Von Christoph Titz
Das Kind war ebenfalls zunächst von seinen Eltern daheim unterrichtet worden. Als Melissa aus anderen Gründen in die Jugendpsychiatrie musste, schaltete sich die Homeschooling-Lobby aus den USA ein und überzog die deutschen Behörden mit Schmähungen. "Die deutsche Regierung verfolgt unschuldige Familien gnadenlos", hieß es damals zum Fall Melissa in einem Newsletter der HSLDA. Und: "Diese Art der Verfolgung ist mehr und mehr an der Tagesordnung."
Die Schulpflichtgegner in Deutschland sind in mehreren Organisationen, darunter das "Netzwerk Bildungsfreiheit", gut vernetzt und unterhalten intensive Kontakte in die USA. Den Fall der Romeikes machte abermals die HSLDA, immer auf der Suche nach Gesichtern für neue Kampagnen, zu ihrer eigenen Sache. Lobbyanwalt Donnelly rief bei Uwe Romeike an und brachte ihn auf die Idee, Deutschland zu verlassen, erinnert sich der Vater. Im Gegensatz zu Deutschland sei Hausunterricht in den USA erlaubt, 1,5 Millionen Kinder würden dort in den eigenen vier Wänden erzogen, schwärmte Donnelly ihm vor.
US-Homeschooler: "Was ist nur mit Deutschland los?"
Für die HSLDA ist Michael P. Donnelly nicht nur Berater für verzweifelte Homeschooler in Deutschland, er kämpft auch publizistisch gegen die Schulpflicht in Deutschland. In der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift schrieb er die Titelgeschichte unter dem Titel "Germany - it's time for some change". Auch "Juden, Schwarze, Behinderte und Katholiken" seien in Deutschland schon verfolgt worden, schreibt Donnelly und verweist auf den Nationalsozialismus - auch wenn man das Dritte Reich nicht mit dem heutigen Deutschland vergleichen könne. Weiter fragt Donnelly: "Was ist los mit einem Land, dass so uniform repressiv gegen Eltern vorgeht, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen?"
Uwe Romeike verkaufte im August 2008 seine Klaviersammlung und vermietete sein Haus im Schwäbischen. Die Familie reiste in die USA, lebt heute im Städtchen Morristown in Tennessee - die Kinder werden zu Hause unterrichtet. Im evangelikal dominierten Bible Belt seien die Nachbarn fast durchweg Homeschooler, sagt der Familienvater: "Hier haben wir endlich die Freiheit, die wir in Deutschland nicht hatten."
Um in den USA bleiben zu dürfen, hat Romeike politisches Asyl beantragt, oder richtiger: Der Verein HSLDA reichte den Antrag im November 2008 für die Familie ein, begleitet von einer ausführlichen Pressemitteilung und einem Spendenaufruf für deutsche Homeschooler ("Donate to the Home School Foundation's Germany Fund"). Am Donnerstag fand zum Asylgesuch die erste Anhörung vor einem Gericht in Memphis im US-Bundesstaat Tennessee statt.
Entscheidung im Asylverfahren nicht vor Dezember
Einen vergleichbaren Asylfall hat es in den USA noch nicht gegeben, versichert der Homeschooling-Anwalt Donnelly. Die letzte Anhörung vor dem Immigrationsgericht in Memphis im Fall Romeike sei bislang auf dem 16. Dezember festgelegt, sagte Donnelly SPIEGEL ONLINE.
Der deutsche Generalkonsul Lutz Görgens, zuständig für den Südosten der USA, sagte: "Ich kann und will mich nicht dazu äußern." Das Auswärtige Amt in Berlin verfolgt den Fall aufmerksam, hält sich mit Stellungnahmen aber ebenfalls zurück. "Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, möchte ich mich dazu aber nicht weiter äußern", so ein Sprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Grundsätzlich ist jeder Bundesbürger frei, in ein anderes Land auszuwandern. Es ist Aufgabe der zuständigen US-Behörden zu entscheiden, ob sich ein deutscher Staatsangehöriger in den USA niederlassen darf."
Im Heimatort der Familie nahe Stuttgart zeigen die Freien Christen Bissingen Anteilnahme. In welcher Gemeinde die Romeikes Mitglied seien, wisse er nicht, so Gemeindevorsteher Paul Hesser. Den Fall Romeike verfolge er aber "interessiert und mit großer Sorge".
Die Schulpflicht stamme aus dem Nationalsozialismus und basiere "auf einem Gesetz aus dem Jahr 1937. Dafür sollte sich die Behörde schämen", sagt Hesser. Seine Sympathie gehört den Homeschoolern. "Der Asylantrag ist das richtige Mittel", sagt Hesser. Das werde "die Fakten endlich mal auf den Tisch bringen". Hesser hat in dieser Sache schon an mehre Politiker geschrieben. Eine Antwort habe er nie erhalten.
mit Material von AP und dpa
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