Von Oliver Trenkamp
Deshalb lässt Lehmann den Notenschnitt aller Schüler im Flur aushängen, farblich aufgeteilt in drei Gruppen: rot für die sehr Guten, die am Ende des Jahres als Preis ein Buch bekommen, blau für die Guten, die extra gelobt werden, und schwarz für den Rest.
Druck und Wettbewerb gehören zum pädagogischen Konzept. "Hier heißt es: jeder gegen jeden", sagt eine Zwölftklässlerin, "jeder will überall der Beste sein."
Lehmann jedoch legt Wert darauf, keine "kleinen Kampfmaschinen" zu erziehen, wie er sagt. Die Schüler genössen es, Leistung zeigen zu können. Auch Werte seien wichtig, Teamfähigkeit - ein Argument, das Internatsbetreiber immer gern anführen. Schließlich träfen die Schüler später im Beruf auf andere, die nicht so begabt seien. "Den Leistungsstarken muss man erklären, dass nicht alle so schnell denken", sagt Lehmann.
Gerechtigkeit? Dafür ist der Staat da!
Bei Frank Plasbergs Talkshow "Hart aber fair" hat Lehmann sich mit Karl Lauterbach von der SPD gestritten, der es ungerecht fand, dass nur die Reichen in Torgelow lernen dürfen. Aber Gerechtigkeit, findet Lehmann, das ist nicht seine Aufgabe, dafür ist der Staat da. "Nur weil ich ein Produkt verkaufe, das sich andere nicht leisten können, bin ich doch nicht unmoralisch", sagt er. Porsche sei auch nicht unmoralisch.
Seine Schüler fühlten sich wohl mit der Belastung, sagt Lehmann, was auch damit zu tun habe, dass niemand mit wirklich schlechten Zensuren dabei sei. Sie unterwerfen sich einem engen Stundenplan und strengen Regeln, Drogentests und Alkoholkontrollen inklusive. Lehmanns Schüler sitzen höchstens zu zwölft in einer Klasse, rund um die Uhr betreut von 32 Lehrern und 14 Sozialpädagogen.
Lehmanns Leute spielen Golf mit ihnen, üben Klavier und geben Kurse in Zeitmanagement. Bis zu zehn Stunden Unterricht am Tag, plus Hausaufgabenhilfe, Judotraining, Polo-Ausflug, Debattierclub, Töpfern, individuelle Betreuung, ein besseres Abitur als der Landesdurchschnitt – das ist die Produktbeschreibung.
Die Listen und Rankings, all die Spitzenplätze der Schüler, haben noch einen weiteren, einen geldwerten Vorteil: Sie lassen sich gut vermarkten. Regelmäßig schaffen es Lehmanns Wunderkinder in die Medien, ins Fernsehen und in die Lokalpresse. Das Internat produziert immer neue Superlative: die jüngste Abiturientin Deutschlands, die besten Golfspieler des Bundeslandes, vordere Plätze bei Businessplanwettbewerben und Politikplanspielen.
TV-Auftritte kosten nichts und bringen Kundschaft
Für Werbung gibt Lehmann nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 100.000 Euro aus, etwa für Anzeigen im "Deutschen Ärzteblatt" oder in "Geolino". Die Auftritte der Schüler bekommt er umsonst.
Und kaum etwas garantiert solche Aufmerksamkeit wie der Gedächtnissport. Zwei Schüler lernten für Auftritte bei Thomas Gottschalk und Günther Jauch die Koordinaten aller Städte Deutschlands auswendig. Auf einer leeren Karte zeichneten sie die Orte dann ein, Millionen schauten zu.
Derzeit bereitet der kaufmännische Leiter des Internats, selbst Gedächtnissportler auf Weltranglistenplatz 29, mit einer "Wetten-Dass-AG" den nächsten Auftritt im ZDF vor, das Bewerbungsvideo ist gedreht.
"Manchmal fühle ich mich wie ein Werbeplakat"
Auch Doro hat schon in unzählige Mikrofone und Kameras gesprochen. Sie ist bereits die dritte Jugend-Gedächtnisweltmeisterin, die aus Torgelow kommt. Die erste hieß Christiane Stenger und hat mindestens so viel Marketing-Talent wie ihre Schule: Christiane Stenger bietet Erinnerungsseminare an und vermarktet ihre eigenen Ratgeber-Bücher. Dutzende Interviews hat sie gegeben, war bei "TV Total" und "Stern TV".
Bei Doro läuft es noch etwas langsamer an. Sie plant für ihr Abitur. Ihr Schnitt muss besser werden, sagt sie, denn sie will Psychologie studieren wie ihre Schwester.
Stören dabei nicht all die Interviews? "Ich mache das gern, weil ich Werbung für meinen Sport machen kann", so Doro. Zwar hat sie ein Teilstipendium, aber manchmal wünsche sie sich, dass Torgelow ihren Eltern einen größeren Teil der Schulkosten erlassen würde. "Manchmal fühle ich mich wie ein Werbeplakat."
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