Mit meinem Wunsch, den Kindern Freiraum zu bewahren, stehe ich nicht allein. Auch Erziehungswissenschaftler wie Holger Brandes, Direktor des Instituts für Frühkindliche Bildung in Dresden, halten "die zunehmende Tendenz, die Schule in den Kindergarten vorzuverlegen, für eher problematisch". Wenn Kindertagesstätten Englisch vermitteln möchten, sollten sie einen Muttersprachler als Erzieher einstellen, der mit den Kindern in seiner Sprache arbeitet. Brandes: "Bei einem angemessenen Angebot holen sich Kinder ihr Wissen selbst ab." Spielerisches Lernen heißt das Konzept.
Doch locker zu bleiben, fällt beim Thema Frühbildung selbst entspannten Eltern schwer. Auch wir waren nicht gefeit vor der Gefahr, unsere Kinder gleich nach der Geburt in den Kampf um die Poleposition zu schicken. Mit nur einer Stunde in der Woche könnten wir unseren Nachwuchs durch "Spielanregungen" in seiner "positiven Körpererfahrung" unterstützen und sein "Vertrauen in das eigene Können" stärken, versprach ein Eltern-Kind-Programm.
Wir nahmen teil - um wenig später wieder auszusteigen. Das Wiegen nackter Babys im Kreis mit freiem Pullern empfanden wir nicht wirklich als Förderung. Da Fanny und Lilly zudem nicht unter "Einzelkind-Syndromen" litten, war auch der Reiz der "kleinkindlichen Interaktion" für uns kein Bleibegrund.
Die "psychosoziale Frühentwicklung" unserer Kinder haben wir lieber durch Babyschwimmen gefördert. Sonntags um acht Uhr fuhren wir durch die halbe Stadt, um über die Wassererfahrung einen intensiveren Zugang zu unseren Kindern zu bekommen. Zwar betonte Kursleiterin Astrid immer wieder das "spaßige Moment" unseres Geplansches. Doch so oft, wie wir uns gegenseitig vorgeführt haben, wessen Baby am wenigsten Angst hat vor dem Tauchen, badeten wir Erwachsenen ganz schön im Ehrgeiz. "Wenn manche ihre Babys ins Wasser werfen, weil sie glauben, dass sie dadurch intelligenter werden", kritisiert der Hamburger Schwimmschulpionier Jürgen Fiedler, "grenzt das an Kindesmisshandlung."
Tiefe Diener bei der Kita-Bewerbung
Erschrocken ertappte auch ich mich in der zweiten Stunde bei der Frage, wann unsere beiden wohl die Seepferdchen-Prüfung machen. Vielleicht wären Fanny und Lilly heute die jüngsten Freischwimmer Hamburgs (und wir die stolzesten Eltern der Hansestadt), wenn uns nicht die näherrückende Geburt Rosas zur Aufgabe gezwungen hätte.
Als wirkliche Weichenstellung auf der Bildungsschiene aber sahen wir die richtige Wahl der Krippe - wobei Eltern selbst im vergleichsweise gut versorgten Hamburg keine große Wahl haben. Zu viele berufstätige Paare suchen Plätze für Einjährige. Da gleich zwei zu finden, ist Glückssache. Nie zuvor habe ich so tief den Diener gemacht wie bei den Bewerbungsgesprächen in mehr als einem halben Dutzend Kitas.
Dass es dann mit viel Fürsprache bei den "Strubbelkindern" geklappt hat, kam einem Lottogewinn gleich: Bei dem Kinderladen in freier Trägerschaft müssen sich die Eltern engagieren, erhalten dadurch aber auch viel Einblick in die Arbeit der Erzieher. Die beiden Gruppen, "Tiger" und "Löwen", sind altersgemischt und zählen jeweils 18 Kinder: So lernen die Großen Verantwortung zu übernehmen, und die Kleinen proben das Durchsetzen.
Bildungsarbeit zieht sich durch den ganzen Tag. Das Rechnen wird beim Frühstück geübt, wenn Brotscheiben abgezählt oder Äpfel und Birnen geteilt werden; um den Wortschatz zu erweitern und an Grammatik heranzuführen, wird mit den Kindern bewusst viel gesprochen. Und weil auf jede Gruppe drei vollausgebildete Erzieherinnen kommen, verstärkt durch einen Zivildienstleistenden, ist auch genug Zeit dazu - so lange niemand krank wird. Dass Regine Wolf und ihr Team auch das deutliche "Nein" kennen, ist für Eltern wie uns höchst beruhigend: Manchmal denke ich, dass wir es allein den Erzieherinnen zu verdanken haben, wenn unsere Kinder daheim aufs letzte Wort hören.
Flötentöne vom Diplomrhythmiker
An Extras bieten die "Strubbelkinder" unseren Mädchen durchaus genug: Die Jüngsten versuchen sich einmal die Woche in Kleingruppen an Schere, Kleber oder Pinsel; die Älteren sammeln in der Lernwerkstatt Erfahrung. Zur "Science-Lab-Fortbildung" hat Siemens eine "Forscherkiste" mit allerlei Versuchsmaterialien spendiert. So können schon Vierjährige mit Drähten und Krokoklemmen, Glühlampen und Batterien lernen, was Stromkreise sind und dass Strom Metall braucht, um zu fließen.
Auch musikalischer Genius wird gefördert, obgleich die "Strubbelkinder" mit dem Musikkindergarten in Berlin, einer Initiative des Dirigenten Daniel Barenboim, nicht mithalten können. Unser Diplomrhythmiker Matthias Klein mit seiner Klampfe bringt den Größeren mehr als Flötentöne bei - da wird gesungen, gespielt und viel getanzt.
Weil bei uns zu Hause weder Vater noch Mutter ein Ohr für Musik haben, bringen wir unsere Kinder einmal in der Woche im Anschluss an die Krippe zum frühkindlichen Musizieren. Unter Anleitung der Musikpädagogin Karin Kelka tanzen und trommeln sie da, spielen mit Triangeln und Tamborinen. Überforderung kann ich nicht erkennen, wenn ich mich hin und wieder mittwochnachmittags für zwei Stunden aus der Redaktion stehle, um ihnen zuzusehen und vor allem zuzuhören. Trotzdem singen sie schon nach einem Vierteljahr das "Sesamstraßen"-Lied, zumindest kriegen sie "Der, die, das - wer, wie, was" irgendwie hin. Rosa klatscht dazu.
Natürlich sind die Kinder auch da dem Vater wieder mal voraus. Während ich bis zu meinem jüngsten Besuch in der Musikstunde nicht wusste, was Singen nach Solmisationssilben ist, trällern Fanny und Lilly bereits do-re-mi-fa-sol-la-si.
Doch auch der Vater lernt dazu: Wann meine Mädels ihr erstes Konzert geben könnten, habe ich Karin nicht gefragt.
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