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17.03.2009
 

Streit über Gefahrenzulage

Lehrer-Lobbyist rechtfertigt Gehaltsforderung nach Amoklauf

Heftige Kritik an Heinz-Peter Meidinger: Der Chef des Philologenverbands dachte nach dem Amoklauf von Winnenden laut über eine "Gefahrenzulage" für Lehrer nach. Im Interview bedauert der Verbandschef die Aufregung - beharrt aber darauf, dass Lehrer angesichts wachsender Schülergewalt zu wenig verdienen.

Heinz-Peter Meidinger leitet eigentlich das Robert-Koch-Gymnasium am Schulzentrum im niederbayerischen Deggendorf - doch als Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes hat er jetzt in ganz Deutschland Aufsehen erregt. Der Amoklauf in Winnenden habe "erneut gezeigt, dass Lehrer immer öfter zum Hassobjekt werden. Man könnte deshalb über eine Art Gefahrenzulage nachdenken", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Verbandschef Meidinger: "Der Beruf ist gefährlicher geworden"
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DPA

Verbandschef Meidinger: "Der Beruf ist gefährlicher geworden"

Katherina Reiche, Bundestagsabgeordnete der CDU, stimmte zu. Die Gewerkschaft GEW dagegen nannte Meidingers Vorstoß "peinlich" und "unangemessen". Matthias Schneider von der GEW Baden-Württemberg sagte, Vorbereitung auf Gefahren sei wichtiger als eine Gefahrenzulage: "Die Unterstützung der Lehrer muss nicht durch Geld geschehen." Auch der Realschullehrerverband Baden-Württemberg bezeichnete eine Gefahrenzulage als "absurd" und "völlig daneben". Die Vorsitzende Rita Haller sagte, die Forderung stelle "alle Jugendlichen in die Ecke eines Bedrohungspotentials. Unsere Kinder und Jugendlichen sind nicht gefährlich, sondern liebenswerte Menschen, mit denen wir gerne arbeiten".

SPIEGEL ONLINE fragte Meidinger, wie er seinen Vorstoß rechtfertigt - und ob es ihm um mehr geht als einen PR-Coup:

SPIEGEL ONLINE: Herr Meidinger, eine Gefahrenzulage für Lehrer als Reaktion auf Winnenden - ist das ein taktvoller Zeitpunkt und eine kluge Begründung für Gehaltsforderungen?

Meidinger: Ich habe gesagt, man könnte eine Gefahrenzulage fordern. Das war ein Konjunktiv - und als Vorsitzender des Philologenverbands weiß ich, wann man den verwendet. Daraus wurde dann diese Überschrift.

SPIEGEL ONLINE: Es war ein wörtliches Zitat in einer Zeitung, keine Überschrift. Finden Sie eine Gefahrenzulage nun richtig oder nicht?

Meidinger: Diese Diskussion ums Lehrergehalt hat insofern mit dem Amoklauf von Winnenden zu tun, weil Lehrer immer häufiger zum Hassobjekt werden. Vor dem Hintergrund des massiven Lehrermangels wird Winnenden auch eine Rolle spielen, weil jetzt noch weniger junge Leute Lehrer werden wollen.

SPIEGEL ONLINE: Lehrer verdienen in Deutschland deutlich mehr als etwa Polizisten in Spezialkommandos, obwohl diese Polizisten oft extreme Risiken eingehen müssen und dafür eine Gefahrenzulage erhalten. Halten Sie die Gefahr für Leib und Leben bei Lehrern für vergleichbar?

Meidinger: Die Gefahrenzulage war nur ein Sprachbild - ich will nicht die Beamtenbesoldung der Lehrer um eine Gefahrenzulage erweitern. Aber man muss Lehrer besser bezahlen, wenn man möchte, dass mehr junge Menschen Lehrer werden. Ein Aspekt ist da auch die gestiegene Gewalt mit ihrer extremsten Ausprägung, dem Amoklauf.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht Tragödien, die zu furchtbar sind, um damit als Lobbyist Geldforderungen zu verbinden?

Meidinger: Das war eine Überspitzung, aber es ist mir ernst damit, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Mehr Geld für Lehrer fordern wir seit Jahren unabhängig von aktuellen Vorfällen. Und es war beileibe nicht unsere einzige Position zu Winnenden.

SPIEGEL ONLINE: Nur wirkt der Gehaltsvorstoß nun wie zynisches Trittbrettfahren.

Meidinger: Ich rede täglich mit Journalisten und habe nicht gedacht, dass diese Anmerkung so groß gefahren wird. Es tut mir leid, wenn das im Zusammenhang mit Winnenden wie eine Instrumentalisierung aussieht. Es ist aber sicher berechtigt, dass man auch in diesem Zusammenhang auf die schwierige Situation von Lehrern hinweist. Zum Nachdenken darüber, wie man den Beruf attraktiver macht, gehört eben nicht zuletzt das Gehalt. Das ist eine Äußerung, die ich immer mache: Der Beruf ist schwieriger, anspruchsvoller, auch gefährlicher geworden. Wenn Deutschland mehr junge Lehrer haben will, muss es ihnen auch bessere Bedingungen bieten.

SPIEGEL ONLINE: Lehrer an Gymnasien, für die der Philologenverband spricht, verdienen deutlich mehr als jene an Hauptschulen. Müssten nicht vor allem Hauptschullehrer mehr Geld bekommen, weil sie unter weit schwierigeren Bedingungen arbeiten?

Meidinger: So vehement sind die Unterschiede nicht. Ein Hauptschullehrer verdient Besoldungsstufe A 12 ...

SPIEGEL ONLINE: ... rund 300 Euro weniger beim monatlichen Grundgehalt als die Gymnasialkollegen.

Meidinger: Richtig, die Gymnasiallehrer beginnen auf Stufe A 13 ...

SPIEGEL ONLINE: ... also mit etwa 3050 Euro pro Monat - und danach vergrößert sich der Abstand.

Meidinger: Wenn die Beförderungen dazukommen, was nicht überall der Fall ist. Wir streiten in dieser Frage selbstverständlich auch für die Hauptschulkollegen und schließen die Hauptschulen bei unserer Forderung nicht aus. Dort gibt es unbestritten schwierige Bedingungen, auch Schülergewalt.

Das Interview führte Christoph Titz

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