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11.03.2009
 

Behinderte Kinder

Das Ende der Sonderschule rückt näher

Das deutsche Schulsystem grenzt behinderte Kinder aus, schiebt sie in Sonderschulen ab. Jetzt stärkt eine Uno-Konvention die Rechte der Eltern: Es wird einfacher für sie, ihre Kinder auf Regelschulen zu schicken - die Kultusminister trödeln allerdings.

Ein völkerrechtliches Abkommen könnte die Sonderschule in Deutschland beerdigen. Die neue Uno-Konvention für die Rechte Behinderter könnte das Ende für das Abschieben von behinderten Schülern in spezielle Förderschulen bedeuten. Fast alle Kinder - behindert oder nicht behindert - sollen nach der Konvention gemeinsam in eine Klasse gehen. Doch die Kultusminister sind noch ratlos. Nun haben sie getan, was sie bei Unieinigkeit und bei heiklen Fragen am liebsten tun: Letzte Woche setzten sie erst einmal eine Arbeitsgruppe ein.

Förderschule (in Mecklenburg-Vorpommern): Fast eine halbe Million Kinder wird in Deutschland sonderpädagogisch gefördert
DDP

Förderschule (in Mecklenburg-Vorpommern): Fast eine halbe Million Kinder wird in Deutschland sonderpädagogisch gefördert

Zwei Jahre lang wurde hinter den Kulissen um die deutsche Unterschrift unter die Uno-Konvention gerungen, die mit Jahresbeginn auch für die Bundesrepublik wirksam wurde. Die Richtlinie stärkt eindeutig die Rechte von Eltern, die für ihr behindertes Kind einen Platz in einer Regelschule einfordern. Seit Jahren laufen in allen Bundesländern dazu Klagen.

Fast eine halbe Million Kinder und Jugendliche wird in Deutschland sonderpädagogisch gefördert. Aber nur 15,7 Prozent haben die Chance, dass dies gemeinsam mit Nicht-Behinderten in einer regulären Schule erfolgt. In den skandinavischen Ländern sind es 90 Prozent - egal, ob sie lern-, körper- oder geistig behindert sind.

Geht es Ministern nur um hübschere Schulabbrecher-Statistik?

Bei der Integration behinderter Schülern gehen die Bundesländer unterschiedliche Wege. In Berlin und Schleswig-Holstein beispielsweise nimmt jeder dritte behinderte Schüler an normalem Unterricht teil. In Bremen haben betroffene Eltern als einzige sogar einen Rechtsanspruch, die Schule für ihr Kind zu wählen. 44,9 Prozent der behinderten Schüler gehen dort in Regelschulen. Schlusslichter bei der Integration sind Niedersachsen (4,7 Prozent) und Sachsen- Anhalt (5,5 Prozent).

408.000 Schüler besuchen in Deutschland Sonderschulen. Nach ihrer Schulzeit erhalten sie kein qualifiziertes Zertifikat, sondern nur eine Art Teilnahmebestätigung. Wer nach der Förderschule keinen Abschluss an einer weiterführenden Schule erwirbt, gilt als Schulabbrecher. Acht von zehn Förderschüler gehen als Abbrecher in die Statistik ein.

Ein Plan der Kultusminister sah vor, einen neuen Abschluss für Sonderschüler einzuführen - "ein problematisches Signal, das genau in die falsche Richtung weist" nennt das Heiner Bielefeldt, Direktor des Instituts für Menschenrechte in Berlin. "Das bringt den Sonderschülern nichts", sagte er im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Ein solcher Abschluss diene nur dazu, die Schulabbrecher-Statistik zu beschönigen. Die Kultusminister "bewerten die Sonderschulabschlüsse neu - und reduzieren auf diese Weise auf einen Schlag ganz massiv ihre Statistik der Schüler ohne Abschluss", so Bielefeldt. Behinderte Kinder würden aber weiterhin abgeschoben, anstatt mit anderen gemeinsam lernen zu dürfen.

Behinderte und Nicht-Behinderte sollen gemeinsam lernen

Die Uno-Konvention bricht nach den Worten von Marianne Demmer, der Vize-Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft GEW, mit der "selektiven deutschen Schultradition". Für nahezu alle Behindertenverbände und auch viele Wissenschaftler beruht die Konvention auf der Idee einer "inklusiven Gesellschaft", in der jeder Mensch von Anfang an dazugehört. Gesunde Kinder lernen, mit Behinderten zu leben und keine Scheu vor dem Umgang mit ihnen zu haben. Für behinderte Schüler bedeute der gemeinsame Schulbesuch Ansporn für eigene Leistungen, sagt der Schulforscher Rolf Werning von der Universität Hannover.

Integrierte Klassen machen natürlich den Einsatz speziell ausgebildeter Sonderpädagogen nicht überflüssig. Häufig unterrichten sie gleichzeitig mit dem Fachlehrer. Der Behinderte bekommt Aufgaben, die seinem Können angepasst sind. "Das erfordert von den Lehrern eine unglaublich differenzierte Vorbereitung", so die Berliner Lehrerin Barbara Bott. GEW-Frau Demmer sagt: "Das erfordert auch ständige Fortbildung."

Die Geschichte des deutschen Sonderschulwesens ist über hundert Jahre alt: von der klassischen Hilfsschule zur Sonderschule - oder, wie es heute heißt, zur "Förderschule mit besonderem Schwerpunkt". So groß wie in Deutschland ist der Anteil der getrennt unterrichteten Schüler aber in kaum einem anderen Industriestaat. Karin Evers-Meyer (SPD), Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, empfindet das als "beschämend für ein zivilisiertes Land". Vom Uno-Abkommen erwartet sie nun einen echten Aufbruch. "Ein integratives Bildungssystem ist im Kern ohne Alternative."

Evers-Meyer will, dass auch in Deutschland der international übliche Begriff "Inklusion" für die weltweit angestrebte Schule von morgen verwendet wird - denn: "Integrieren muss man etwas Fremdes." Inklusion bedeutet laut Uno-Konzept dagegen, dass Strukturen und Didaktik von vornherein auf die Unterschiedlichkeit der Schüler und individuelles Fördern und Fordern ausgerichtet sind.

Die Kultusminister hingegen wollen erst einmal Zeit gewinnen. Eine Arbeitsgruppe soll zunächst Begriffe klären und Vorschläge für eine Neufassung der seit 1994 in Deutschland geltenden Sonderschul- Empfehlung vorlegen. Dabei stehen die Kultusminister unter Druck.

Eine erste Elternklage, die sich auf die neue Uno-Konvention stützt, ist bereits eingereicht. Und Beobachter erwarten unzählige Folgeklagen. Viele Eltern berufen sich dabei auch auf Bundespräsident Horst Köhler, der schon vor einem Jahr den Kampf einer Mutter für die Einschulung ihrer behinderten Tochter in eine normale Grundschule mit einem Verdienstorden ausgezeichnet hat.

Von Theresa Münch und Karl-Heinz Reith, dpa

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