Von Eva Henschke
Giebichenstein-Gymnasium "Thomas Müntzer" in Halle, 12.09 Uhr: Da ist aber jemand vorbildlich! Als die Schüler langsam ins Klassenzimmer trudeln, wuselt Bernhard Hoëcker schon seit Minuten am Lehrertisch herum. Ob das die Anspannung ist? Tatsächlich legt er gleich die Karten auf den Tisch.
Hoëcker: Liebe Schüler, ich bin sehr aufgeregt.
Das wird durch die gespannte Stille im Klassenzimmer auch nicht gerade besser. Die Schüler sitzen gespannt, man könnte einen Floh hüsteln hören. Das scheint Herrn Hoëcker zu irritieren.

Vertretungslehrer Hoëcker: Assoziationen zu Afrika
Die Klasse kichert. Hoëcker würde am liebsten einen Test schreiben oder meckern, irgendetwas Einfaches. Aber heute ist er hier, um den Schülern die sogenannte Mnemotechnik vorzustellen, eine ganz besondere Lerntechnik. Dann mal los! Bernhard Hoëcker reicht zwar nicht ganz bis zum oberen Ende der Afrika-Karte, kann sich dafür aber blitzschnell alle Länder und Einwohnerzahlen merken.
Hoëcker: Die Mnemo-Technik habe ich das erste Mal bei "Switch" und bei dem Spiel "Kofferpacken" angewendet. Anhand des Beispiels Nordafrika zeige ich euch, wie ich mir sämtliche Hauptstädte und Einwohnerzahlen merken kann.
Da es mit 159 Zentimetern Körpergröße gar nicht so einfach ist, auf der großen Afrika-Karte den Norden des Landes nachzuzeichnen, schnappt sich Bernhard Hoëcker einen Zeigestab, der fast größer ist als er selbst.
Hoëcker: Folgende Länder lernen wir heute: Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko, Mauretanien, Mali, Niger, Tschad und Sudan.
Die Schüler sollen sich innerhalb von zwei Minuten die richtige Reihenfolge der Länder einprägen und in ein Arbeitsblatt eintragen.
Hoëcker: Ihr dürft auch abschreiben, das ist kein Problem.
Na wenn das so ist! Die Schüler setzen die Aufforderung beherzt um, während der Komödiant gutgelaunt Kreise durchs Klassenzimmer zieht. Und tatsächlich: Nicht wenige Schüler können sich am Ende an die richtige Reihenfolge der Länder erinnern.
Hoëcker: Wenn ich mir etwas einprägen will, denke ich mir immer eine Geschichte aus, in der die zu merkenden Dinge irgendwie vorkommen. Also zum Beispiel: Ägypten – Thunfisch – an dem hängen Algen, Algerien, dran, die abgeschüttelt werden. Die fallen dann auf Felsen, also Rocks – Marokko. Unterhalb des Strandes befindet sich eine Mauer, Mauretanien, die an einer Mühle, Mali, endet. Dort bin ich aber nie gerne, Niger. Der Stein schabt, Tschad, auf dem Boden und südlich davon ist der Sudan.
Bitte was? Die Schüler schauen etwas verdutzt, irgendwo wird gekichert.
Hoëcker: Ihr denkt jetzt wahrscheinlich, dass ich einen totalen Schaden habe. Aber das klappt wirklich! Damit habe ich mir in je einer Stunde alle Staaten und Hauptstädte der USA eingeprägt.
12.45 Uhr: Der Klassenfahrten-Klassiker "Ich packe meinen Koffer" eignet sich laut Herrn Hoecker prima als Gedächtnistraining.
Maria: Ich packe meinen Koffer und nehme Vans mit.
Hoëcker ist mit diesem Begriff total überfordert und lässt sich von den amüsierten Schülern aufklären.
Hoëcker: Vans ist also eine Marke. Wie Mercedes, bloß nicht für Autos, sondern für Schuhe.
Ganz genau. Den Schülern scheint das Spiel jedenfalls Spaß zu machen. Allerdings geben sie irgendwann zu, dass sie die Gegenstände jeweils an der Person festmachen. So geht's ja nicht! Hoëcker ordnet der Klasse an, sich umzusetzen. Die zögert.
Hoëcker: Aber ich habe doch Autorität, oder?
Klar hat er die. Nun werden fleißig Stühle gerückt und Plätze getauscht. Franzi lässt sich davon aber nicht ablenken und zählt fehlerlos sämtliche Gegenstände auf.
Franzi: Ich packe meinen Koffer und nehme Vans, eine Zahnbürste, eine Sonnenbrille, Ohrringe, ein Jojo, einen Schraubenschlüssel, einen Autoschlüssel, eine Zahnpasta, ein Telefon, ein Akkuladegerät und die Mona Lisa mit.
Beeindruckend, wenngleich auch Franzi die Mnemo-Technik von Hoëcker links liegen ließ und sich die Begriffe einfach so gemerkt hat. Der Vertretungslehrer findet das nicht schlimm.
Hoëcker: Ich möchte jetzt, dass ihr eure Assoziationen zu den nordafrikanischen Ländern aufzählt.
Während die meisten beim Thema Ägypten mit klassischen Dingen wie Pyramiden aufwarten, purzelt Andreas mit "Algebra" als Algerien-Assoziation aus der Reihe. Dafür gibt es einen Daumen nach oben!
Hoëcker: Echt cool. Versucht jetzt mal aus Pyramiden, Algebra, Peitschen und Thunfisch eine Geschichte zu erfinden.
Die Klasse schweigt. Der Comedian greift zu drastischeren Maßnahmen.
Hoëcker: Da muss ich euch wohl Hausaufgaben aufgeben. Denkt euch bis zur nächsten Stunde eine Geschichte aus!
12.57 Uhr: Hoëcker erzählt und erzählt, was er sich alles schon mit Hilfe von Bildern gemerkt hat. Plötzlich hält er kurz inne. Selbstzweifel?
Hoëcker: Ich interessiere mich wahrscheinlich einfach für zu viel Scheiße.
Die Klasse lacht. Dann fordert er die Schüler auf, die Zahlen von eins bis zehn aufzusagen. Eine schwierige Herausforderung! Der Komödiant schreibt in großen und ungleichmäßigen Formen die Zahlen an die Tafel und ordnet ihnen Gegenstände zu.
Hoëcker: Das ist jetzt gut zum Telefonnummern merken: Die Eins ist ein Baum, die Zwei ein Schwan, die Drei ein Dreizack, die Vier das Spiel "Vier gewinnt", die Fünf eine Hand, die Sechs ein Elefant mit sechsförmigem Rüssel, die Sieben ein Zwerg, die Acht eine Achterbahn und die Neun eine Katze.
Na gut, Malen ist nicht unbedingt Hoëckers Stärke. Deshalb lieber wieder zu handfesten Dingen: der Flächenzahl Deutschlands.
Hoëcker: 357.000 Quadratkilometer. Ich würde mir das so merken, dass jemand mit einem Dreizack einen Deutschen in die Hand sticht und dann ein kleiner Zwerg kommt und die Wunde verbindet. Diese Art der Mnemotechnik ist allerdings schon für Fortgeschrittene. Wie lernt ihr eigentlich zu Hause?
Benjamin: Gar nicht!
Die Klasse feixt.
Andreas: Ich nehme Definitionen auf und höre sie mir dann ein paarmal an.
Davon ist Hoëcker beeindruckt und fragt neugierig, wer die Mnemo-Technik sinnvoll findet. Ein paar Hände gehen in die Luft, aber nicht viele.
Hoëcker: Nein, das ist kein Problem. Ich kann verstehen, dass keiner versteht, warum ich das mache.
Dann ist ja gut. Der offizielle Teil des Unterrichts ist beendet. Natürlich hat Hoëcker gnadenlos überzogen. Ob er sich die Uhrzeit des Stundenendes nicht merken konnte? Dafür vergessen die Schüler jetzt ihre nächste Stunde und überrennen den Vertretungslehrer mit Autogramm-Wünschen.
___________________________________
Die Autorin Eva Henschke, 19, war noch nie gut im Koffer packen. Deswegen war sie auch die Erste, die sich verhaspelt hat.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Wissen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH