Was ist ein Kartesianischer Taucher? Ich hatte keine Ahnung. Fanny jedoch, als sie noch keine drei Jahre alt war, wusste es: "Da, Wasser." Ihre Zwillingsschwester Lilly konnte sogar eine Erklärung liefern: "Hoch, tief." Entschlossen drückte sie auf eine Art Plastikflasche, in der ein buntes Männchen schwebte. Mit großen Augen verfolgten die Mädchen, wie die Figur auf den Boden sinkt. Ließ Lilly los, stieg der Taucher wieder auf.
Entspannte Familie: "Locker bleiben" heißt die Devise für Vater Dieter, Mutter Esther und die drei Töchter Rosa, Lilly und Fanny
Neben den beiden stand Erzieherin Simone und erzählte etwas von "Druck" und "Wirkung". Rosa, sie war gerade mal gut ein Jahr alt und immer im Schlepptau ihrer Schwestern, nickte eifrig, wenn sie "Auftrieb" und "Volumen" hörte.
Alle Achtung, meine Mädchen scheinen mehr von Physik zu verstehen als Albert Einstein in ihrem Alter. Sind die drei etwa hochbegabt? Wer weiß. In jedem Fall sind sie optimal gefördert.
Aktion "Versuch macht klug"
Der Kartesianische Taucher, benannt nach dem großen Philosophen und Physiker René Descartes, ist eine von 20 Experimentierstationen, mit denen mein Nachwuchs bei den "Strubbelkindern" auf die Zukunft vorbereitet wird. "Versuch macht klug" heißt die Aktion der Hamburger Kindertagesstätten, gefördert durch die Stiftung Nordmetall in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, die "vorschulische Begegnungen mit Naturwissenschaft und Technik" ermöglichen soll. Und so lernen meine Strubbelkinder im Wortsinne spielend etwas über Fliehkraft, Licht und Schatten, aber auch über Magnetismus und Luftströmungen.
"Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies", lobte schon der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe das frühkindliche Entwicklungspotential. Da nicht nur die Erzieherinnen in unserer Kindertagesstätte glauben, möglichst viel für die Bildung tun zu müssen, gibt es für die Lerneinheiten mit Luftdruckspritzen und Gummisaughebern, Spiegeln und schiefen Ebenen eine lange Warteliste. "Gute Kitas gehen jetzt in die Bildungsoffensive", sagt Martin Peters, Referent für Kindertagesbetreuung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Hamburg.
Ein wenig Synapsenpflege kann ich nur begrüßen. Die Kita meiner Kinder muss ja nicht zu den besten deutschen Einrichtungen gehören, die mal von der Unternehmensberatung McKinsey prämiert wurden. Aber mehr als Balgen, Buddeln und Basteln erwarte ich schon. Wenn der Vater nicht mehr geschafft hat als das Abitur, sollten es die Kinder zumindest bis Harvard oder Oxford bringen. Dafür kann man mit dem Lernen nicht früh genug anfangen.
Aber Werkbänke statt Kuschelecken - will ich das wirklich für meine Töchter? Soll aus den familiär-liebevollen "Strubbelkindern" tatsächlich eines dieser "Early Excellence Center" werden, die in England die hohen Maßstäbe setzen? Droht der neue Bildungsauftrag "Lernen zu lernen" zu einer schrecklichen Verschulung der Kindheit zu entarten?
Mich zumindest erschreckt die Welle der Soll-Pädagogik und die enorme Erwartung vieler Väter und Mütter. Ich finde weniger Wissen nicht so gefährlich wie den immer auffälliger werdenden Narzissmus von Eltern, die ein scheinbar glückliches und sichtbar erfolgreiches Kind vorweisen wollen, um als patente Erzieher dazustehen. Dass diese Symbiose zwischen Eltern und Kind der Entwicklung mehr schadet als jede Hängemattenkindheit, sehen sie nicht.
Ich allerdings bin ein gebranntes Kind des Strebsamkeitsdenkens der fünfziger Jahre, sozialisiert in diesem Mehr und Weiter, Höher und Größer; seelisch verkümmert in Wachstumgsgewissheit und Karriereanspruch. Im Bewusstsein um die eigene Deformation kann mein viel zu früh auf Leistung reduziertes Ich denn auch auf dem Elternabend nur gegen Englischunterricht im Kinderladen stimmen.
Wer seine Kinder schon so früh mit Fremdworten überschütten will, weil er Genie-Verdacht hegt, der soll zu kommerziellen Einrichtungen wie "Fastrackids" gehen oder zu den Helen-Doron-Lernzentren. Die bieten schon für drei Monate alte Babys "Early English"-Kurse an. Absurd. Bei den "Strubbelkindern" ist das Thema erst einmal vertagt.
Auf anderen Social Networks posten:
für die Schule seiner Kinder intressiert, bei den Elternabenden dabei ist usw , ist cshon klar, nur diei armen lehrer/innen lassen sich von den armen Eltern auch keinen Knopf an die Backe nähen, wievel sidn alleinerziehend und [...] mehr...
Vielen Dank - der von Ihnen geäußerte Eindruck hat sich mir auch schon wiederholt aufgedrängt. mehr...
Ich denke, wir wollen das gar nicht so genau wissen, sonst kommt noch heraus, das wir es schon wussten und das wäre schlecht. Insofern: Alle Macht den Kinderzimmern und Egoshootern. Und jetzt prodestieren wir erstmal und [...] mehr...
So sieht es bei mir auch aus. Aber meine Kinder engagieren sich. Ihre? mehr...
Ich bin mittlerweile Rentnerin und meine Älteste ist 42. 'n bisschen spät, gelle. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Wissen | RSS |
| alles zum Thema Überleben an der Wickelfront | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH