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07.01.2009
 

Schwarz-grünes Hamburg

Sägen an der Schulreform

Von Jochen Leffers

In Hamburg haben CDU und Grüne eine Mammut-Reform aller Schulen beschlossen. Bei Eltern und im Senat rumort es mächtig. In der CDU werden Forderungen nach Ausnahmen für Traditionsgymnasien in Nobelvierteln lauter - es wäre der Einstieg in den Schul-Separatismus.

Was die Regierungskoalition in Hamburg vereinbart hat, ist ein XXL-Projekt. CDU und Grüne planen eine Schulreform, wie sie das von flauen Pisa-Ergebnissen gebeutelte Deutschland noch nicht gesehen hat. Und bringen dabei völlig konträre Vorstellungen von Bildungspolitik zusammen: Hier das eher elitäre Modell der Konservativen, die das Gymnasium stets für sakrosankt erklären. Dort der egalitäre Ansatz der Grünen, die vor allem benachteiligte Schüler besser fördern wollen und auf eine Gemeinschaftsschule für alle Schüler setzen.

Grüne Senatorin Goetsch: Mitten im Schulstreit
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DPA

Grüne Senatorin Goetsch: Mitten im Schulstreit

Beschlossen wurde im vergangenen Jahr ein Kompromiss, ein komplizierter mit vielen Tücken. Die beiden Hauptelemente: Oberhalb der sechsten Klasse soll es ab 2010 nur noch zwei Schulformen geben, nämlich das Gymnasium und die Stadtteilschule. Und die "Primarschule" soll die Klassen eins bis sechs umfassen - fortan werden Hamburgs Schüler also später sortiert und lernen sechs statt vier Jahre gemeinsam.

Seit die schwarz-grüne Koalition sich darauf geeinigt hat, steht sie unter Druck, von links wie von rechts. Überall sammeln sich zornige Eltern zum Protest; vor allem innerhalb der CDU ist die Reform höchst umstritten. Jetzt hat ihr Landesfachausschuss Bildung ein Papier erarbeitet, das für neue Turbulenzen sorgt: Einem Beitrag der "Welt" zufolge fordert der Ausschuss, dass drei Hamburger Traditionsgymnasien von der Reform ausgenommen werden und wie bisher weiter arbeiten können.

Für die grüne Senatorin ist der Schulumbau Herzenssache

Es geht laut "Welt" um ein Schultrio in wohlhabenden Stadtteilen: das Johanneum in Winterhude, das Christianeum in Othmarschen sowie das Wilhelm-Gymnasium in Rotherbaum. Sie sollen ihre altsprachlichen Angebote behalten, ihre fünften und sechsten Klassen wie gewohnt unterrichten und somit aus der Schulreform ausscheren - so wollen es zumindest einige Bildungspolitiker der Christdemokraten, berichtet die "Welt".

Schulreform in Hamburg

Schwarz-grünes Mammutprojekt

Die Hamburger Schulreform ist ein Kompromiss aus zwei Modellen: Auf der einen Seite die CDU mit der Forderung nach dem Erhalt der Gymnasien, auf der anderen Seite die Grünen mit ihrem Ideal der Gemeinschaftsschule für alle. Wird das Koalitionsmodell umgesetzt, bleibt keine Schulform wie bisher.

Primarschulen

Übergang nach der Primarschule

Zeugnisse

Abschaffung der Hauptschule

Stadtteilschulen

Schulregionen

Initiative "Wir wollen lernen"

Den Zeitungsbeitrag hat die CDU indes umgehend und energisch dementiert. Die CDU-Bildungspolitiker forderten keineswegs eine Ausnahme für die drei Gymnasien, so Marcus Weinberg, Vorsitzender des Landesfachausschusses, in einer Stellungnahme. Zwar müssten die Profile dieser humanistischen Gymnasien wie auch aller anderen weiterführenden Schulen sich "in Zukunft in Klasse 5 und 6 der neuen Primarschule wiederfinden". Doch seien "singuläre Ausnahmeregelungen" weder möglich noch sinnvoll. Denn bei einem "Flickenteppich" von Ausnahmen könne sich das "große Potenzial des längeren gemeinsamen Lehrens nicht voll entfalten", wie auch die Berliner Schulstruktur zeige, so Weinberg weiter.

Papier mit Haken und Ösen

In Berlin gibt es wie in Brandenburg eine sechsjährige Grundschulzeit, allerdings mit der Möglichkeit zum Wechsel an ein Gymnasium bereits nach der vierten Klasse - eine umstrittene Regelung, die etwa sieben Prozent der Berliner Schüler nutzen. Mecklenburg-Vorpommern hat vor zwei Jahren eine echte, schulartunabhängige Orientierungsstufe für die Klassen fünf und sechs eingeführt. Alle anderen Bundesländer verteilen die Schüler nach der vierten Klasse auf die weiterführenden Schulen; international trennt kein anderes europäisches Land außer Österreich bereits die Zehnjährigen.

Anders als es die "Welt" beschreibt, werden Johanneum, Christianeum und Wilhelm-Gymnasium im 16-seitigen Positionspapier, über das der CDU-Landesvorstand am kommenden Montag beraten will, nicht genannt. Das Papier liegt SPIEGEL ONLINE vor und enthält einige Widerhaken. Die 20 Unterzeichner unterstützen grundsätzlich den Reformkurs, auch das gemeinsame Lernen von Klasse eins bis sechs. Sie fordern allerdings auch "Differenzierung" in der Primarstufe sowie für gute Schüler "verstärkte Fachlichkeit des Unterrichts und neue Herausforderungen durch vergleichsweise lernstarke Mitschüler". Dabei favorisieren sie sogenannte "Langformschulen" - und meinen eine enge Zusammenarbeit von Primarschulen und Gymnasien. Insbesondere die humanistischen Gymnasien müssten ihr "Bildungs-, Kultur- und Sparchprofil pflegen und erhalten" können, etwa den Lateinunterricht ab Klasse fünf; dazu reiche eine künftig nur noch sechsjährige Gymnasialzeit nicht aus.

Das Positionspapier bedeutet keinen offenen Affront gegen die schwarz-grüne Schulreform. Und doch sind die Warnungen, Wenns und Abers so zahlreich, dass die CDU daran schwer zu kauen haben dürfte - zumal es aus Wahlkreisen wie Blankenese Zusatzanträge mit deutlicheren Forderungen geben könnte. Aber Ausnahmen sieht der schwarz-grüne Koalitionsvertrag nicht vor. Wer sie durchsetzen wollte, würde die Axt an die Landesregierung legen. Denn die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch ist eine Architektin der Koalition. Sie würde bei einer Aufweichung der Reform gewiss nicht mitspielen - vom Umbau der Hamburger Schulen, erst recht vom längeren gemeinsamen Lernen, ist sie überzeugt und trommelt dafür unermüdlich bei zahllosen Veranstaltungen.

Bürgermeisters Signal: Wir wackeln nicht

"Jene, die sagen, leistungsstärkere Schüler würden an Primarschulen von leistungsschwächeren gebremst, sollten sich ehrlich fragen, was sie wirklich meinen - ob sie nicht eine Abschottung wollen von Kindern anderer Herkunft", sagte Goetsch im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie sieht keinerlei Grund, einzelne Gymnasien aus der Reform herauszulösen. In allen Bildungsregionen Hamburgs müsse das Fremdsprachenangebot den Einstieg auch in ein humanistisches Gymnasium möglich machen. Die Angst an Gymnasien, es fehle ihnen die fünfte und sechste Klasse für den Leistungserfolg, sei unbegründet.

Mit mehreren Interviews hatte sich auch CDU-Bürgermeister Ole von Beust in den letzten Wochen demonstrativ hinter die Reform gestellt. "Die Frage, wie lange Kinder gemeinsam lernen sollen, haben wir entschieden", sagte er etwa der "Bild"-Zeitung, "es gibt in Europa kaum noch ein Land, das die Kinder nach der vierten Klasse trennt. Ich kann verstehen, dass die Eltern diese Veränderungen mit Misstrauen sehen. Wir werden versuchen, diese Bedenken auszuräumen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das neue Schulsystem qualitativ besser wird."

Der Koalitionsvertrag sei von seiner Partei einstimmig beschlossen worden und die Schulreform ein Kernstück, so Beust weiter: "Ich stehe mit dem Herzen und dem Verstand dahinter und habe nicht den Eindruck, dass es in meiner Partei ernsthafte Versuche gibt, da etwas zurückzudrehen."

Kann denn etwas noch wichtiger sein als Latein?

Das allerdings ist eine verwegene Einschätzung. Seit Monaten schon gärt und rumort es in der CDU vernehmlich, auch weil Abgeordnete um ihre klassische Wählerklientel bangen - und weil ihre eigenen Kinder durchweg Gymnasien besuchen. Vor allem in den noblen Stadtteilen sehen Eltern gar nicht ein, wozu das längere gemeinsame Lernen gut sein soll. Simpel und böse formuliert: Was hat der Sohn des betuchten Rechtsanwalts aus Blankenese davon, wenn er in der sechsten Klasse neben der Tochter der türkischen Putzfrau sitzt, die es eh' nie aufs Gymnasium schafft?

Schulsenatorin Goetsch indes ist fest davon überzeugt, dass "Heterogenität förderlich ist für das Lernen - und zwar auch für stärkere Schüler". Sie hält das Altsprachen-Problem der humanistischen Gymnasien traditioneller Prägung für lösbar.

Und vor allem sieht Goetsch weit größere Sorgen als den Latein- oder Griechisch-Unterricht für Primarschüler: dass Hamburg beim innerdeutschen Pisa-Vergleich miserabel abgeschnitten hat, auf dem vorletzten Platz. Dass zu viele Schüler noch mit 15 Jahren allenfalls auf Grundschulniveau lesen, schreiben und rechnen können. Dass zu früh selektiert wird und Hauptschüler auf einem Abstellgleis ohne jede Perspektive landen.

Separatismus mit größeren Zielen

Konservative Eltern sägen nun gemeinsam mit einzelnen CDU-Politikern an der Schulreform, damit an den Gymnasien alles so bleibt, wie es immer war. Die Hoffnung dahinter: Wenn sie Ausnahmen durchboxen und Einzelteile herausschnitzen, dann können dieser Separatismus am Ende den Schulumbau insgesamt stoppen - jedenfalls die Einführung der sechsjährigen Primarschule.

Teils spielen die Gegner auf Zeit und kritisieren die "überstürzte" Reform. Würde sie nämlich gebremst und um ein, zwei Jahre verschoben, könnte die nächste Hamburger Regierung sie kurzerhand wieder einkassieren. Teils probieren die Reformgegner, darunter der Schauspieler Sky du Mont, es mit offenen Briefen und Unterschriftenaktionen.

Der umtriebigste Rebell plant sogar eine neue Partei: Walter Scheuerl, Jurist mit zwei Kindern auf einem Othmarschener Gymnasium im reichen Hamburger Westen, denkt daran, dass Eltern aus der Initiative "Wir wollen lernen" zur nächsten Bürgerschaftswahl antreten könnten.

Das kann die CDU durchaus nervös machen. Denn wie aus dem konservativen Umfeld mitunter neue, kleine Parteien hervorgehen, zeigten die Gründung der Statt-Partei 1993 sowie die Schill-Partei. "Wir nehmen eine solche Parteigründung sehr ernst", sagte der CDU-Landesvorsitzende Michael Freytag dem "Hamburger Abendblatt", "es bringt aber nichts, das bürgerliche Lager zu zersplittern. Am Ende kann das neue linke Mehrheiten herbeiführen, die die Einheitsschule einführen würden."

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