Von Simone Kaiser und Nicole Serocka
Wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht, sind Eltern zu vielem bereit. Einige Väter und Mütter aus Bremen gingen jedoch ein paar Schritte zu weit. 14 Jahre lang betrieben sie eine illegale Grundschule und schickten ihre Kinder später mit gefälschten Angaben auf weiterführende Schulen. Erst als ein neues Computerprogramm den Abgleich der Melde- und Schülerdaten von Bremen und Niedersachsen ermöglichte, flog die Trickserei 2007 auf.
"Wir haben Probleme mit den Konzepten der Regelschulen und der Bildungspolitik", erklärt ein trotziger Vater. Je 200 Euro Bußgeld mussten die Eltern zahlen, die Kinder wurden in staatliche Schulen eingegliedert. Doch der Elternverein zog vor Gericht, weil man nach der Zwangsschließung der illegalen gleich eine neue, offizielle Privatschule gründen wollte und der Staat die Genehmigung verweigerte.
Die Bremer Elterngruppe ist ein extremes Beispiel. Doch der Fall zeigt, wie tief das Misstrauen vieler Eltern gegenüber dem staatlichen Schulsystem sitzt, nicht erst seit der Pisa-Misere. Altmodisch seien die öffentlichen Schulen, oft ohne Visionen. Genügt es in unserer globalisierten Welt wirklich noch, wenn das Kind erst in der dritten Klasse mit Englisch beginnt? Sind nicht doch zu viele Schüler mit mangelhaften Deutschkenntnissen in der Klasse? Kann Bildung gut sein, wenn sie für alle ist und nichts kostet?
Jede Woche zwei, drei neue Privatschulen
Solche Zweifel bilden den Nährboden für eine stetig wachsende Zahl von privaten Grundschulen, die vor allem in den Großstädten den Bildungsmarkt aufmischen. Völlig antiautoritär oder nach strenger Jesuitentradition, bilingual oder lieber gleich international - die Angebote sind so vielfältig wie die Eltern, die nach der perfekten Schule suchen.
Und so boomt die Privatisierung. Zwei bis drei Schulen werden momentan pro Woche in Deutschland gegründet. Seit 1995 ist die Zahl allgemeinbildender Privatschulen hierzulande um 43 Prozent auf rund 3000 gestiegen, 690 davon sind Grundschulen. In vielen europäischen Ländern liegt der Anteil der Privatschüler höher.
Grundsätzlich kann jeder eine Privatschule gründen. Doch die Hürden, besonders für Grundschulen, sind hoch. Laut Artikel sieben des Grundgesetzes muss eine private Volksschule entweder konfessionell sein oder ein besonderes pädagogisches Konzept verfolgen. Die Idee, es einfach nur besser machen zu wollen als der Staat, reicht nicht aus. Zudem unterstehen auch die privaten Schulen der jeweiligen Schulaufsichtsbehörde eines Bundeslandes. Ihre Lehr- und Erziehungsziele müssen denen der öffentlichen Schulen entsprechen.
Montessori- und Waldorf-Schulen sind in Deutschland schon längere Zeit etabliert, und die meisten privaten Grundschulen haben kirchliche Träger, die oft nur wenig oder gar kein Schulgeld verlangen.
Die "Blubberblasen" etwa verdanken ihren vielseitigen Alltag der Evangelischen Schulstiftung in Stuttgart. Die 24 Kinder aus der Grundschulklasse der Johannes Brenz Schule sitzen im Stuhlkreis, die Lehrerin spielt Blockflöte. Danach liest Nick, viertes Schuljahr, im Fußballtrikot und mit Stoppelfrisur, für das Zeitungsprojekt zuerst den Sportteil. Belana, drittes Schuljahr, Pferdeschwanz und bunter Gips, schreibt einen "Unfallbericht" darüber, wie sie sich beim Spielen das Bein brach. Einige Kinder aus dem zweiten Schuljahr ringen unter der Aufsicht einer Mutter mit Rundstricknadeln und Wollgarn, andere mit der Neuner-Reihe aus dem Mathebuch.
"Wir wollen den Kindern Werte vermitteln"
Die 192 Kinder lernen in altersgemischten Gruppen, "sie sollen sich vor allem gegenseitig unterstützen", erklärt Pädagogin Stephanie Breuning. Noten gibt es erst in der vierten Klasse. Neben der Lehrerin kümmern sich um jede Klasse zusätzlich zwei Erzieherinnen. Für spezielle Projekte wie das Stricken integriert man gern mal Mütter oder Väter in den Unterricht oder in die Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag. "Wir legen großen Wert darauf, dass die Eltern in den Lebensraum Schule und Hort einbezogen werden", sagt Breuning, die hier seit fünf Jahren unterrichtet.
Schulleiterin Ruth Lemaire betont, ihr ginge es weniger um exotische Fächer oder teuren Firlefanz. "Bei uns stehen andere Dinge an erster Stelle: Wir wollen den Kindern Werte vermitteln, in einem sozialen Lernumfeld. Leistung ist nicht das Einzige, was einen Menschen ausmacht."
Die 48 Plätze der Johannes Brenz Schule werden im Losverfahren vergeben, 60 Euro Schulgeld fallen pro Monat an, die Ganztagesbetreuung im Hort kostet extra. "Wir haben jedoch auch viele Eltern, die nur einen ermäßigten Preis oder auch nichts bezahlen", erklärt Lemaire. "Alle haben bei uns die gleichen Chancen. Das Einkommen der Eltern und die soziale Herkunft eines Kindes spielen keine Rolle."
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