Von Oliver Trenkamp
Ihr Hobby findet Dorothea Seitz selbst ein bisschen merkwürdig. Sie presst sich Namen von Menschen ins Gedächtnis, die sie nicht kennt und nie kennen wird.
Mit blauen Ohrschützern sitzt die 16-Jährige am Schreibtisch und starrt auf 80 briefmarkengroße Gesichter. Ein Digitalwecker zählt rückwärts, zehn Minuten, dann soll sich Doro so viel gemerkt haben wie möglich. Gedächtnissport nennen sie das an ihrer Schule, dem Schloss Torgelow, einem Elite-Internat in Mecklenburg-Vorpommern, 231 Schüler, fünf Millionen Euro Jahresumsatz.
In Torgelow lässt sich besichtigen, wie eine Schule funktioniert, die wie ein Unternehmen denken muss, die sich als Wettbewerber positioniert auf einem zwar wachsenden, aber schwierigen Markt. Ein Monat kostet hier rund 2500 Euro. Begabte Schüler wie Doro sind Kunden, Werbefigur und Produkt zugleich.
Mehrere Stunden trainiert Doro jede Woche, mal allein an ihrem Laptop, mal mit ihrem Trainer. Wenn sie keine fremden Namen paukt, lernt sie Texte auswendig oder Zahlenreihen. Oder sie prägt sich historische Daten von Ereignissen ein, die nie geschehen sind: 1544 transplantieren Ärzte erstmals ein Gehirn, 1595 erfindet Jonny Kautschuk den Gummireifen.
Wer etwas leistet, soll sich nicht verstecken
"Das klingt bekloppt", sagt Doro, aber so sind die Regeln des Gedächtnissports: jedes Mal neue fiktive Daten lernen in kurzer Zeit, damit niemand einen Startvorteil hat. "Mir macht das Spaß", sagt Doro, "ich konnte mir als Kind schon gut Sachen merken." Und wenn etwas auffällt an ihr, dann die Selbstverständlichkeit, mit der sie über ihr seltsames Hobby spricht und ihre Erfolge: norddeutsche Meisterin, deutsche Jugendmeisterin bei den Memo Masters, Jugend-Weltmeisterin bei den World Memory Championships.
Wer etwas leistet, das weiß Doro, muss sich nicht verstecken, jedenfalls nicht hier, auf Torgelow.
Das Internat richtet sich an Jugendliche, "die Leistungsbereitschaft mitbringen", heißt es im Prospekt. Mit diesem Konzept tritt Torgelow an gegen renommierte Internatsmarken wie Salem und Louisenlund, gegen Jahrzehnte der Tradition, die Hunderte von Karrieren formten. Es tritt an gegen teure Privatschulen, an denen auch der schlechteste Schüler noch zum Abitur geschleift wird – vorausgesetzt die Eltern zahlen. Und Torgelow tritt an gegen viele tausend öffentliche Schulen, die das Produkt Bildung gratis in den Markt drücken. Ein Preis, der sich nicht unterbieten lässt.
Als Strategien bleiben nur: etwas Besseres anbieten oder sich besser verkaufen. Torgelow macht beides.
Schloss, Bootsanleger, Tennisplatz, Fitnessraum
Dafür verantwortlich ist der Schulbetreiber Mario Lehmann, Jurist, dunkler Anzug, stets um Verbindlichkeit bemüht; ein Mann, der jeden mit Namen anspricht. Während seines Studiums hat Lehmann eine Immobilienagentur betrieben und Neonkunst aus den USA importiert. Lehmanns Familie gehört das weiße Schloss am See samt Bootsanleger. Ihr gehören auch die Mensa im Fachwerkhaus daneben, der Tennisplatz, der Fitnessraum, die Aula.
Schon morgens um halb sieben, wenn die ersten Schüler zum Frühstück trotten, knipst Lehman sein Kleine-Jungs-Grinsen an und wechselt ein paar Worte mit der Kantinenfrau: Die Kollegin krank heute? Na, das werden Sie schon schaffen!
Was zählt in Lehmanns Welt, das ist der Wille zur Leistung, ein disziplinierter Optimismus. Das ist seine Botschaft. Und es ist die Idee, auf der sich Torgelow gründet.
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Das habe ich auch nicht behauptet, denn es würde die Schule schnell zum finanziellen Ruin führen. Ich habe nur mitteilen wollen, daß die Begabtenförderung an den privaten Schulen hier gut funktioniert. mehr...
Staatsschulen sollten das selbstverständlich können. Da aber Privatschulen sich gerne absetzen, legen sie Wert darauf, dass draußen Beliebigkeit und drinnen Disziplin herrschen. Der Erfolg gibt ihnen natürlich recht. Diesen [...] mehr...
Wie das? Ist es bei den Privaten etwa noch nicht angekommen, dass durch geeignete Methoden _jeder_ Schüler optimal gefördert und zum höchsten Schulabschluss mit Bestnoten geführt werden kann? Gerade bei den Privaten müssten doch [...] mehr...
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