SPIEGEL: Was sagen Sie berufstätigen Eltern, die sich bei allem guten Willen schlicht überfordert fühlen von den vielen Aufgaben, die der Kanon beinhaltet?
Elschenbroich: Erstens finde ich, sie sollten froh sein, dass sie berufstätig sein können. Das zeigt den Kindern, dass ihre Eltern etwas können und dass sie Glück gehabt haben. Und außerdem sind für die vielfältigen Anregungen im Kanon auch Großeltern, Freunde, Nachbarn da. Und vor allem haben die Kindergärten ihre Aufgaben. Vieles wird besser werden, wenn Kindergärten und Schulen näher zusammenarbeiten. Dann können sich Fünfjährige bei Achtjährigen Anregungen holen.
SPIEGEL: Ist das Elterndasein heute anstrengender als vor 20 oder 30 Jahren?
Elschenbroich: Eltern-Sein ist heute anstrengend. Von manchen Eltern geht eine starke Bildungskonkurrenz aus. Ich sehe Mütter im Café, ihr Kind ist dreisprachig. Da kann einen das Gefühl beschleichen, man fällt zurück, wenn das eigene Kind nur zweisprachig aufwächst.
SPIEGEL: Wird Erziehung heute vielleicht auch hysterisiert als Tanz ums goldene Kind?
Elschenbroich: Für Kinder ist es bestimmt auch anstrengend, diese ständigen Blicke auf sich zu spüren, diese gutgemeinten, aber auch sehr erwartungsvollen Blicke. Wir wissen noch nicht, was da für eine Generation herauskommt. Eine andere als die Generation Golf, die sich später darüber beklagte, dass ihnen nur die Pyjamas angewärmt wurden.
SPIEGEL: Erziehungswissenschaftler sagen: Bindung kommt vor Bildung, auch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist eine wesentliche Voraussetzung für die Lernbereitschaft der Kinder.
Elschenbroich: Stimmt. Ich würde sogar noch die Bindung an Gegenstände miteinbeziehen. Man sollte ernst nehmen, dass Kinder die Welt auch über die Dinge erfahren, und darauf achten, dass sie eine Bindung, eine Wertschätzung zu ihnen aufbauen. In Japan etwa werden alte Gegenstände nicht einfach weggeschmissen, die Brille, der Pinsel, der Hobel werden mit Ritualen verabschiedet und beerdigt.
SPIEGEL: Was halten Sie von der zunehmenden Virtualisierung im Kinderzimmer?
Elschenbroich: Es gibt Zweijährige, die ihre Eltern damit überraschen, dass sie am Computer ihren Namen schreiben können, ehe sie richtig sprechen. Beeindruckend! Doch virtuelles Lernen löst nie die Hirnaktivität aus, die entsteht, wenn man etwas handgreiflich tut. Über die Lebenskraft einer Margerite zwischen zwei Pflastersteinen kann man nur live staunen. Per Mausklick ist das nicht zu haben.
SPIEGEL: Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind eine besondere Begabung hat?
Elschenbroich: Einer unserer Filme heißt: "Das Kind ist begabt". Damit sagen wir, dass jeder begabt ist. Je vielfältiger die Themen und Gangarten in Familie und Kindergarten sind, umso genauer wird man erkennen, auf welche Weise ein Kind begabt ist. Wasserwerkstatt, Theaterspielen, Schreibecke im Kindergarten und Großbaustelle im Garten, da können die Kinder selbst entdecken, was ihnen besonders liegt. Der Mythos, dass die Begabung einfach von selbst aufblüht, so wie in dem Roman "Schlafes Bruder", das ist ärgerlicher Kitsch. Die Vorstellung, man könnte einen Menschen die ganze Kindheit hindurch prügeln, und plötzlich leuchtet trotz allem Elend geniale Begabung auf, ist Unfug.
SPIEGEL: Gibt es heute nicht auch übereifrige Eltern, die unentwegt wunderbare Begabungen bei ihren Kindern sehen?
Elschenbroich: Man sollte sich nicht davor scheuen, als überehrgeizig zu gelten, wenn man eine Begabung entdeckt beim Kind. Das ist in Deutschland nicht so leicht, weil man sofort diskriminiert wird als jemand, der nur den eigenen Ehrgeiz bedienen und das Kind instrumentalisieren will. Früher haben sich die Eltern begabter Kinder in Initiativgruppen gern als Opfer zusammengeschlossen, nach dem Motto: "Ich bin auch betroffen, mein Kind ist leider hochbegabt." Das ist mittlerweile nicht mehr so. Eltern sollten davon ausgehen, ihr Kind ist a priori begabt, in einem Bereich vielleicht besonders. Das kann ein überdurchschnittlich hoher IQ sein, aber auch die Fähigkeit, Rollen zu spielen oder besonders gut planen und organisieren zu können. Es gibt neue Formen von Begabungen, die nicht in die alten Muster vom Geigen- oder Mathematik-Genie passen. Gerade solche Talente brauchen wir ja in der Zukunft. Vor allem auch kommunikative Begabungen.
SPIEGEL: Sie sagen, weniger ist manchmal mehr. Entschleunigung und Muße - wie lässt sich diese Forderung mit unserer schnelllebigen Berufswelt verbinden?
Elschenbroich: "Science is patience", sagen die Naturwissenschaftler. Naturforscher brauchen Zeit wie Heu. Zeit für Kinder wäre oft das beste Elterngeschenk. Zeit muss ja nicht heißen, dass alles stehen bleiben muss. Auch im Auto kann man gemeinsam über eine Frage nachdenken. Sie muss ja nicht abschließend beantwortet werden.
SPIEGEL: Viele Eltern meinen heute: "Ich frühstücke mit meinem Kind, das ist gemeinsame Quality time."
Elschenbroich: Kann schon sein. Aber der Tag hat für Kinder 12 bis 14 Stunden. Es gibt zum Beispiel diese Zeit zwischen Mutter und Kleinkind, nachdem das Baby gefüttert und gewickelt ist und die beiden sind einfach nur entspannt zusammen. Das Kind wird nicht bespielt, nicht stimuliert, und dennoch speichern Säuglinge, mit der ruhigen Anwesenheit der Mutter im Rücken, gerade in diesen Phasen viele Erkenntnisse ab. "Quiet alert" nennt man diese Stimmung in der Säuglingsforschung. Auch ältere Kinder können noch nicht alle Fragen aufschieben bis zur Stunde der "Quality time" mit den Eltern.
SPIEGEL: Was würden Sie Eltern als Wichtigstes auf den Weg geben, damit aus ihren Kindern bildungsfreudige, vielleicht auch leistungsbereite Menschen werden?
Elschenbroich: Eltern sollten überraschungsbereit bleiben, sich beeindrucken lassen von den Fähigkeiten und Begabungen ihres Kindes. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte für die Bildung und Erziehung: Einige Redewendungen sollen verschwinden. Zum Beispiel die Aussage von Lehrern, "die oder den muss ich bremsen" - das soll man nicht mehr hören müssen. Ebenso wie die Formulierung, egal, ob in der Schule oder im Parlament: "Wir sind hier nicht im Kindergarten." Und hoffentlich muss man irgendwann nicht mehr den erleichterten Stoßseufzer von Eltern dreijähriger Kinder hören: "Jetzt sind wir aus dem Gröbsten raus." Was soll das heißen? Diese ersten drei Lebensjahre - das sind nicht die gröbsten, sondern vielleicht die feinsten Jahre im menschlichen Leben. Nie wieder wird man so viel lernen und erkennen.
SPIEGEL: Frau Elschenbroich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Angela Gatterburg, Bettina Musall und Dietmar Pieper. Es ist eine gekürzte Fassung, das ausführliche Interview finden Sie im aktuellen SPIEGEL SPECIAL "Was Kinder klug & glücklich macht".
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