita-Pflicht neu zu führen. Was die bildungsfernen Schichten betrifft, tut sich wirklich eine Kluft auf. Man kann die sogenannten bildungsfernen Familien nicht alle über einen Kamm scheren, etwa weil sie beispielsweise einen Migrationshintergrund haben. Die meisten dieser Familien haben hohe Bildungserwartungen für ihre Kinder. Aber sie erwarten alles von den öffentlichen Institutionen, von Kindergärten und Schulen. Sie haben keine Vorstellung davon, wie man zu Hause Bildungserlebnisse anstoßen kann. Diese Eltern müssen erst erfahren, was informelles Lernen ist, müssen verstehen, dass sie auch Bildungsbegleiter ihrer Kinder sind, ob sie nun Fernsehen gucken oder Wäsche legen. Niemand hat ihnen gesagt, dass das Sortieren von Socken am Wäscheständer etwas mit Mathematik zu tun hat. Oder dass man die Kinder beim Kochen am Pfefferminzbüschel riechen lassen kann und darüber ins Gespräch kommt.

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15.12.2008 von GeneralPatton:

Da stimme ich ihnen natürlich zu. So hatte ich das aber auch gar nicht gemeint. Nur sollte man wenigstens versuchen zumindest ein bisschen Interesse aufzubauen und nicht die Schüler mit dem Fach erschlagen, was gerade im [...] mehr...

15.12.2008 von daniel42er: Jedes Kind muss nach 10Jahren lesen, schreiben und rechnen können....

Was wir in Deutschland bräuchten sind klare Richtlinien und Standards, die in Hamburg genauso gelten wie in Jena oder München. Warum kocht in Deutschland jedes Bundesland da seine eigene Schulsuppe? Warum entscheiden [...] mehr...

14.12.2008 von Budimko:

Ich hoffe, Sie meinen damit die Eltern und nicht Kinder. Dass die meisten Eltern Erwartungen haben, die nicht erfüllt werden können, ist nicht neu. Das gilt übrigens nicht nur für die Schule. Die Erwartungen der Kinder sind da [...] mehr...

14.12.2008 von Budimko:

Interessant nur, dass ich noch nie in meinem Leben jemanden erlebt habe, der Prozentrechnung ohne Taschenrechner gemacht hat. Also muss die ganze Übung in der Schule nur deswegen stattgefunden haben, damit irgendjemand seine [...] mehr...

14.12.2008 von Budimko:

Verwechseln Sie bitte nicht die Ursache und Wirkung, sondern seien Sie froh, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft mit der Schule als Leitbild der Zukunft und Spiegelbild dieser Gesellschaft noch "Rapper, Fussballmillionär, [...] mehr...

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