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Deutsches Schulsystem "Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt"

2. Teil: Warum Lehrerempfehlungen ungerecht sind - aber Entscheidungen von Eltern noch mehr

Bos: Bei diesen Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Aber da werde ich schon nachdenklich und frage mich: Was kann man in der Sekundarstufe eins verbessern?

SPIEGEL ONLINE: Was wäre das?

Bos: Trotz guter Iglu-Ergebnisse wissen wir, dass die Hälfte der Kinder in der fünften Klasse nicht selbständig neues Wissen anhand von Texten erarbeiten kann. Ihre Lesekompetenz reicht nicht aus. Wir brauchen für diese Kinder noch echten Lese-Unterricht, und zwar fachübergreifend - vor allem für jene mit Migrationshintergrund und aus unteren sozialen Schichten.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Kinder dann nicht länger gemeinsam lernen?

Bos: Mit dieser Frage habe ich Probleme. Das wäre so, als würde man sagen: Bei Vollmond angepflanzter Mais wächst einen Meter höher. Es ist weder bewiesen noch unbewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schulstruktur halten Sie für sinnvoll?

Bos: 95 Prozent aller Länder verfahren nach dem 6-3-3-Prinzip: Sechs Jahre Grundschule, drei weitere Jahre gemeinsames Lernen in einer weiterführenden Schule oder Stufe, dann wird für die letzten drei Jahre aufgeteilt in Berufsausbildung und Sekundarstufe zwei.

SPIEGEL ONLINE: Ist das gerechter?

Bos: Nicht zwingend. Mein Kollege, der Bildungsforscher Helmut Fend, hat ja kürzlich erst nachgewiesen, dass sich in Gesamtschulen die Koppelung von sozioökonomischen Status der Eltern und die Schülerleistungen ebenfalls deutlich abzeichnet. Außerdem haben wir in Deutschland eine ständestaatliche Tradition mit einer Schulform, die ziemlich gut funktioniert und die niemand abschaffen können wird: das Gymnasium.

SPIEGEL ONLINE: Und weil das Gymnasium sakrosankt ist, wird sich nie grundlegend etwas ändern?

Bos: Jedenfalls nicht am Gymnasium. Alle Eltern, die etwas zu sagen haben, die kampagnenfähig sind, schicken ihre Kinder aufs Gymnasium - die werden den Teufel tun, diese Schulform abzuschaffen. Die Diskussion ist schlicht müßig.

SPIEGEL ONLINE: Also resignieren Sie?

Bos: Keineswegs, ich halte das bisherige System für ungerecht. Das sagen mir aber weniger die Iglu- oder die Pisa-Studie, das sagt mir vielmehr der gesunde Menschenverstand. Warum tun wir zehnjährigen Kindern den Stress an, sie mindestens ein halbes Jahr lang für den Schulwechsel zu drillen? Und warum lassen wir die Hauptschüler dumm in der Ecke stehen? Nur: Es wird nicht gelingen, das Gymnasium abzuschaffen. Wer das versucht, wird nicht wiedergewählt.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll entscheiden, ob ein Kind aufs Gymnasium, die Real- oder Hauptschule kommt - die Eltern, die Lehrer oder die Noten?

Bos: Die soziale Benachteiligung wird größer, wenn Eltern entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bos: Weil Professoren immer einen Weg finden werden, ihr Kind auch bei schlechten Leistungen auf dem Gymnasium zu plazieren. Und weil eine türkische Putzfrau eher damit zufrieden ist, wenn ihre Tochter auf der Hauptschule landet.

SPIEGEL ONLINE: Sind Noten und Lehrerentscheidungen etwa fairer?

Bos: Nicht gerecht, aber im Vergleich gerechter. Das Schlimme ist doch: Kinder aus bildungsfernen Schichten werden dreifach benachteiligt. Sie haben schlechtere Startbedingungen. Sie müssen mehr leisten für die gleichen Noten. Und sie brauchen bessere Noten, um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist nun das kleinste Übel?

Bos: Letztlich kann man dem Professor nicht verbieten, seinen Sohn aufs Gymnasium zu schicken - denn dann geht er eben auf eine Privatschule. Aber man kann Fehlentscheidungen korrigieren. Baden-Württemberg ist ziemlich gut darin: Begabte Haupt- und Realschüler können an sogenannten beruflichen Gymnasien ihr Abitur nachholen. Im Südwesten ist das mittlerweile jedes dritte Abitur. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die holen einen Großteil derer, die sie falsch sortiert haben, wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Sonst gilt Baden-Württemberg nicht als Vorhut moderner Bildungspolitik. Korrektur statt Reparatur, kann das die Lösung sein?

Bos: Die sind einfach pragmatischer als viele andere. Das gegliederte System lässt sich nicht gerecht gestalten, die Ungerechtigkeit lässt sich nur mildern. Man muss die Fehler minimieren. Momentan ist fast die Hälfte aller Bildungsempfehlungen nicht optimal, gut 40 Prozent. Wenn wir den Einfluss der Eltern zurückfahren und Ganztagsschulen einführen, können wir das vielleicht auf 25 Prozent senken.

SPIEGEL ONLINE: Eine perfekte Lösung gibt es nicht?

Bos: Gut wäre es schon, wenn sich Eltern und Lehrer einigen könnten, leider tun sie das immer seltener. Auch die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen müsste erhöht werden - beim Abitur nach der 12. Klasse ist sie aber vollkommen weg. Es gibt immer mehr Abstiege, immer weniger Aufstiege.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

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insgesamt 7866 Beiträge
Peter-Freimann 11.08.2008
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr [...]
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Mad Mace 11.08.2008
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das [...]
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das Bildungssystem da anders sein? Da werden dann eben die Hauptschüler als Doofmänner charakterisiert, und Leute die sich lediglich dank ihrer Verbindungen durch Schule und Studium mogeln ohne je etwas verstanden zu haben, sind bereits für Vorstandsposten eingeplant. Sie 'Elitenbildung' ist in Deutschland beschlossene Sache, und diese Elite will unter sich bleiben, eine möglichst kleine Gruppe. Dann bleibt nämlich mehr für jeden. Was das dreigeteilte Schulsystem nicht nachhaltig genug regeln konnte besorgen jetzt die Studiengebühren. Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem? 'Gerecht' und 'deutsch' sollten niemals in einem Satz auftauchen, so gegensätzlich sind die Bedeutungen.
natterngesicht 11.08.2008
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die....
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
Piri 11.08.2008
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden....
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Peter-Freimann 11.08.2008
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen [...]
Zitat von PiriEs sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen in Deutschland, eine Ausgrenzung von ganz vielen Kid's, die doch eigentlich unsere Zukunft sein sollen und doch wird nur diskutiert, statt die Weichen zu stellen und wie in Finnland eben alle Kinder ganz individuell in einer gerechten Einheitschule zu fördern, wo sie dann auch mit ihrem eigenen Lernweg respektiert werden. Es muss in den Lehrplänen allerdings noch viel entstaubt und abgespeckt werden, um den heutigen Lebenswelten der Kid's gerechter zu werden und nicht überholte bürgerliche Welten einer vergangenen Klassengesellschaft wie zu Zeiten der "Buddenbrooks" zu transportieren.
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